Da helfen keine Stars

“Jeder stirbt für sich allein“: Kommt nicht ans Buch heran

Es ist der Versuch ein großartiges literarisches Werk zu verfilmen, doch leider ist es alles andere als gelungen. Der Film erinnert vor allem an eines: das Buch noch einmal zu lesen.

Dieser junge Mann stirbt für sich allein. Im Wald, gehetzt wie ein Tier, in Todesangst getroffen. So liegt er da – und das Letzte, was seine Augen sehen, sind die Wipfel der Bäume, die selbst schon so viel gesehen haben.

Hans Fallada hat mit „Jeder stirbt für sich allein“ einen zeitlos ergreifenden Roman über das Allzumenschliche geschrieben. Im Jahr 2002, 55 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, erschien er in der Originalfassung – und wurde zum Bestseller. Weil Fallada mit unvergleichlichem Stil die Gesellschaft um ihn herum literarisch abzubilden wusste. In einer Sprache, die jeder – vom kleinen Mann bis zur intellektuellen Oberschicht – verstand, in der sich jeder wiederfand. Es sind akribische Milieu- und Charakterstudien, schwungvoll aufs Papier gebracht. Das auf die Leinwand zu übertragen, gelingt dem Film leider nicht.

Deplatzierte Schauspieler

Das Drama wurde in Deutschland „mit überwiegend deutschem Team“ gedreht, hebt die Pressenotiz dieser um Authentizität bemühten Produktion hervor. Das „überwiegend“ ist der charmante Versuch zu überdecken, was schief lief: Denn ja, wir haben hier die typische deutsche Nachkriegskulisse, wie man sie aus all den anderen typischen deutschen Nachkriegsfilmen kennt. Um sich von ihnen abzugrenzen, braucht’s scheinbar internationale Stars. In diesem Fall: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Sie spielen die Eltern des im Wald krepierenden Soldaten, das Ehepaar Quangel. Brave Arbeiter, die durch diesen Schicksalsschlag nichts mehr zu verlieren haben und Widerstand leisten. Tatsächlich verteilten sie Postkarten gegen Hitlers Regime. Und während Gleeson mit seiner kräftigen Statur und den freundlichen Augen überzeugt als Mann, der sich einer Sache ganz verschreibt, ist ausgerechnet Thompson, diese große Schauspielerin, völlig fehlbesetzt. Sie ist eine „Zauberhafte Nanny“, Austens Elinor Dashwood – Anna Quangel aber ist sie nicht. Die hochgewachsene Frau mit dem international bekannten Gesicht wirkt deplatziert und lässt alles um sich herum noch mehr wie Pappmaché-Filmwelt wirken.

Vincent Perez hat gute Ansätze, hält das Bild des politischen Betriebes durch, den ein Einzelner zerstören kann, indem er Sand ins Getriebe streut. Die Quangels waren solche mutigen Menschen, die ihr Leben riskierten, um das tödliche System zum Stehen zu bringen. Zur Ehre aller Widerstandskämpfer hat Fallada sein Buch geschrieben. Der Film erinnert vor allem an eines: es noch einmal zu lesen.

„Jeder stirbt für sich allein“

mit Daniel Brühl

Regie: Vincent Perez

Laufzeit: 103 Minuten

Ein gelungenerer Film über NS-Widerstandskämpfer ist „Elser“.

Rubriklistenbild: © Christine Schroeder/X-Verleih/dpa

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