Grusel und Zuckerwatte

Unser Film der Woche: "Die Insel der besonderen Kinder"

Tim Burton gelingt mit "Die Insel der besonderen Kinder" erneut ein zauberhaftes Schauermärchen für Erwachsene. Eine perfekte Mischung aus Grusel, Geisterbahn und Zuckerwatte.

Update vom 17. Oktober 2016: Darf man 164 Menschen töten, um das Leben von 70.000 Personen zu retten? Darum geht es im Film "Terror", der am Montag in der ARD ausgestrahlt wird. Dabei ist das Urteil der Zuschauer gefragt. Unsere Zeitung erklärt, wie das interaktive TV-Ereignis funktioniert.

Endlich, endlich: Tim Burton lockt uns wieder in seine wunderbar skurrilen Welten. Da dürfen sich Erwachsene herrlich gruseln und von fantasievollen Spielereien verzaubern lassen. Denn obwohl es darin nur so von Fabelwesen wimmelt, sind die Filme des Meisterregisseurs ja keine für heutige Kinderaugen weich gespülten Ammenmärchen.

Tim Burton, das ist Grusel mit Kaugummigeschmack, Roald Dahl mit Prosecco-Schwips, Nicholsons "Shining"-Fratze mit fröhlicher Faschingsschminke. Vor allem aber: der gelungene Beweis, dass exzellentes Kino wie ein Traum ist, in den man, an roten Samt geschmiegt, abtauchen darf, sobald die Deckenleuchten erlöschen.

Wie bei dem Erschaffer von Filmwelten wie "Alice im Wunderland" und "Big Eyes" zu erwarten, ist auch seine Adaption von Ransom Riggs "Die Insel der besonderen Kinder" ein steter Wechsel aus Wunsch- und Albtraum. Für Burtons Verhältnisse aber mit nur wenigen Schrecksekunden des eiskalten Erwachens. Mehr "Charlie und die Schokoladenfabrik" als "Sleepy Hollow". Ein Kinderfilm? Mitnichten.

Es ist noch längst nicht alles entdeckt worden

Obwohl die Protagonisten wieder einmal größtenteils Heranwachsende sind. Im Zentrum: Asa Butterfield. Der junge Brite passt mit seinen kristallblauen Augen und der hohen Stirn perfekt in die Burton-Zwischenwelt, in der alle Figuren stets wirken wie aus einem Bildband von Fotokünstlerin Loretta Lux herausgeschnitten.

Er spielt Außenseiter Jacob, der als Aushilfe im Supermarkt (großartig inszeniert als Film gewordene Andreas-Gursky-Konsumhorrorvision) beim Windeln-Sortieren über die Belanglosigkeit des Daseins nachdenkt. Dabei war er doch einmal so ein fantasievoller Bub. Hatte sein Opa Abraham (Terence Stamp) ihm nicht einst die irresten Geschichten erzählt? Über Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten: ein Mädchen stark wie zehn Männer, eins leicht wie eine Feder, nur von Bleischuhen am Boden zu halten; ein Bub, der in die Zukunft blicken kann. Sie alle leben auf der Insel der besonderen Kinder, wo auch Abraham früher gewohnt hat. Doch als der von solchen Geschichten inspirierte Dreikäsehoch Jacob schwärmt, er wolle Entdecker werden, kommentiert das sein Vater nur Fastfood-schmatzend mit der Feststellung: "Es ist längst alles entdeckt worden, Kumpel..."

Geisterbahn und Zuckerwatte

Natürlich siegt die Fantasie über die Abgeklärtheit. Nach dem gewaltsamen Tod des Großvaters gelangt auch der Enkel auf die besondere Insel. Für den Zuschauer eröffnet sich dadurch eine paradiesische Welt, liebevoll von Ausstattern und Regisseur zum Leben erweckt, mit allerlei märchenhaften Spezialeffekten versüßt.

Über das Gewusel von außergewöhnlichen Kindern wacht Miss Peregrine, großartig verkörpert durch Eva Green, die unnachahmlich die mütterlich liebevolle und daher immer wieder gestrenge, attraktive, schlichtweg umwerfende Mary Poppins 2.0 in hochgeschlossener Kleidung gibt. Sie beschützt die Kinder vor dem fiesen Halbmonster Barron, das es auf die Augen der Mädchen und Buben abgesehen hat – denn die hat er im wahren Sinne zum Fressen gern. Herrlich das Spiel von Samuel L. Jackson, der – wie alle anderen im glänzenden Ensemble – die typische Burton-Mischung hinbekommt: erst komische Grimasse, dann angsteinflößende Gebärden; nach jedem Erholungs-Lachen folgt bestimmt der nächste Gruselschreck. Geisterbahn auf Großleinwand. Und danach ’ne Zuckerwatte.

"Die Insel der besonderen Kinder"

Mit Eva Green, Asa Butterfield

Regie: Tim Burton

Laufzeit: 127 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Charlie und die Schokoladenfabrik“ mochten.

Rubriklistenbild: © Twentieth Century Fox/dpa

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