Der Chef des Leipziger Gewandhausorchesters über seine Liebe zu dem unterschätzten Künstler
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 LANDSMANN: Riccardo Chailly wurde in Mailand geboren.  Foto: Urs Flueeler/dpa

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Rheinischer Merkur: Was begeistert Sie an der Musik Puccinis?
Riccardo Chailly: Es gibt in Puccinis Opern eine Tiefe, die in der Musikwelt viel zu oft nur als Schönheit der Melodie beschrieben wird. Robert Schumann hat in seinen musikalischen Auseinandersetzungen einmal geschrieben: „Die Königin ist die Melodie, der König aber die Harmonie.“ Beide Komponenten, sagte Schumann scherzhaft, müssen sich gegenseitig wie beim Schachspiel schachmatt setzen. Das ist das Geheimnis. Er hat recht. Puccini ist ein begnadeter Melodienschreiber, der von seiner Fähigkeit des Harmoniegefühls jedoch noch übertroffen wird. Es sind Puccinis Harmonien, in denen die großen Gefühle stecken. Sie äußern sich in der Orchestrierung, in den Neben- und Hauptstimmen der Partituren. Es ist die innere Struktur, die seine Einzigartigkeit ausmacht.
RM: Warum polarisiert Puccinis Musik bis heute?
Chailly: Die Gefühle in Puccinis Musik, die dem Hörer ja wirklich unter die Haut gehen, lassen sich damit erklären, dass er menschliche Dramen beschreibt. Es sind vor allem reale Situationen, die er auf der Bühne inszeniert, Dramatische Geschichten von Männern und Frauen. Das ist für mich der Knackpunkt. Das zweite Merkmal ist die Ehrlichkeit der Gefühle innerhalb des Dramas. Ihm gelingt es, Emotionen zu inszenieren, indem er eine innere Spannung erzeugt. Und diese Spannung wächst aus der Musik. Er versteht es wie kein anderer, die Singstimme im Orchester zu verdoppeln und doch in der Musik ein eigenes paralleles Kontinuum zu schaffen – das ist eine Konstante bei Puccini.
RM: Im Gegensatz zu Wagner oder Verdi brachte Puccini Menschen wie du und ich auf die Bühne. Keine Götter, Kaiser und Könige. Ist das der Grund für seine Popularität?
Chailly: Ich glaube schon. Im Zentrum fast aller seiner Opern steht eine Frauenfigur. Oftmals erscheinen sie in ihrer Rolle als abstrahiert und idealisiert. Es geht ihm nicht nur um weibliche Präsenz oder darum, die Frau mit all ihrem Charisma darzustellen. Es geht Puccini um Sinnlichkeit. Wenn nicht gar bisweilen um deren Erotik. Man denke nur an „Manon Lescaut“ oder „Tosca“. In gewissem Sinne werden die Frauen von Puccini ästhetisiert wie „Madame Butterfly“, „Turandot“ oder die Minnie in „Fanciulla del West“. Das sind Figuren, die für Giacomo Puccini Ideale verkörpern. Und sicherlich sind die Heldinnen, die Puccini in seiner Musik beschreibt, fast immer Frauen, die etwas verändern wollen. Wenn beispielsweise Madame Butterfly auftritt, liegt eine Verklärung, eine Verwandlung in der Musik. Wenn Mimì in „La Bohème“ im ersten Akt auftritt, dann verwandelt sich die Musik. Wenn Turandot im zweiten Akt erscheint, verwandelt sich die Musik. Minnie tritt auf in „Fanciulla del West“, und eine neue Tonwelt öffnet sich. Das heißt, sobald in Puccinis Opern eine große Primadonna auftritt, klingt die Musik wie die Vorahnung von etwas sehr Bedeutsamen, wenn nicht gar einer Katastrophe. Das ist es, was Puccini in seinen Opern zum Ausdruck bringen will. Wohlgemerkt, immer verbunden mit einer neuen musikalischen Idee.
RM: Nach Verdi und Puccini gab es kaum noch bedeutende italienische Opernkomponisten. Hat Puccini in der Opernkunst einen Punkt erreicht, an den spätere Komponisten nur noch schwer anknüpfen konnten?
Chailly: Mit Sicherheit hatten viele Komponisten des Verismo, die unmittelbar auf Puccini folgten, das Problem, einen eigenen Weg zu finden. Das zu schaffen, was Puccini nach Verdi geschaffen hat, eine neue musikalische Dimension, das ist ihnen nicht gelungen. Das bedeutet keinesfalls, dass der Verismo keine wichtige Epoche wäre. Es gibt da wahre Meisterwerke der Musik. Es ist aber eine andere Klangwelt wie auch eine andere Opernwelt, die mit Giacomo Puccini nicht vergleichbar ist. Puccini bleibt ein Unikum, er bleibt ein unnachahmlicher Komponist. Vielleicht auch deswegen, weil die Modernität des späten Puccini so fortgeschritten ist. Der italienische Verismo nach und zur Zeit der „Turandot“ war im Hinblick auf die Musiksprache viel mehr ein Rückschritt als eine Weiterentwicklung.
RM: Was würden Sie einem jungen Dirigenten mit auf den Weg geben, der zum ersten Mal ein Werk von Puccini dirigieren soll?
Chailly: In nahezu jeder Probe wurde Puccini irgendwann wütend und schrie den Dirigenten an: „Maestro! Tempo! Tempo!“ Er hasste Dirigenten, die das von ihm angegebene Tempo nicht einhielten. Er fürchtete sich davor, dass die Musiker zu langsam spielen. „Die Fermate im Halbtakt darf nur den doppelten Wert der geschriebenen Note haben! Haltet euch nicht so lange bei der Fermate auf! So geht das nicht!“ Puccini sagte immer: „Tempi werden mit dem Metronom geschrieben! Meine Musik fügt den Honig bei.“ Puccini liebte die Präzision. Es kommt darauf an, Puccinis Vorstellungen der Tempi zu respektieren. Nicht der Schönheit der Melodie nachgeben, und auch nicht den Fermaten. Das würde ich als Erstes einem jungen Dirigenten raten.
RM: War Puccini ein Genie, vergleichbar mit Mozart, Bach und Beethoven?
Chailly: Absolut. Er ist ein musikalisches Genie. Denn er hat es geschafft, mit seiner Klangwelt etwas Unverwechselbares zu schaffen. Etwas, das man sofort wiedererkennt und das unnachahmlich ist.
RM: Wenn Sie an die Zukunft denken: Wird Puccinis Musik Bestand haben?
Chailly: Ich glaube, Puccini komponierte für die Ewigkeit. Seine Musik ist nun schon so viele Jahre in der Welt. Er ist ein Künstler, der die Menschen immer bewegen wird. Das Publikum will seine Musik hören. Es verspürt den Drang, sich in den Emotionen und Leidenschaften wiederzuerkennen. Deswegen bin ich überzeugt – seine Musik ist von Ewigkeit.