Sind das die nächsten Oscar-Kandidaten?

Unser Film der Woche: „Florence Foster Jenkins“

Sie ist bizarr, schrullig, die schlechteste Sängerin der Welt, doch man muss sie bewundern, denn sie lebt ihren Traum: Florence Foster Jenkins. Diesen Film darf man sich nicht entgehen lassen.

Ausgerechnet Kartoffelsalat. Unmengen davon. Und sind die Schüsseln im Salon geleert, muss für die Party aus der Badewanne nachgefüllt werden. Zur mondänen Atmosphäre in dieser New Yorker Wohnung passt das nur bedingt. Aber es gibt noch andere Entgleisungen. Die schauerlichen lebenden Bilder etwa, in denen Florence Foster Jenkins bei den Shows ihres „Verdi-Clubs“ posiert. Ja und dann natürlich ihren Gesang, der sich stets eine haarsträubende Handbreit neben der korrekten Tonhöhe bewegt. Eine Witzfigur?

Florence Foster Jenkins, als „schlechteste Sängerin der Welt“ gebrandmarkt, war ja viel mehr als eine Möchtegern-Diva der Vierzigerjahre, die aufgrund ihrer bizarren Nicht-Kunst eine riesige Fangemeinde hatte. Eine Society-Lady war sie auch, eine Schwerreiche, die zu ihrem größten Konzert, zu jenem in der Carnegie Hall, Soldaten einlud. Nur mit der Selbsteinschätzung haperte es eben – aber sie deshalb verspotten?

Sie ist eine Anti-Heldin

Gerade deshalb ist dieser Film von Stephen Frears so großartig (und unterscheidet sich daher von der kürzlich gestarteten Dokumentation mit Joyce DiDonato): weil keine Ulknudel vorgeführt wird, sondern eine Anti-Heldin. Eine Queen der Mittelmäßigkeit, deren Umfeld sie vor der Realität beschützt. Eine liebenswerte, nur vordergründig schrullige Frau, die am Ende, als sie Verrisse liest, daran zerbricht.

Natürlich gibt es einiges zu lachen. Am meisten als die Fast-Sopranistin bei einem Dirigenten der Metropolitan Opera Gesangsstunden nimmt. Vergeblich. Meryl Streep singt das übrigens selbst. Wie sie überhaupt dafür sorgt, dass „Florence Foster Jenkins“ geradewegs auf die Oscar-Nominierungslisten zusteuert. Viele Seiten hat diese Frau, wie die Streep zeigt. Da ist die glamouröse Bühnenerscheinung, die jungmädchenhaft Liebende, aber auch die Schwerkranke, die „dank“ ihres geschiedenen Mannes an Syphilis leidet.

Oscarreife Leistung von Meryl Streep

Immer wieder rückt die Kamera bis zur Unbarmherzigkeit an diese überraschend vielschichtige Frau heran. Meryl Streep spielt das grandios bis in die kleinste Faser aus. Die Partner halten ihr stand: Hugh Grant gibt den sogenannten Ehemann und Dauer-Trabanten mit Selbstironie als verwitterten späten Jüngling. St. Clair Bayfield gönnt sich nebenbei eine Affäre mit einer Jüngeren – und hat Florence Entscheidendes voraus: Er hat akzeptiert, dass er einst als Schauspieler nur vierte Wahl war. Den Clou und besonderen Kniff des Films beschert aber der zweite Mann an Foster Jenkins Seite, der Pianist. Aus den schreckgeweiteten Augen von Cosmé McMoon erleben wir ihre surreale Erscheinung. Simon Helberg kostet das mit feinem Bizarr-Humor aus – das wäre der Kandidat für den Nebenrollen-Oscar.

Liebevoll gepuzzelte Ausstattungsorgie, Zeitdokument, historisch belegtes Biopic, Tragikomödie: „Florence Foster Jenkins“ bedient alle diese Genres, ja scheint genüsslich zwischen ihnen zu tänzeln. Pathos und Kitsch, Pointen und Tränen sind mit dem Geschick eines Meisterkochs dosiert. Spott über Florence verbietet sich, begreifen wir. Wer seinen Traum lebt, verdient Bewunderung.

„Florence Foster Jenkins“

mit Meryl Streep, Hugh Grant

Regie: Stephen Frears

Laufzeit: 110 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Quartett“mochten.

Rubriklistenbild: © Constantin Film/dpa

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