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02.09.2010

60 JAHRE BRD 
Lebe, wofür deine Freunde
ihr Leben gelassen haben

Hildegard Hamm-Brücher erinnert sich an die Anfänge der Bundesrepublik und die Bedeutung der Kultur beim Aufbau der Nation.


Axel Brüggemann im Gespräch mit Hildegard Hamm-Brücher.
Axel Brüggemann: Frau Hamm-Brücher, am Anfang der Bundesrepublik stand das Ende der Diktatur. Wussten die Deutschen 1947 überhaupt etwas mit der politischen Freiheit anzufangen?
 
Hildegard Hamm-Brücher: Nein, das wussten sie natürlich überhaupt nicht. Plötzliche Freiheitswonnen sind ja auch nicht eingetreten – die mussten wir uns erst mühsam erarbeiten. Schließlich hatten die Deutschen 12 Jahre lang unter einer diktatorischen Kontaktsperre gelebt. Und die wirkte Anfang der 50er Jahre noch sehr schwer nach. Außerdem war die Zeit nach dem Krieg eine echte Notzeit, in der man sich noch keine großen Gedanken über politische Systeme machte sondern sich in erster Linie darum kümmerte, ob man am nächsten Tag Kartoffeln zu essen hatte. Die neue Freiheit wurde uns erst allmählich bewusst. Vielleicht erst nach der Währungsreform, als es möglich war, wenigstens die einfachsten Bedürfnisse zu befriedigen. 
 
Brüggemann: Sie meinen, dass das Politische sich in der Nachkriegszeit hauptsächlich im Zwischenmenschlichen abgespielt hat? Im Willen der Deutschen, sich selbst zu retten, irgendwo zwischen Schwarzmarkt und Trümmerfrauen?
 
Hamm-Brücher: Die Frauen, die damals beteiligt waren, werden es wahrscheinlich nicht gern hören, aber ich halte den Mythos der Trümmerfrauen für furchtbar übertrieben. Den deutschen Frauen blieb ja nichts anderes übrig als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: Die meisten Männer waren noch nicht zurückgekehrt. Aber letztlich waren die Trümmerfrauen nur ein Phänomen der ersten Wochen und Monate. Trotzdem wurden sie zum Symbol der Zeit. Es ist aber durchaus wahr, dass der Zusammenhalt in den ersten Monaten nach dem Krieg erstaunlich war, alle versuchten gemeinsam die notdürftige Situation etwas zu verbessern. Von Politik kann in dieser Zeit aber noch keine Rede sein.
 
Brüggemann: Trotzdem zeigte sich langsam der Weg für ein neues Deutschland: die Alliierten wollten das Land demokratisch aufbauen. War den Deutschen dieses „Geschenk“ eigentlich bewusst?
 
Hamm-Brücher: Die politischen Bewegungen waren am Anfang ja noch sehr individuell. In den fünf Jahren nach Kriegsende hatten sich in den Besatzungszonen langsam einzelne Länder formiert, die sich auf Wunsch der Besatzer Verfassungen gegeben haben. Erst allmählich nahmen auch die ersten Landtage ihre Arbeit auf. Ein Großteil dieser Grundordnung fand ohne sonderliches Interesse der meisten Bürger statt – sie waren noch immer bemüht, ihr Leben zu organisieren. Politisch aktiv waren nur ein paar Idealisten, die fest entschlossen waren, die Chance zu nutzen und das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Große politische Vorstellungen gab es allerdings kaum. Wie hätten die auch aussehen sollen? Niemand rechnete damit, dass Deutschland noch einmal geteilt wird und die sowjetisch besetzte Zone ein eigener Staat wird. Zudem war das politische Personal dünn bestückt: Es gab nur wenige Männer, die Erfahrungen aus der Weimarer Republik mitbrachten – einer von ihnen war Theodor Heuss. Als er uns Deutschen ins Stammbuch schrieb „Ich will ein Lied von der Freiheit singen“, war ich persönlich schon ungeheuer beeindruckt. Ich habe plötzlich gemerkt, dass wir die Zukunft Deutschlands selbst in der Hand haben, und dass unser größtes Ziel die Freiheit bleiben muss.
 
Brüggemann: Von welchen Tönen war Ihr persönliches „Lied der Freiheit“ damals geprägt?
 

Hamm-Brücher: Nach dem Ende des Krieges stellte sich bei mir das Gefühl der Befreiung ein – die entsetzliche Angst, die Verfolgung und Not schienen vorbei zu sein. Aber natürlich blieben Zweifel: Ich wusste nicht, wie es meinen Angehörigen ergangen war, etwa meinen Geschwister. Ich war eine der Wenigen aus dem weiteren Kreis der Widerstandbewegung „Weiße Rose“, die relativ ungeschoren davongekommen war und habe mir schon während der Nazi-Diktatur gesagt: „Wenn Du davonkommst, lebst du dafür, wofür deine Kommilitonen ihr Leben gelassen haben.“ Für mich war es also klar, dass ich nach dem Krieg auch Deutschland prägen wollte – in eine freiheitliche, demokratische Richtung. Und so habe ich damals für den Stadtrat in München kandidiert, und konnte wenigstens ein bisschen Not lindern. Mehr konnte die Politik zunächst aber nicht ausrichten. Freiheit bedeutete für mich persönlich, erst einmal keine Angst mehr haben zu müssen.
 
Brüggemann: Wie haben Sie diese Zeit als jugendliches Fräulein mitbekommen – haben Sie Musik gehört, Tanzlokale besucht und die Freiheit auch im Privaten genossen?
 
Hamm-Brücher: Musik war für mich immer sehr wichtig. In der Nazi-Zeit war klassische Musik aus Radio Luxemburg mein Lebenselixier. Die neuen Tanzrhythmen, die nach dem Krieg aufkamen, fand ich zwar ganz nett, aber ich habe mich nicht weiter darum gekümmert. Nun stand die Politik für mich im Vordergrund. Ich habe ja als wissenschaftliche Redakteurin der „Neuen Zeitung“ gearbeitet – und sicherlich da haben wir auch ein bisschen getanzt. Aber ich hatte nie das Gefühl, rausgehen zu müssen, um mich auszutoben. So etwas gab es bei mir nicht.
 
Brüggemann: Wie war die Stimmung unter den jungen deutschen Frauen?
 
Hamm-Brücher: Das Problem war, dass es damals recht wenige junge Menschen gab – viele von den Männern waren im Krieg geblieben. Ich erinnere mich an Frauen, die sich mit Amerikanern einließen – das wurde sehr kritisch von den deutschen Mannsbildern beäugt. Letztlich waren die Deutschen nicht im Friedenstaumel, es ging schon um eine Ernsthaftigkeit, darum wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, auch intellektuell. Dichter wie Wolfgang Borchert und die Anfänge der Gruppe 47 haben mich besonders interessiert, weil sie für mich persönlich den Zeitgeist am besten abbildeten. Nein, das war kein fröhlicher Aufbruch damals, sondern ein bewusst verantwortungsvoller.
 
Brüggemann: Die deutsche Kultur war gespalten: Auf der einen Seite wurde mit Heintje der Holocaust vergessen gemacht, auf der anderen Seite suchten Komponisten in Darmstadt nach Klängen, die auch nach der Diktatur noch möglich waren…
 
Hamm-Brücher: Ich halte es für zutiefst menschlich, dass es unterschiedliche Charaktere gibt – und damit auch unterschiedliche kulturelle Interessen. Es gibt eben nicht nur Menschen, die erneuern wollen, sondern auch welche, die das Alte, das Sentimentale nett finden. Das ist kein deutsches, sondern ein menschliches Phänomen. Aber die Frage nach der deutschen Kultur hat die Leute schon beschäftigt. Theodor Heuss hat immer wieder daran erinnert, dass die Deutschen keine Kultur haben, auf die sie stolz sein können. Er hat vor der „verjährten Gesinnung“ gewarnt. Es ging darum, einen neuen Geist zu schaffen – und das ging nur mit einem neuen, kritischen Bewusstsein. Ich glaube fest daran, dass ein Volk ebenso wie ein einzelner Mensch aus der Geschichte und den eigenen Erfahrungen lernen kann. Und ich glaube auch, dass die Kultur Ausdruck dieses Lernens ist. Ich denke, dass wir diesen Prozess im großen und ganzen auch sehr gut hinter uns gebrach haben.
 
Brüggemann: Welche Rolle hat die amerikanische Kultur in der Nachkriegszeit gespielt? Waren der Jazz und der Swing die besten CARE-Pakete, um die Deutschen von der Kultur der Alliierten zu überzeugen?
 
Hamm-Brücher: Tatsächlich gab es von Beginn an eine große Zuneigung der Deutschen zu ihren Besatzern. Sie haben schließlich dafür gesorgt, dass wir wieder Bücher lesen und Musik hören konnten. Nach Jahren der Drangsalierung war das für uns eine Herausforderung: plötzlich spürten wir wie gigantisch groß der Nachholbedarf war. Natürlich spielte der amerikanische Jazz, der Swing, aber auch die amerikanische Literatur dabei eine große Rolle. Ich habe diese Dinge aufgesogen, und vielleicht lag es auch daran, dass ich die Nürnberger Prozesse nicht als Siegerjustiz verstanden habe, wie das in Deutschland üblich war, sondern als legitime Fragen an die Verantwortlichen einer Diktatur. Letztlich hat sich schon in diesem Stadium der Grundkonflikt der 60er Jahre abgezeichnet: Viele Deutsche wollten einfach vergessen, aber eine junge Generation begann Fragen zu stellen. Fragen, die entscheidend für den Weg unserer Demokratie waren.
 
Brüggemann: Mit dem Parlamentarischen Rat wurde die Politik dann organisiert – das Grundgesetz entstand.
 
Hamm-Brücher: Aber der Rat stieß zunächst auf großen Widerstand. Als die Ministerpräsidenten von den Alliierten zusammengerufen und aufgefordert wurden, sich einen eignen Staat zu bauen, gingen sie zunächst wieder auseinander, weil sie gar kein Interesse daran hatten, ihre regionale Macht aufzugeben. Erst als einige vernünftige Männer gesagt haben, dass wir noch einmal ganz anders anfangen müssten, kehrte die Einsicht ein. All das war keine Initiative der Deutschen sondern der Alliierten. Zum Glück hatten wir nun doch noch einige kundige Leute der Weimarer Zeit unter uns, sie führten die alte Verfassung ins Feld und fragten sich, was sich in Deutschland nicht wiederholen dürfe. Aus diesen Gedanken ist letztlich das Grundgesetz entstanden.
 
Brüggemann: Sie meinen, die Deutschen mussten zu ihrem Glück gezwungen werden?
 
Hamm-Brücher: Wenn man die Protokolle der Schlussdebatte vom 23. Mai 1949 liest, überwogen Skepsis, Zweifel und das Vorurteil, dass das Grundgesetz ein Provisorium und eine Notlösung sei. Nur zwei Mitglieder haben gesagt: „Das ist jetzt eine Chance.“ Der eine war Konrad Adenauer, der glaubte, dass es sich um den ersten frohen Tag nach 1933 gehandelt habe, der andere war Theodor Heuss. Er freute sich über „ein kleines Stück festen Boden unter dem deutschen Schicksal.“ Die beiden waren auch die entscheidenden Männer, die dafür gesorgt haben, dass dieses Stück Boden allmählich etwas größer wurde.
 
Brüggemann: Haben Sie manchmal empfunden, dass Sie gegen ihre Landsleute argumentieren mussten?
 
Hamm-Brücher: Gerade meine Beteiligung an der studentischen Widerstandsbewegung hat dafür gesorgt, dass ich mich oft mutterselenallein ein Deutschland fühlte. Die meisten Deutschen haben viel zu lange an den Endsieg geglaubt und waren sich überhaupt nicht im Klaren darüber, dass jeder von uns ein Stück der politischen Verantwortung zu tragen hat. Sie haben sich lieber mit den Obrigkeitszwängen herausgeredet. In sofern war ich tatsächlich lange eine Außenseiterin. Es gab ja auch kaum Frauen in der Politik. Theodor Heuss sagte zu mir: „Mädel sie müssen in die Politik.“ Er hat für mich den Weg vorgedacht – und ich wusste, dass der auch den Widerstand gegen die eigenen Landsleute beinhaltet. Heuss war ja ein Mann der Kultur, ein großer Schriftsteller, ein Zeichner, ein Historiker, einer der alle Bezüge herstellen konnte. Ein allroundgebildeter Mann, ein Politiker wie es ihn heute auch nicht mehr gibt. Die Zustimmung, die unsere Politik später gefunden hat, war damals noch gar nicht abzusehen. Letztlich sind wir in unserer Politik nur unsere eigenen, idealistischen Wege gegangen.
 
Brüggemann: Gerade das scheint sich heute verändert zu haben – viele Politiker vertrauen eher der Parteiraison… 
 
Hamm-Brücher: Die gesamte politische Kultur hat sich verändert. Ich glaube schon, dass es einen Unterschied macht, mit welchem Ziel man Politik betreibt. Meine Generation hat nach dem Ende der Diktatur erkannt, dass die Politik ein wesentliches Mittel ist, die Freiheit zu bewahren und zu verhindern, dass es noch einmal eine so schreckliche Zeit der Angst, der Verfolgung und der geistigen Armut gibt wie damals. Heute ist das anderes, aber ich würde mir schon wünschen, dass jeder Politiker begreift, dass es eine seiner wichtigsten Aufgaben ist, dafür zu streiten, dass die Bedeutung der Politik nicht nur den Politikern sondern auch jedem einzelnen Bürger deutlich wird. 
 
Das Gespräch mit Hildegard Hamm-Brücher führte Axel Brüggemann. Es ist Teil des Filmes „Heintje, Henze, Nina Hagen – 60 Jahre Musik in der BRD“, der am 3. November um 23.15 Uhr im WDR Fernsehen gezeigt wird: Axel Fuhrmann und Axel Brüggemann unternehmen darin eine Zeitreise durch die Musik, die Politik und die Gesellschaft der BRD, bei der Politiker, Musiker und Künstler zu Wort kommen.

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