Rheinischer Merkur
 
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Datum: 01.04.2010


KRITIK 
„Leichen fahren nicht gen Himmel“

Klaus-Peter Jörns hält die leibliche Auferstehung für ein modernes Missverständnis.

Rheinischer Merkur: Wie verstehen Sie das Evangelium, wenn vom leeren Grab die Rede ist?

Klaus-Peter Jörns: Die Ostererzählung ist nicht nur auf Griechisch geschrieben, wie das gesamte Neue Testament, sondern auch griechisch gedacht. Die christlichen Missionare haben innerhalb der hellenistischen Kultur und Tradition ihren Glauben daran verständlich machen müssen, dass die Beziehung zwischen Jesus und den Menschen durch Jesu Hinrichtung nicht zerstört werden konnte. Das ist nichts anderes, als was jeder Pfarrer heute in seiner Predigt macht. Mithilfe der kulturellen Standards seiner Zeit kann er den Glauben, Gott und Jesus der Gemeinde näherbringen.

Außerdem war es nicht beabsichtigt, dass der tote Jesus verehrt wird. Das war nur möglich, wenn es keinen Ort für die Verehrung gab, keine Leiche. Das Entscheidende an der Ostererzählung ist die lebendige Beziehung zu dem Auferstandenen, nicht zum Toten. Ein weiterer Aspekt bei der Erzählung vom leeren Grab ist die Bildrede. Es geht hier um eine Metapher, also nicht um die Wirklichkeit. Wenn Jesus im Johannesevangelium sagt, ich bin die Tür, das Licht der Welt, der Weinstock, dann ist das ja auch nicht wörtlich zu nehmen. Vielmehr drücken diese Bilder die Art der Beziehung aus, die die Menschen zu Christus haben. Er ist der Weinstock, von dem sie leben, und die Tür zu einem anderen Leben. Wer diese Bildsprache zerstört, zerstört diese Aussage.

RM: Sie glauben also nicht an die leibhaftige Auferstehung Jesu Christi?

Jörns: Nein. An eine so mirakulöse Geschichte kann ich nicht glauben. Alle Friedhöfe, die ich kenne, zeichnen sich dadurch aus, dass die Bestatteten dort verwest sind und nur die Knochen übrig bleiben. Mit Jesus wird es genauso gewesen sein.

RM: „Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig“, heißt es im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus. Ist nicht die leibhaftige Auferstehung der Kern des christlichen Glaubens?

Jörns: Das ist ein modernes Missverständnis von Auferstehung. Die Moderne versteht die Bildsprache nicht mehr, sondern materialisiert sie. Der Glaube an Jesus Christus, den Auferstandenen, wird so zu einem Mirakel. Es wird so getan, als wäre Jesus nicht nur wieder da, sondern als wäre er sogar gen Himmel gefahren. Wohin soll er denn gefahren sein? Das hat keinen Bezug zur Wirklichkeit, wie wir sie kennen. Paulus sagt: Jesus ist der „Erstgeborene von den Toten“. Auferstehung als Neugeburt setzt den wirklichen Tod samt Verwesung voraus. Das hat Paulus viel besser verstanden als diejenigen, die nur das Bild vom leeren Grab übernommen haben. Mit Sicherheit hat er auch den griechischen Brauch gekannt, „leere Gräber“, auf griechisch Kenotaphe, als Gedächtnisstätten ohne Leichen zu bauen. Und deshalb hat er den Begriff vom leeren Grab in seinen Auferstehungspredigten nicht verwendet.

RM: Der Titel eines Ihrer Bücher lautet „Notwendige Abschiede“. Warum wollen Sie Abschied von 2000-jährigen Glaubensvorstellungen nehmen?

Jörns: Weil wir ein anderes Weltbild haben. Das Stichwort „leeres Grab“ zum Beispiel löst, wenn man es nicht mehr als Bildwort versteht, nur Missverständnisse aus. Die Menschen sollten nicht an eine verdinglichte Form der Auferstehung glauben. Alle, die Jesus wieder auferweckt hat, sind später gestorben. Es war nur ein vorübergehendes Leben. Entscheidend an diesen Geschichten ist die zeichenhafte Handlung, die deutlich macht, in Jesus ist das Leben. In der griechischen Mythologie finden wir vergleichbare Geschichten von Asklepios.

RM: Aber die Idee von Jesus Christus ist etwas ganz Neues, ein Einschnitt. Kann man überhaupt Verbindungen zu den antiken Kulturen ziehen?

Jörns: Religionen fangen niemals bei null an, sondern bewegen sich in der Lebenswelt der jeweiligen Vorgängerreligionen, die sie in einigen Punkten verändern. Sonst könnte keiner verstehen, worum es ihnen geht. Ebenso sind wir heute als Theologen gefragt, unsere eigene Vorstellungswelt und Kultur mit unserem Glauben und Denken zu verbinden. Und nicht irgendwelche Sonderbezirke zu verteidigen, für die es keine Wirklichkeit gibt.

RM: Was sagen Sie Christen, die noch immer von Herzen an das leere Grab glauben?

Jörns: Ich kenne keinen Menschen, der das leere Grab als Zentrum seines Glaubens sieht. Wäre Jesus tatsächlich gen Himmel gefahren, wäre seine Auferstehung für mich völlig uninteressant. Leichen fahren nicht gen Himmel.

RM: Christus ist auferstanden, damit alle Menschen das ewige Leben erlangen können. Was passiert nach ihrem Tod?

Jörns: Wo soll es im Weltall einen Ort geben, an dem hinaufschwebende Leiber aufbewahrt werden? Karl Friedrich von Weizsäcker hat gesagt, das Eigentliche des Wirklichen, das uns begegnet, ist Geist. Auf den Glauben übertragen heißt das: Die Lebensenergie der Gottesbeziehung hält sich durch. Die Gestalt des Lebens aber wandelt sich im Tod. Auf der Rückseite des Todes ist neues Leben, im Sinne von neuem Leben in einer Gestalt, die wir nicht kennen. Aber so wie Christus durch den Heiligen Geist mit Gott verbunden ist, werden wir es auch sein.

RM: Wenn die Auferstehung Christi nicht wörtlich zu verstehen ist, was können wir dann noch glauben?

Jörns: Glaube drückt immer eine Beziehung zwischen Gott und Menschen aus. Das Entscheidende ist, dass Menschen sich in der Beziehung zu Gott geborgen fühlen und lernen, leben und sterben zu können und nicht nur zu müssen. Jesus hat gewusst, dass das Leben schwer ist und dass wir Gottes Liebe und Hilfe brauchen. Weil er sie uns ohne jede Bedingung zugesagt und die Leiden der Menschen geteilt hat, ist er mein Weg zu Gott und zum Leben.

Evangelische Weltethik
Klaus-Peter Jörns gehört zu den umstrittensten evangelischen Theologen der Gegenwart. Sein Buch „Notwendige Abschiede“ von 2004, in dem er ein von Wundern und Absolutheitsansprüchen gereinigtes Christentum fordert, ist in vierter Auflage erschienen. Tief geprägt haben ihn Gespräche mit seiner sterbenden Mutter und ein daraus hervorgegangenes Umfrageprojekt über das, „was Leute wirklich glauben“. Seine Entdeckung war, dass sich die Sehnsucht vieler Menschen nach einem gelingenden Leben und die großen Themen der Theologie kaum deckten. Er hat sein theologisches Konzept zu einer interreligiösen Anschlussfähigkeit umgebaut, zeigt Nähe zur Stiftung Weltethos von Hans Küng und sitzt im Kuratorium der Eugen-Biser-Stiftung. W. T.
 Das Gespräch führte Anna-Verena Ruster.
© Rheinischer Merkur Nr. 13, 01.04.2010
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