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„Schachtelhausen“ als neue Heimat: 120 Vertriebene kamen in Baracken in Schöngeising, Kreis Fürstenfeldbruck, unter.

Vertreibung der Sudetendeutschen

Vor 70 Jahren: Als Bayern zum Land der Lager wurde

Gilching – Vor 70 Jahren begann die Vertreibung der Sudetendeutschen. 3,5 Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen, der Großteil landete in Bayern. Eine Geschichte über das Ankommen in der neuen Heimat, in der niemand Willkommen rief.

Hilda Bell, 94, empfängt in ihrem Wohnzimmer in Gilching, Kreis Starnberg. Zur Begrüßung sagt sie: „Deutschland, heiliges Wort, du voll Unendlichkeit, über die Zeiten fort bist du gebenedeit.“ Schiller – „das musste ich in der Schule lernen“. Dann setzt sie sich in ihren Sessel und entrollt ein vergilbtes Papier, tschechisch beschrieben. Eine Erinnerung an ihre alte Heimat, die sie einst verlassen musste.

70 Jahre ist das jetzt her: die Vertreibung der Sudetendeutschen. Etwa 3,5 Millionen Deutsche sind nach 1945 aus der ehemaligen Tschechoslowakei nach West-, aber auch Ostdeutschland gekommen, 1,9 Millionen davon nach Bayern. Darunter über viele Umwege auch Hilda Bell. Sie ist Angehörige von Bayerns „viertem Stamm“, sie ist Sudetendeutsche.

Auf dem vergilbten Papier steht „Eduard Kolbe, Kraliky“. Ein Werbeplakat. Eduard Kolbe – das war ihr Vater, er besaß eine Fabrik für landwirtschaftliche Geräte. Und Kraliky – das ist auf Deutsch Grulich. Der Ort im Osten des Sudetenlandes, heute Teil der Tschechischen Republik, wo Hilda Bell, geborene Kolbe, aufgewachsen ist. Sie nennt sich scherzhaft „ein armes Mädchen aus Böhmen“, aber so arm war ihre Familie nicht, sagt sie gleich dazu. Fünf Geschwister, eine unbeschwerte Kindheit, erste Liebe – dann kam der Krieg. Aus Hilda Kolbe wurde jetzt – „da bin ich ganz offen“, sagt sie – eine BDM-Führerin. Über den Krieg könnte die 94-Jährige viel erzählen. Aber heute soll es um Vertreibung gehen.

Prügeltage im Keller des Landratsamtes

1945, der Krieg war vorbei, da kamen die Tschechen. Der Betrieb des Vaters wurde besetzt. Hilda Bell hat alles aufgeschrieben. „Ei Grulich war ich daheeme“ heißt ihr Bericht, in dem sie über Prügeltage im Keller des Landratsamtes berichtet („es gab Tote, blau und schwarz geschlagen“) und über alltägliche Schikanen. Deutsche mussten eine Armbinde mit N („Nemec“ = Deutscher) tragen, auf die Straße ausweichen, sobald ein Tscheche auf dem Gehsteig entgegenkam, und jeden grüßen: „dobry den“ – Guten Tag!

Zum Glück für ihre Familie hielten die alten Geschäftspartner des Vaters zu ihnen. Vor allem auch zu Hilda – denn das Mädchen konnte fließend Tschechisch und hatte bei Geschäften oft übersetzt. „Die Bauern und die Eltern der Lehrbuben kamen, um zu sehen, wie es uns geht“ – von gewaltsamen Übergriffen blieb die Familie bis zur Ausreise verschont.

Nicht alle hatten so viel Glück. Im Zuge der „wilden Vertreibungen“, die letztlich in eine Art ethnische Säuberung mündeten, kam es auch zu Massakern. Am bekanntesten dürfte der Brünner Todesmarsch vom 30. Juni bis 12. Juli 1945 sowie die Aussiger Ertränkungen am 31. Juli 1945 mit jeweils wohl mehreren hundert Toten sein. Im Sommer begann, nach der Phase wilder Spontanexzesse, die Zeit der staatlich organisierten Verfolgung und Drangsalierung, unter denen jetzt auch diejenigen litten, die zuvor keine Nationalsozialisten gewesen waren.

Am Ende stand meist der Transport Richtung Westen

Die Benes-Dekrete von März 1946 ermöglichten die Vermögenseinziehung so genannter „staatlich unzuverlässiger“ Personen – womit bald fast jeder Deutscher gemeint war. Am Ende stand meist der Transport mit dem Zug Richtung Westen: „Lastwagen bringen uns zum Bahnhof, mit Kind und Kegel und Gepäck, unsere letzte Habe“, so hat es Hilda Bell in ihren Aufzeichnungen notiert. Sie landete mit ihrer Familie zunächst in Niedersachsen, neben Bayern der zweite Siedlungsschwerpunkt der Vertriebenen. Später zog sie nach München und dann nach Gilching um.

Mit den Eintreffen der Flüchtlingszüge waren die Behörden in Deutschland 1945/46 überfordert. Den Verantwortlichen in Württemberg-Baden etwa wurde mitgeteilt, dass in der Zeit von 20. bis 29. Oktober 1945 täglich ein Eisenbahntransport mit 1400 Flüchtlingen eintreffen werde. Die Behörden bekamen 24 Stunden Zeit, um zehn Ausladebahnhöfe zu nennen. In Kraiburg, Kreis Mühldorf, kam der erste Zug mit Sudetendeutschen am 23. April 1946 an. Am 25. April der nächste, am 29. April erneut einer.

1200 bis 1700 Menschen wurden in Baracken in dem so genannten Holzlager im Süden der Stadt notdürftig untergebracht. Richtige Häuser gab es lange nicht, denn Kraiburg war vorher nur ein Rüstungswerk der Nazis im Wald gewesen – und in den Baracken hatten Zwangsarbeiter gehaust.

Die "verordnete Assimiliation" fing an

Heimweh hat sie nicht, sagt Hilda Bell. Trotzdem hat sie ihre alte Heimat im Osten des Sudetenlandes in den vergangenen Jahrzehnten oft besucht. Von dort wurden Millionen Menschen vertrieben. D

Oft kamen die Vertriebenen in ehemaligen Holzschuppen des Reichsarbeitsdienstes unter – so etwa die 120 Flüchtlinge, die das kleine Schöngeising (Kreis Fürstenfeldbruck) aufnahm. Ihre Holzbaracken-Siedlung war im Ort als „Schachtelhausen“ bekannt. Was nun geschah, in Kraiburg, Traunreut und anderswo, hat der Historiker Mathias Beer als „verordnete Assimilation“ beschrieben: Die Vertriebenen, fast acht Millionen in Westdeutschland, passten sich an, bauten auf, behielten aber auch ihre Kultur und ihre Eigenheiten. Das merkt man heute noch – wenn ältere Leute „Schnitte“ statt Brotscheibe sagen, kommen sie ziemlich sicher nicht aus Bayern, sondern vielleicht aus Ostpreußen.

Die Assimilation der Vertriebenen könnte durchaus als Blaupause für die heutige Flüchtlingsintegration dienen – zumindest gibt es gewisse Parallelitäten. Aber auch Unterschiede. Wo es ging, wurde 1946 auf eine „breite Streuung im Ansiedlungsgebiet“ geachtet, so der Historiker Beer. Dadurch sollte die angestrebte Anpassung der Vertriebenen gefördert werden. Gezielt wurden ehemalige Bewohner einer Ortschaft verteilt – ein 2000-Einwohner-Ort im Sudetenland wurde in einem Fall auf 158 Ortschaften in den westlichen Besatzungszonen zerstreut.

In Bayern sind für 1946 exakt 764 Transporte mit 777 130 Ausgewiesenen nachgewiesen. Sie kamen zunächst an den sechs Grenzdurchgangslagern an – in Furth im Wald, Wiesau bei Tirschenreuth oder Piding bei Bad Reichenhall. Für die Verteilung sorgten keine undurchschaubaren Megabehörden, sondern ein eigener Staatskommissar mit starken Durchgriffsrechten: Wolfgang Jaenicke war ein Glücksfall, ein Organisationsgenie. Er war selbst ein Vertriebener, seit 1919 Regierungspräsident in Breslau gewesen und nach Kriegsende in Lenggries gelandet. 

Netz von 166 Flüchtlingskommissaren

Jaenicke war kein früherer Nazi, sondern Mitglied der liberalen Deutschen Staatspartei. Er baute ein Netz von 166 Flüchtlingskommissaren auf, die vor Ort die Verteilung steuerten und, manchmal mit sanfter Gewalt, die Unterbringung in Lagern und Behelfsbehausungen sicherstellten. Ihre Zwangsmittel hatten die Größe einer DIN-A5-Seite: „Wohnraum-Erfassungsschein“, hieß ein Instrument, „Beschlagnahme-Verfügung“ ein anderes. Rechtliche Handhabe bot das Gesetz Nr. 18 des Alliierten Kontrollrats, das bestimmte, dass Flüchtlinge auch in Privatwohnungen einquartiert werden durften. Bayern wurde aber auch zu einem Land der Lager (ohne Stacheldraht): Im Oktober 1946 gab es 1381 solcher Barackenstätten mit 151 113 Bewohnern.

Eine Kolonne auf dem Weg zum Bahnhof in Reichenberg/Liberec. Die 94-Jährige wurde mit ihrer Familie damals erst nach Niedersachsen gebracht, über Umwege landete sie dann in Gilching – wo sie noch heute lebt.

Offene Feindschaft war selten, Einheimische blickten aber oft abschätzig auf sie. In Überacker, Kreis Fürstenfeldbruck, beschwerte sich eine Flüchtlingsfrau 1949 bitter über „eine, dem Bürgermeister bekannte, verschworene Clique“, die sogar ein „Haberfeldtreiben“ gegen sie organisiert habe. Andernorts wurden eilig Glühbirnen abgeschraubt oder Öfen demontiert, sobald eine Flüchtlingsfamilie im Anmarsch war. In Geretsried musste die Flüchtlingsfamilie Pawlowski aus Königsberg vier Jahre in einer Holzbaracke leben. Der Bauer, bei dem sie hätten wohnen sollen, riss den Bretterfußboden raus, um das zu verhindern – daran erinnerte sich das damalige Flüchtlingskind Magdalene Marmetschke noch 2011 mit Bitterkeit, als unsere Zeitung sie interviewte. Zu Weihnachten sangen sie „Fröhliche Weihnacht überall“ – ein Kulturschock im katholischen Oberbayern, wo doch „Stille Nacht“ üblich war.

Enorme Auswirkungen der Vertriebenen-Ansiedlung

Obwohl die Vertriebenen über Bayern verstreut waren, bildeten sich doch Siedlungsschwerpunkte heraus. Die meisten Schlesier kamen in Oberfranken und Niederbayern an, Schwaben und Oberbayern wurden zur bevorzugten Heimstatt der Sudetendeutschen. Regelrechte Flüchtlingsgemeinden waren die Ausnahme – aber es gab sie: Neugablonz, Geretsried, Waldkraiburg, Traunreut und Neutraubling waren „ein bayerisches Spezifikum“ der Flüchtlingsansiedlung, so Historiker Walter Ziegler. 

Entlastung brachten auch Umsiedlungsprogramme: Die Vertriebenen wurden auf Bundesländer mit geringerer Aufnahmequote verteilt – so sank die Zahl in Bayern von 1,9 Millionen (1950) auf 1,6 Millionen (1961). Die Auswirkungen der Vertriebenen-Ansiedlung auf das Gefüge Bayerns waren dennoch enorm: Einige Städte, etwa Regensburg, wurden nur durch den Flüchtlingszuzug zu Großstädten von über 100 000 Einwohnern. Die Zeit der konfessionell geschlossenen Gebieten ging zu Ende – 1939 gab es noch 1564 einheitliche Gemeinden, 1946 nur noch neun, schreibt der Historiker Ziegler.

Hilda Bell hat kein Heimweh, so sagt sie. Aber sie hat ihre alte Heimat seit den 1970er-Jahren immer wieder besucht. Das letzte Mal war sie vor drei Jahren in Grulich. Ihr altes Wohnhaus steht noch. Der Sohn einer ehemaligen Freundin wohnt darin, doch der persönliche Kontakt ist abgerissen. Ins Haus dürfe sie nicht, wurde ihr mitgeteilt.

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