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Elle Fanning als blutjunges Model Jesse in dem Spielfilm „The Neon Demon“.

Interview zum Film "The Neon Demon"

Nicolas Winding Refn: „Auch ich bin sehr eitel“

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über seinen neuen Film „The Neon Demon“, schamlose Regisseure und die Besessenheit, schön zu sein.

Schon sein Regiedebüt, der knallharte Drogenkrimi „Pusher“ (mit Mads Mikkelsen in seiner ersten Hauptrolle), avancierte auf Anhieb zum Kultfilm. Für seinen Actionthriller „Drive“ (mit Ryan Gosling als Protagonist) gewann Nicolas Winding Refn den Regiepreis in Cannes. Am Donnerstag läuft sein zehnter Kinofilm an: „The Neon Demon“, ein Hochglanz-Horrortrip in die Abgründe des Schönheitswahns. Der 45-jährige Däne provoziert gern – nicht nur in seinen Filmen, sondern auch beim Gespräch in einem durchgestylten Berliner Nobelhotel.

In „The Neon Demon“ behauptet ein Modedesigner, Schönheit sei das Einzige, was zählt. Finden Sie das auch?

Manchmal schon. Jedenfalls ist sie definitiv ein wichtiger Teil unseres Lebens. Auch ich liebe schöne Dinge und sehe gern schöne Menschen an, wobei ich persönlich vor allem die Unvollkommenheit schön finde. Meiner Meinung nach ist es heuchlerisch, zu behaupten, es käme nur auf die inneren Werte an. Wenn wir jemanden nicht schön fänden, dann würden wir uns wohl kaum in ihn verlieben.

Bedauern Sie es nicht, dass unsere Welt mehr und mehr von oberflächlichen Reizen dominiert wird?

Ich sehe schon, dass unsere Kinder dem Diktat der Schönheit mehr ausgesetzt sind als wir damals. Aber die Frauen sind nicht bloß Opfer dieser Entwicklung. Wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass das Geschäft mit der Schönheit von Frauen kontrolliert wird – nicht zuletzt deshalb, weil sie die Konsumenten der Schönheitsindustrie sind. Die Frauen hätten die Macht, diese Welt zu verändern.

Sind Sie selbst immun gegen die Produkte dieser Industrie? Ist Ihnen Ihr Äußeres egal?

Nein, auch ich bin zweifellos sehr eitel. Ich habe sogar das Gefühl, dass das mit zunehmendem Alter immer schlimmer wird. Leider bin ich im Gegensatz zu meiner Frau nicht in einer schönen Hülle zur Welt gekommen.

Würden Sie Ihre Seele für ewige Schönheit eintauschen?

Warum nicht? Wäre das nicht wundervoll? Ich finde, wir sollten aufhören, die Schönheit zu verteufeln. Unsere Kinder, die so oft als „Selfie-Generation“ geschmäht werden, sind hier in der Evolution schon einen Schritt weiter: Sie haben die Bedeutung der Schönheit akzeptiert und die Qualität der Selbstliebe erkannt. Für sie ist Narzissmus kein Tabu, sondern eine Tugend.

Und Sie begrüßen diese Form von Egozentrik?

Aber ja! Was soll daran schlecht sein? Nicht die Schönheit ist das Problem, sondern die Besessenheit von ihr, die immer extremere Auswüchse zeigt. Es lässt sich nicht leugnen, dass du als Model oder als Schauspielerin bei einem Casting nicht mehr bist als ein Stück Fleisch. Viele Regisseure nutzen diese Macht gerade gegenüber jungen Frauen schamlos aus.

Und Sie? Ihre Hauptdarstellerin Elle Fanning war bei den Dreharbeiten erst 16 Jahre alt...

Ja, aber sie hatte schon mindestens dreimal so viele Filme gedreht wie ich – sie ist ein alter Hase im Filmbusiness und mit allen Wassern gewaschen. Ich selbst habe zwei Töchter im Teenie-Alter und machte mir deshalb Sorgen um Elle, weil das Drehbuch wirklich heftige Dinge von ihr verlangt. Darum fragte ich sie: Meinst Du nicht, ich sollte deine Eltern kennenlernen und mal mit ihnen reden? Doch sie sagte nur: „Nein, nicht nötig!“

Wie würden Sie sie charakterisieren?

Sie ist absolut reizend im Umgang – und als Schauspielerin über jeden Zweifel erhaben: Sie verfügt über die Fähigkeit, komplexe Dinge zu interpretieren und uns alle zu inspirieren, uns zu berühren, ohne dass sie viel tun muss. Vor allem aber hat sie eine unbeschreibliche, fast magische Gabe: Jeden Raum, den sie betritt, bringt sie zum Leuchten. Ein Gottesgeschenk. Ohne Elle gäbe es „The Neon Demon“ gar nicht.

Wieso nicht?

Weil es keine Alternative gab. Ich war extra mit meiner Familie nach Los Angeles gezogen, um diesen Film zu drehen, und hatte mir unzählige junge Schauspielerinnen angeschaut – aber keine einzige kam in Frage. Es war zum Verzweifeln. Als der Druck fast unerträglich wurde, sah meine Frau das Kinodrama „Ginger & Rosa“ und war begeistert von Elle in der Hauptrolle. Daraufhin lud ich Elle zu mir nach Hause ein, um ihr meine Pläne zu schildern – und da war mir sofort klar: Die ist es. Meine Frau hat mir also mal wieder den Arsch gerettet! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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