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Polizisten ermitteln in Reichertshofen im Ortsteil Winden vor einem ehemaligen Landgasthof, der in den frühen Morgenstunden in Brand geraten war. Das noch unbewohnte Gebäude war für den Landkreis als zukünftige Unterkunft für Asylbewerber vorgesehen.

Brandstiftung bei Asylunterkunft

Flüchtlinge sollen trotz Anschlag unterkommen - "Jetzt erst recht"

Reichertshofen - Im oberbayerischen Reichertshofen hat es in der Nacht zum Donnerstag einen Brandanschlag auf ein künftiges Asylbewerberheim gegeben. Fremdenhass als Motiv ist bisher nicht bestätigt, aber wahrscheinlich. Um das Quartier gibt es seit Längerem einen Streit im Ort.

Der Anruf kommt um 5 Uhr morgens. Als der Leiter der Polizeiinspektion Reichertshofen (Kreis Pfaffenhofen an der Ilm) Bürgermeister Michael Franken informiert, ist das Feuer bereits gelöscht. Der Diskotheken-Gastraum in dem früheren Landgasthof ist völlig ausgebrannt. Der Schaden: mindestens 150 000 Euro. Das angrenzende Wohnhaus wurde beschädigt, allerdings handelt es sich dort vor allem um Rauch- und Rußschäden. In dem Wohnhaus hätten bald 67 Asylbewerber einziehen sollen. Es gibt zwei Brandherde – ein deutlicher Hinweis auf Brandstiftung. 

Der Bürgermeister braucht nicht einmal eine halbe Stunde, bis er am Gasthof ankommt. Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamts sind bereits mit Brandspürhunden vor Ort. Kurz nach Michael Franken trifft auch der Pfaffenhofener Landrat Martin Wolf ein. Beide stehen fassungslos vor dem ausgebrannten Gebäude. Beide finden kaum Worte.

"Wir hatten gerade einen Konsens gefunden."

Die Stimmung sei gut gewesen, berichtet Franken. „Wir hatten gerade einen Konsens gefunden.“ Noch vor einigen Wochen hatten die Bürger in Reichertshofen heftig gegen die geplante Unterkunft protestiert. Allerdings sei es dabei nur um die Anzahl der Flüchtlinge gegangen, berichtet Franken. Zuerst sollten 130 Asylbewerber in den ehemaligen Gasthof einziehen. Dann habe man sich auf etwa die Hälfte geeinigt. Negative Stimmung habe es seitdem nicht mehr gegeben. Das berichtet auch Conny Maier, die Leiterin des Asyl-Helferkreises in Reichertshofen. „Die Gemeinde bemüht sich sehr um die Flüchtlinge“, sagt sie. In der 8000-Einwohner-Gemeinde sind seit zwei Jahren Flüchtlinge untergebracht. Die meisten stammen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, berichtet Franken. Einige von ihnen haben in Reichertshofen bereits Arbeitsplätze, andere spielen im Fußballverein. „Sie gehören fest zu unserer Gemeinde, es gibt keinerlei Distanz.“ 

Gemeinde hält an Plänen fest: "Jetzt erst recht."

Umso unverständlicher ist es für Michael Franken, dass die geplante Unterkunft nun angezündet wurde. Es sind zwar keine Schmierereien am Gebäude gefunden wie bei dem Brandanschlag in Vorra vor einem halben Jahr – trotzdem schließt die gegründete Sonderkommission einen fremdenfeindlichen Hintergrund nicht aus. An den Plänen für die neue Unterkunft will die Gemeinde trotz des Anschlags festhalten. „Jetzt erst recht“, betont Bürgermeister Franken. „Wir lassen uns nicht einschüchtern.“ Auch Landrat Martin Wolf sagt: „Das soll ein Signal an die Täter sein.“ Die Schäden im Hauptgebäude seien leicht zu beseitigen, der Einzugstermin werde sich höchstens etwas verschieben. 

Natürlich hätten sich Landrat und Bürgermeistereinen anderen Empfang für die Flüchtlinge gewünscht. Aber Michael Franken geht davon aus, dass durch die Brandstiftung ein Ruck durch den Ort gehe. „Wir sind nun alle aufmerksamer und gehen mit negativen Äußerungen kritischer um“, sagt er. „Und wir werden noch mehr dafür tun, die Flüchtlinge bei uns gut aufzunehmen.“ Diese Zuversicht hatte er bereits wenige Stunden nach dem Brandanschlag. Viele Bürger haben ihm gestern E-Mails oder Facebook-Nachrichten geschickt. Um ihm zu sagen, dass sie mit einer Mahnwache ein Zeichen setzen wollen. Sie wollen sich positionieren – gegen Fremdenfeindlichkeit.

Auf einer Karte bei Google Maps wird die Flüchtlingsunterkunft in Reichertshofen als "Asylkaschemme" bezeichnet

Bei Google Maps kursiert zurzeit eine Karte, in der deutschlandweit Flüchtlingsunterkünfte markiert worden sind. Selbsternannte "besorgte Bürger" sollen die Karte im Zuge der Kampagne "Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft" erstellt haben. Die abgebrannte Flüchtlingsunterkunft wird dort als "Asylkaschemme" bezeichnet. Es ist bislang noch offen, wie Google mit dieser Karte umgehen wird.

Die Tat in Reichertshofen ist kein Einzelfall. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben: Vor etwas mehr als einem halben Jahr hatten im mittelfränkischen Vorra zwei geplante Flüchtlingsunterkünfte gebrannt.  Die Brandstifter sind bis heute nicht gefasst. Auch in anderen Teilen der Bundesrepublik gab es Vorfälle dieser Art: Im Mai brannte ein im Bau befindliches Flüchtlingsheim in Limburgerhof in Rheinland-Pfalz, im April legten Unbekannte in einer fast fertigen Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz in Sachsen-Anhalt Feuer.

Debatte um Flüchtlingszahlen im Landtag: Grüne werfen CSU "unverantwortliche Hetzreden" vor

Staatsregierung und CSU untermauerten unterdessen ihre Forderungen zur Reduzierung der Asylbewerberzahlen am Donnerstag bei einer Flüchtlingsdebatte im Landtag. Zwei zentrale Punkte waren die schnellere Abschiebung abgelehnter Asylbewerber und die schnellere Bearbeitung der Asylanträge beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. 

Politiker von Linken und Grünen kritisierten scharf die bayerische Staatsregierung. „Verbales Zündeln ist Brandbeschleuniger“, sagte der Bundesgeschäftsführer der Linken, Matthias Höhn, in Berlin. „Man muss schon sehr blauäugig sein, wenn man meint, dass dieser unerträgliche Populismus Rechtsaußen nicht als Aufruf zum Handeln verstanden wird.“ Die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen im bayerischen Landtag, Christine Kamm, sagte: „Die unverantwortlichen Hetzreden der CSU-Lautsprecher Söder und Scheuer gegen angeblichen massenhaften Asylmissbrauch haben den Brandstiftern die Argumente für ihre schändliche Tat geliefert.“ Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Markus Rinderspacher, mahnte: „Wir brauchen einen politischen Diskurs, in dem auf geistige Brandstiftung verzichtet wird, da dies reale Feuerteufel nach sich zieht.“

Auch Amnesty International äußerte sich zu dem Brandanschlag in Reichertshofen und einen besseren Schutz für Flüchtlinge in Deutschland gefordert. „Der starke Anstieg rassistisch motivierter Gewalt muss ein Weckruf für die Politik sein, sich rassistischen Ressentiments in der Gesellschaft klar entgegenzustellen“, sagte die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, Selmin Caliskan. Sie kritisierte, dass es immer noch Politiker gebe, die selbst Stimmung gegen Flüchtlinge machten. Es sei beschämend, wenn sich Politiker „in einem reichen Land wie Deutschland auf eine angebliche Überforderung berufen, statt ihrer Pflicht nachzukommen und Flüchtlinge zu schützen“.

Zeugenaufruf der Polizei zum Brandanschlag in Reichertshofen

Die Polizei hat einen Zeugenaufruf gestartet: Es wird gebeten, sachdienliche Hinweise zum Brandanschlag auf die Asylunterkunft in Reichertshofen der Kriminalpolizei Ingolstadt unter der Tel. 0841/9343-0 oder jeder anderen Polizeidienststelle zu melden. Insbesondere Fahrzeuge und Personen, die zur Tatzeit im Bereich des Brandortes standen, seien für die Ermittler von besonderer Bedeutung.

Brandanschlag auf zukünftige Unterkunft für Asylbewerber - Fotos

kwo/dpa/rat

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