Eine junge Frau kommt in die Kälte

- Eine junge Frau sitzt im Nachthemd auf dem Sofa. Beige-graues Pastell prägt den Raum, im Hintergrund stehen rosafarbene Torten. Plötzlich schaut sie direkt, verführerisch und ironisch lächelnd in die Kamera - Kirsten Dunst ist "Marie Antoinette" in Sofia Coppolas drittem Film, der im Wettbewerb von Cannes mit dieser Szene startet. Ein Film über Glamour und die Konsumgesellschaft, über junge Frauen zu allen Zeiten und über Einsamkeit.

Coppolas Popmärchen, genau das macht den Streifen groß, ist ein Plädoyer für die Freiheit des Filmemachens.

Den Siedepunkt im zweiten Drittel erreicht

Immer wieder überschreitet sie die scheinbar vorgegebenen Formen und will nicht akzeptieren, wie "man von Marie Antoinette zu erzählen hat". Beim Maskenball tanzt die Gesellschaft zu Techno, ein schneller Zusammenschnitt von Luxusgütern zeigt mitten in kostbaren historischen Stiefeln für Sekundenbruchteile ein hellblaues Paar Converse-Turnschuhe. Das sagt alles über die Haltung der Regisseurin, die von modernen Gefühlen erzählen will und wie in ihren früheren Filmen eher dahindriftet als einer Geschichte zu folgen.

"Marie Antoinette" spart die berühmtesten historischen Ereignisse bewusst aus und zeigt, wie es sich anfühlt, erst Prinzessin und dann Königin zu sein. Coppolas Königin, von Dunst nuanciert gespielt, ist ein Teenager voller Sehnsucht und Unsicherheit, später ein einsamer, verletzlicher Mensch, der erst dem Hof, dann der Klatschpresse und am Ende der Masse ausgesetzt ist, eine junge Frau, die in die Kälte kommt.

Dies war der letzte Höhepunkt eines Festivals, das nach mäßigem Beginn im zweiten Drittel seinen Siedepunkt erreichte und ohne klaren Favoriten für die Preisverleihung am Sonntagabend in seine letzten Tage geht. Wichtig wird sein, ob die Jury sich für jene Filme entscheidet, die wie Coppola das Publikum zwischen Jubel und Buh-Rufen spalteten, oder für jene, die allen irgendwie gefallen, aber nur kaum Leidenschaft entzünden wie Almodóvars "Volver", der derzeitige, knappe Favorit vor Coppola und dem Emotionsdrama "Babel", in dem Alejandro González Inárritu im Stil seines "Amorres Perros" drei Handlungsebenen zusammenprallen lässt. Beeindruckt hat auch Lou Yes "Summer Palace", der im Vorfeld schon für Proteste der chinesischen Regierung sorgte: intensive und sinnliche Bilder über den Sommer 1989 vor dem Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz. Alles ist eine Bewegung, die Erzählweise fragmentarisch, und ein bisschen wirkt alles wie eine chinesische Version von Bertoluccis "Träumer": Liebe und Revolution, Masturbieren und Bücher klauen, Demos und Sex.

Erzählt wird minutenlang ohne Dialog, nur mit Bildern, Blicken, Gesten. Doch der Schatten des Kommenden liegt von Anfang an auf der Geschichte - und da der Regisseur von Peking für den Film bereits mit fünfjährigem Berufsverbot belegt wurde, wäre ein Preis für ihn auch politisch geboten.

Das Publikum gespalten hat ebenfalls Bruno Dumont. "Flandres", dem man hier immerhin eine Außenseiterchance gibt, gelingt die Ehrenrettung des europäischen Autorenfilms. Der Titel weckt Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg, aber auch an die gefürchteten flandrischen Landsknechte des Dreißigjährigen Kriegs. Es beginnt mit Szenen aus dem Bauernleben. Es ist primitiv und stupide. Es ist kalt, es ist feucht, die Leute sitzen im Matsch, am Feuer.

Man sieht Barbe, ein Mädchen wie von Vermeer, und zwei junge Bauern, die sie liebt. Dann müssen die beiden in irgendeinen schmutzigen Krieg in der Wüste. Es könnte auch alles im 19. Jahrhundert spielen. Der Film zeigt kurz und lakonisch französische Soldaten, die morden und vergewaltigen - ein sinnloses, gewalttätiges Chaos aus Zufall und Amoral. Die zwei Bauern werden gefangen, gefoltert, entkommen, einer stirbt, der andere kehrt am Ende zurück zu Barbe.

"Flandres" ist eine Geschichte über die Unschuld am Anfang, den Sündenfall und die Beichte am Ende. Und über die Liebe - atmosphärisch dicht, traumwandlerisch, mit Anspielungen und Verweisen auf die Kulturgeschichte souverän spielend. Ein Meisterwerk.

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