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Redakteurin Katja Kraft (l.) mit Regisseur Oliver Stone.

Regisseur beim Münchner Merkur

Interview mit Oliver Stone: "Merkel akzeptiert die US-Dominanz"

München - Regisseur Oliver Stone ist derzeit in München. Im Münchner Merkur spricht er über seinen neuen Film „Snowden“, seine Kritik an der deutschen Kanzlerin und die US-Wahl.

Edward Snowden erschütterte 2013 die Welt: Der NSA-Mitarbeiter machte öffentlich, wie die USA durch Überwachungsprogramme bis in intimste Privatbereiche eindringen. Selbst das Handy von Kanzlerin Angela Merkel wurde abgehört. Regisseur Oliver Stone („Platoon“) hat sich den Stoff vorgenommen und daraus einen mitreißenden Thriller gemacht (die Kritik lesen Sie morgen), den er jetzt in München vorstellte. Wir trafen den Querdenker, der gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert hat.

Sie haben große Teile von „Snowden“ in München gedreht. Aus Angst vor erschwerten Drehbedingungen in den USA?

Oliver Stone: Ja, nachdem die großen amerikanischen Studios das Projekt abgelehnt hatten, waren wir unsicher, wie ein Dreh in den USA aufgenommen werden würde. Deshalb gingen wir an einen Ort, an dem wir uns willkommen fühlten. Deutschland leistete nicht nur finanzielle Zuschüsse, sondern stand auch hinter dem Projekt. Durch ihre Erfahrungen mit totalitären Regimen haben die Deutschen viel mehr Verständnis für das, was Snowden getan hat.

Doch wie man hört, soll auch BMW Probleme mit dem Film gehabt haben.

Stone: BMW? Oh ja. Es war das amerikanische Unternehmen, das zum deutschen Mutterkonzern sagte: Kooperiert nicht mit diesem Film! Deshalb konnte der Produzent Philip Schulz-Deyle hier keinen Deal machen. Obwohl er für seine vorherigen Projekte immer von BMW unterstützt worden war. Das verrät einiges über den internationalen Einfluss von Konzernen, die zu allem, was umstritten ist, „Nein!“ sagen. BMW – ich meine, come on!

Sie haben Snowden während der Vorbereitung Ihres Films häufig getroffen – was ist er für ein Typ?

Stone: Ziemlich genau der Mann, den Sie auf der Leinwand sehen. Er ist einer, der die meiste Zeit vor dem Bildschirm hockt. Sehr intelligent, sehr selbstbewusst. Das ist schon ziemlich besonders, als 29-Jähriger sein komplettes Leben hinter sich zu lassen. 30 000 Mitarbeiter arbeiten bei der NSA, doch sie spüren nicht, dass sie Unrecht tun. Da waren nur William Binney, Thomas Drake und nun er – nur drei Menschen, die der NSA den Rücken gekehrt und über deren Handeln aufgeklärt haben. Klar ist es leicht, von außen über alle anderen zu urteilen. Wenn du in einem Job hängst, der unmoralisch ist, und du lebst in einer Gesellschaft, die das duldet, ist es schwierig für jeden. Die meisten Menschen müssen Kompromisse mit dem System machen, um Geld zu verdienen.

Im Film üben Sie Kritik an der US-Regierung, die nichts geändert hat, seit Snowden die Fakten aufgedeckt hat. Glauben Sie, dass Clinton oder Trump etwas ändern werden?

Stone: Nun, keiner von beiden spricht darüber. Sie thematisieren es nicht. Genau das ist das Problem in Amerika. Wir haben keine wirklichen demokratischen Kandidaten, die die Interessen des Volkes vertreten. Sie repräsentieren Parteiinteressen, doch beide Parteien sind bereit, Krieg zu führen. Wir haben so viele Stützpunkte auf der Welt. Wir sind ein gigantisches Empire. Die Menschen realisieren das nicht. Die Bürger der USA sind isoliert, ihnen fällt nicht auf, dass wir uns ständig in anderer Leute Angelegenheiten einmischen.

Wird der Wahltag ein trauriger Tag? Bleibt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera?

Stone: Ja, es wird ein trauriger Tag. Was das Land benötigt, ist ein wahrer Demokrat. Die Demokraten waren einst eine Friedenspartei, doch sie haben sich zu einer Kriegspartei entwickelt. Frau Clinton liegt im Bett mit den New Yorker Konservativen was ihr Ziel angeht: Amerikas Vorrangstellung. Dass sie ihre Politik darauf ausrichtet, ist gefährlich. Man sollte eine Balance der Kräfte anstreben, das ist wichtig für die Welt.

Sind Sie noch in Kontakt mit Snowden?

Stone: Ja, aber ich rufe ihn nicht ständig an. (Lacht.)

Sollte er nicht hier in Deutschland sein?

Stone: Natürlich! Gerade in Deutschland gibt es ja Parlamentarier, die sich für ihn einsetzen.

Geholfen hat es nichts.

Stone:Wegen Frau Merkel! Merkel akzeptiert die amerikanische Dominanz in Deutschland. Sie hat sich nicht besonders beschwert, als sie abgehört wurde. Gerhard Schröder war ein Held, er hatte den Mut, sich gegen Bush und den Irakkrieg zu erheben. Das sehe ich nicht bei Merkel.

Sie schätzen ihre Politik nicht besonders?

Stone: Ich mag ihre Griechenland-Politik nicht, auch nicht, dass sie Aktionen gegen Russland unterstützt. Ich denke, sie ist in der Lage, den Dialog aufrechtzuerhalten. Aber der wird von den USA kontrolliert.

Was kann jeder Einzelne tun?

Stone: Ich würde bei der digitalen Kommunikation so viel verschlüsseln wie möglich. Ich würde verschiedene Passwörter nutzen. Ich würde darüber nachdenken, wie es gelingen kann, die Wahrheit zu verbreiten. Wir machen uns über die wahren Ziele der USA etwas vor. Wir sollten uns nicht allzu beschützt fühlen von einem System, das seit dem Zweiten Weltkrieg besteht. Es ist eine gefährliche Welt. Ich glaube an Freundschaft, Allianzen und Diplomatie. Unterstütze das, wenn du kannst. Unterstütze das Konzept des Friedens. Erinnere Menschen daran, der anderen Seite zuzuhören, ehe man sie dämonisiert.

Hollywood-Regisseur Oliver Stone feiert in der Käfer Wiesn-Schänke

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