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Die eigene Unsicherheit einfach wegtanzen – doch wenn die Party zu Ende ist, hat Tina (Carolyn Genzkow) Probleme, ihren Platz im Leben zu finden.

Filmkritik

Das Fremde in ihr: "Der Nachtmahr"

München - „Der Nachtmahr“ von Akiz erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden mit Mut zu Neuem und den Mitteln des Gruselfilms. Lesen Sie hier unsere Kinokritik.

Es gibt sie, auch im deutschen Kino: Filme, die Neues wagen, die sich weder auf die immer gleiche Dramaturgie noch auf bekannte Gesichter verlassen. Filme, die Grenzen austesten, die mit wenig Geld und viel Idealismus gemacht werden – und dennoch ihren Weg in die Lichtspielhäuser finden. Zum Glück.

„Der Nachtmahr“ ist ein solcher Film, der trotz einiger Schwächen mit hohem Tempo über die Leinwand rauscht. Regisseur Akiz, der eigentlich Achim Bornhak heißt, erzählt seine Geschichte vom Erwachsenwerden mit den Mitteln des Horrorfilms, doch ohne die abstoßenden Grausamkeiten des Genres. Sein Drama könnte allerdings auch die Geschichte eines sehr langen, sehr bösen Drogentrips sein; gerade dieser Interpretationsspielraum macht den Reiz der Produktion aus.

Tina gehört dazu - und ist doch Außenseiter

Hauptfigur Tina lebt sorgenfrei in Berlin, wird bald 18 und tanzt durch die Nächte in Clubs und auf illegalen Feiern zu harten Technobeats. Alles normal eigentlich – wäre da nicht Tinas Gefühl, nicht ganz dazuzugehören zu ihrer Clique. Eindrucksvoll, doch unaufdringlich inszeniert Akiz die ersten Szenen, in der die Mädchen zu einer Poolparty fahren. Hier deutet sich bereits der Verlauf der Geschichte an. Denn der Regisseur benötigt nur wenige Blicke seiner Hauptdarstellerin Carolyn Genzkow, um klarzumachen, wie seine Protagonistin sich fühlt: so ausgestellt wie eines jener missgestalteten Wesen, die Tina und ihre Klasse am selben Tag im Bio-Unterricht als Präparat in Formaldehyd gesehen haben. Sie gehört dazu – und ist zugleich Außenseiter.

Es wäre ein Jammer, an dieser Stelle zu viel zu verraten. Der titelgebende Nachtmahr kommt jedenfalls sehr rasch als sehr konkreter Albtraum über und in Tinas Leben. Dieses Wesen zwischen E.T. und Gollum überfordert sie, ihre Eltern, ihren Therapeuten, ihre Freunde sowieso. „Ich bin doch kein Freak“, sagt sie einmal – und es dauert, bis die junge Frau erkennt, dass es darum gar nicht geht. Zwischen Stroboskopblitzen, verschwitzten Körpern und Schwaden aus der Nebelmaschine erzählt der Film, der von den verschachtelten Welten eines Franz Kafka, David Lynch und David Cronenberg beeinflusst ist, vom schweren Weg zur Selbstakzeptanz.

Die Clubatmosphäre kommt kaum gefiltert in den Kinosaal

Akiz, der bereits mit zwei Kurzfilmen für den Oscar nominiert war, findet für diese Produktion eine überzeugende Bild- und Schnittsprache. Clemens Baumeisters Kamera holt die Clubatmosphäre kaum gefiltert in den Kinosaal und hält alle übrigen Szenen derart auf Distanz, dass der Zuschauer ein Gefühl für Tinas Verlorenheit erhält.

Genzkow zeigt diese Frau zwischen Jugend- und Erwachsenenwelt mit großer Empathie. Ihre Tina will keine Weltentwürfe verhandeln, bei ihr geht es nicht um Emanzipation oder Selbstverwirklichung. Sie will nur ihren Platz im Leben finden – und Carolyn Genzkow spielt diese Suche derart engagiert und glaubwürdig, dass man dem „Nachtmahr“ sogar sein etwas hilfloses Ende verzeiht.

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