Ein Viertel aller Studenten bricht Studium ab

München - Für viele Studenten ist das Studentenleben gar nicht lustig - sie brechen ihr Studium ohne Abschluss ab. Die Gründe sind unklar, ebenso das genaue Ausmaß des Problems.

Die Hochschulreformen der vergangenen Jahre haben offenbar nichts an der hohen Zahl der Studienabbrecher geändert. Nach Schätzungen verlassen nach wie vor 20 bis 30 Prozent der Studenten ihre Hochschulen ohne Abschluss, genaue Zahlen gibt es nicht. Das berichtete das Wissenschaftsministerium am Mittwoch im Hochschulausschuss des Landtags - zum Ärger der Abgeordneten, die exakte Daten verlangten.

Zumindest wurde klar, dass Bayern kein Einzelfall ist und die Abbrecherquoten in anderen Bundesländern ähnlich hoch sind. Bedeutender sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Fächern: Die höchsten Abbrecherquoten gibt es mit geschätzt 47 Prozent in Informatik, die niedrigste bei angehenden Lehrern (6 Prozent). Die Ursachen sind unklar, da es keine verlässliche Untersuchung gibt.

Mehrere Abgeordnete verlangten Gegenmaßnahmen von Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP). Der frühere Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) machte dagegen die Schulen für das Problem verantwortlich.

Nach Schätzung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beenden in Deutschland nur zwei Drittel der Studenten ihr Studium mit einem Abschluss. Das Statistische Bundesamt schätzt die „Erfolgsquote“ dagegen bundesweit auf knapp 75 Prozent, in Bayern auf 80 Prozent.

„Wenn wir's mal grob überschlagen, bleibt jeder Dritte auf der Strecke“, sagte der Ausschussvorsitzende Oliver Jörg (CSU). „Das geht so nicht weiter.“ Bundesweit handele es sich um etwa 800 000 Studenten, die ihr Studium nicht beendeten. Jedem Studienabbrecher entgehe später wegen des fehlenden Abschlusses durchschnittlich 40 000 Euro Einkommen. „Dann haben wir einen volkswirtschaftlichen Schaden von 32 Milliarden Euro.“

Zunächst brach aber wegen der fehlenden Zahlen für Bayern Zorn der Opposition über den Ministerialbeamten Edwin Semke herein. „Das ist unter aller Kanone“, schimpfte die stellvertretende Ausschussvorsitzende Isabell Zacharias (SPD). Die Umstellung auf die international üblichen Studienabschlüsse Bachelor und Master habe an den Universitäten sogar zu höheren Studienabbrecherquoten geführt, obwohl das Gegenteil beabsichtigt gewesen sei. „Das ist ein Skandal.“

Das Wissenschaftsministerium beteuerte seinerseits, dass es die hohe Abbruchquote nicht tatenlos hinnehmen will. „Die sollten auf keinen Fall die Hochschule verlassen, sondern Unterstützung bekommen“, sagte Semke. Einen Grund für die fehlenden Zahlen nannte er in seinem schriftlichen Bericht auch: Wegen des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung der Bürger wurde 1990 die Studienverlaufsstatistik des Bundes abgeschafft.

Ex-Wissenschaftsminister Goppel sieht die Hauptursache in den Schulen und in dem politischen Ziel, immer mehr Studenten an die Hochschulen zu schicken: „Die Quote stimmt nicht, aber sie kann nur verändert werden, wenn die Qualität stimmt.“ Mit „Qualität“ meinte Goppel allumfassend sowohl die Studenten selbst als auch die Lehrer und die Studienberatung. Viele Studenten sind nach Goppels Einschätzung nicht für ein Studium geeignet. Er wundere sich, „dass die Professoren nicht längst vor der Tür stehen und sagen, das Material, das Sie uns liefern, taugt nicht.“ Beratung der Studenten finde nicht wirklich statt.

dpa

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