Ein Postkartenidyll

“Egon Schiele“: Vergeudete Mühe

Regisseur Dieter Berner hatte so viele Möglichkeiten und nutzte sie dennoch nicht vollkommen aus. „Egon Schiele“ könnte im Kino so viel mehr sein.

Es kommt vor, dass ein starker Hauptdarsteller ein maues Drehbuch und eine schwache Inszenierung rettet. Dann wiederum gibt es Filme, deren Geschichte und Machart derart packend sind, dass selbst schwache Schauspieler nicht wirklich stören. Und schließlich gibt es „Egon Schiele“: Würden nicht Maresi Riegner und Valerie Pachner in dieser Kino-Biografie des österreichischen Malers (1890-1918) in Nebenrollen mitspielen, müsste über diesen Film nicht weiter gesprochen werden.

Dabei hatte Regisseur Dieter Berner beste Voraussetzungen, ein packendes, wildes Stück zu inszenieren. Er konzentriert sich auf die Jahre zwischen 1910 und 1918, erzählt von Schieles Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten in der Kunst, von der enormen Lust des jungen Mannes am Leben. Doch Berner zeigt diesen künstlerischen wie privaten Ausbruch als braven Sonntagsspaziergang.

Schiele provozierte und überforderte mit seinen Arbeiten, die den Körper zwischen Sex, Verstümmelung und Tod verstörend ausstellten, die Sehgewohnheiten seiner Zeitgenossen. Seine Aktmalereien werteten Sittenwächter und Justiz als Kampfansage – doch dieser Film lässt all das auf die Lieblichkeit eines Postkartenidylls schrumpfen. Kino kann aber mehr. Berner wäre ein kleiner Teil jenes Mutes zu wünschen gewesen, den der von ihm Porträtierte vor 100 Jahren aufgebracht hatte. Dann hätte „Egon Schiele“ eine Ahnung von der Sprengkraft der Kunst vermitteln können. Doch wer einen Film über einen Künstler wie den Österreicher dreht, der für sein Werk brannte, darf nicht mit Teelichtlein arbeiten.

Regisseur Berner hat das Potenzial vergeudet

Auch Hauptdarsteller Noah Saavedra fehlt das Feuer – außer der Optik ist bei ihm wenig zu holen. Doch ein schöner Mann macht noch keinen überzeugenden Schauspieler, und so ist Saavedra chancenlos gegen seine Kolleginnen. Riegner, die als Schieles jüngere Schwester Gerti beeindruckt, und Pachner als dessen Lieblingsmodell Wally zeigen, wie dieser Film auch hätte werden können: leidenschaftlich und punktgenau gespielt. Beiden genügen wenige Gesten, kurze Blicke, um die Zuschauer für das Schicksal ihrer Figuren zu interessieren. Vor allem Pachner, den Münchnern als Ensemblemitglied des Residenztheaters bekannt, ist zu wünschen, dass sie bei ihrer nächsten Kinoarbeit herausgefordert wird. Im Sommer hat sie mit US-Regisseur Terrence Malick gedreht – und der gilt nicht gerade als verzagt.

Berner hat dieses Potenzial vergeudet. Das ist umso bedauerlicher, da sein Film – außer den Nebendarstellerinnen – einige weitere gute Ansätze hat: Da wird der Spiegel, den sich Schiele von der Mutter borgte, wie nebenbei zum Leitmotiv der Geschichte; Carsten Thiele lässt seine Kamera gern in die Luft gehen und nimmt so in der Bildgestaltung das Schiele-Zitat „Der Blick von oben bringt immer was“ auf; und nicht zuletzt ist die Tatsache, dass alle relevanten Figuren mit Muttersprachlern besetzt wurden (manche Szenen sind untertitelt), im Filmgeschäft so selten wie gut.

„Egon Schiele“

Mit Noah Saavedra, Maresi Riegner, Valerie Pachner Regie: Dieter Berner

Laufzeit: 109 Minuten

Einen besseren visuellen Eindruck von Leben und Schaffen des Malers gibt Xavier Costes Comic-Biografie „Egon Schiele“ (Knesebeck, 66 Seiten; 19,95 Euro).

Rubriklistenbild: © Screenshot/Snacktv

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