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Bruce Willis rettet in "Stirb langsam" Weihnachten.

Ein Plädoyer unseres Redakteurs Haakon Nogge

Warum "Stirb langsam" alle Weihnachtsfilme wegballert

Vergessen Sie Märchenfilme und Komödien! Kein Film versprüht mehr Weihnachtsgeist als der knallharte Action-Klassiker "Stirb langsam" mit Bruce Willis. Man muss sich nur auf die Argumentation einlassen.

Ich gebe zu: Geschniegelte Märchenprinzen mit Topfschnitt wie in "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" waren noch nie mein Ding, mit dem witzig-anrührenden britischen Episodenfilm "Love... actually" kann ich schon wesentlich mehr anfangen. Doch kein Heiliger Abend ist für mich komplett, wenn nicht "Stirb langsam" auf der Mattscheibe flimmert.

Der Film aus dem Jahr 1988 ist ein Action-Klassiker, der das Genre neu belebt, Bruce Willis zum internationalen Durchbruch verholfen und eine äußerst erfolgreiche "Stirb langsam"-Reihe nach sich gezogen hat. Die Relevanz dieses Leinwand-Krachers zeigt sich nicht zuletzt darin, dass unzählige Hollywood-Blockbuster (etwa "Alarmstufe: Rot", "Sudden Death" oder "Air Force 1") das Prinzip des Durchschnittstypen kopierten, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet und zum Held wird, indem er mit Hirnschmalz, Mut und jeder Menge Knarren gegen eine Überzahl an Schurken antritt. Ein großer Film also - und auch beim zwanzigsten Anschauen ein megaspannendes Kammerspiel.

Viele rümpfen natürlich die Nase: So ein brutaler Film zu Weihnachten? Und ist das denn überhaupt ein Weihnachtsfilm?

Ist "Stirb langsam" ein richtiger Weihnachtsfilm?

Nun, Gewalt ist hier kein Argument, denn auch wenn in "Kevin allein zu Haus" die Bösen nur auf comichaft überzogene Weise verletzt und nicht getötet werden, gilt diese familienfreundliche Variante von "Stirb langsam" ebenfalls als typischer Weihnachtsfilm.

Selbstverständlich erfüllt der Streifen von Regisseur John McTiernan alle erforderlichen formalen Grundvoraussetzungen, um als Weihnachtsfilm zu gelten. So spielt er etwa zu Heiligabend. Der New Yorker Polizist John McLane ist auf die Weihnachtsfeier der Firma eingeladen, für die seine Frau Holly vor einem halben Jahr nach Los Angeles gezogen ist. Die vielen festlich geschmückten Bäume in dem noch nicht ganz fertig gestellten Hochhaus, die Hintergrund-Musik sowie die vielen Santa-Claus-Puppen lassen keinen Zweifel zu: Es weihnachtet gar sehr – zumindest bis die Terroristen kommen und die gesamte Belegschaft in Geiselhaft nehmen.

Der Film selbst nimmt ebenfalls immer wieder Bezug auf das Fest der Feste. Es sei hier nur auf den Song "Christmas in Hollis" von Run DMC verwiesen, den unser Held auf der Fahrt zum Nakatomi Plaza in seiner Limousine hört, auf den Weihnachtsklassiker "Let it snow", der zum Abspann läuft – oder auf den von McLane erschossenen Schurken, den der Cop makabererweise mit einer Nikolausmütze ausstattet und auf dessen Pullover er den Oberfiesling Gruber (den als Weihnachtsspaßverderber fleischgewordenen Grinch) mit einem weihnachtsmännlichen "Ho ho ho" grüßt.

Familie, Liebe und Erlösung als weihnachtlich-christliche Motive in "Stirb langsam"

Als Zuschauer wird uns bereits nach wenigen Minuten klar: Die räumliche Trennung tut John und Holly nicht gut, die Ehe kriselt. Familie und Liebe, zwei Motive, die in keinem Weihnachtsfilm fehlen dürfen, können wir also getrost auf unserer Checkliste abhaken. Ebenso wie das Motiv der Erlösung. Die sucht der einzige Verbündete von John McLane, Sergeant Powell, ein Streifenpolizist, den sein schlechtes Gewissen plagt, seitdem er im Dienst versehentlich einen kleinen Jungen erschoss. Spoiler-Alarm: Er findet sie am Schluss, indem er den letzten Terroristen erledigt.

Doch spielt Weihnachten für den Plot von "Stirb langsam" überhaupt eine wesentliche Rolle? Hier scheiden sich die Geister. Natürlich könnte es irgendeine Feier sein, auf der eine Menge Unschuldiger von Terroristen als Geiseln genommen wird. Dennoch komme ich persönlich jedes Mal zur Erkenntnis: Dieser Film könnte weihnachtlicher nicht sein! Am 24.12. feiern wir schließlich die Geburt des Heilands - und in "Stirb langsam" wird ein Mensch im Angesicht der Gefahr als Heiland neugeboren.

McLane als Jesus in "Stirb langsam"

Die Ein-Mann-Armee McLane als Symbol für Jesus? Was zunächst weit hergeholt scheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus stimmig. Zwar hat der Gesalbte Gewaltlosigkeit (die Sache mit der einen und der anderen Wange, wir erinnern uns...) gepredigt, doch in dem Kapitel von der Tempelreinigung wird klar: Der Heiland konnte auch richtig handgreiflich werden, wenn es darauf ankam.

Zugegeben: Seine Nächstenliebe verteilt McLane einseitig an die Geiseln - was die Terroristen angeht, geht er eher alttestamentarisch vor: Auf Vergebung dürfen die nicht hoffen. Doch wie einst Jesus muss auch er in "Stirb langsam" bluten und durch ein tiefes Tal der Schmerzen gehen (beziehungsweise barfuß durch Glasscherben laufen) – nicht, weil er es sich so ausgesucht hat, sondern weil es seine Bestimmung ist, so den Menschen Frieden zu bringen.

Wie einst Jesus muss der Cop erst den Weg zum rechten Glauben finden, um schließlich sein Leben ganz in die Hand des Allmächtigen zu legen - und beim Showdown seinen Bungee-Sprung mit dem Feuerwehrschlauch vom explodierenden Hochhausdach wagen. Das sicherlich berühmteste Zitat aus "Stirb langsam" ist in dieser Deutung nichts anderes als eine modernisierte Form eines der sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz. Aus "Es ist vollbracht" wird kurzerhand "Jippie-Ya-Yay, Schweinebacke!"

Einen weiteren - zugegeben schon recht weit hergeholten - Hinweis auf die Heilands-Parallele erkennen manche auch im Namen unseres Helden. Der beginnt mit einem J und enthält ein C: JC = Jesus Christus! Zumindest in der englischen Originalfassung lässt sich in McLanes häufigem Fluchen ("Jesus fuckin' Christ!") eine enge Verbundenheit zwischen sich selbst und dem eingeborenen Sohn Gottes sehen. Und obwohl er am Schluss überlebt: Selbst eine Auferstehung á la Jesus kriegt McLane hin. Schließlich folgten auf "Stirb langsam" bis heute vier Fortsetzungen!

Sicherlich hilft der Genuss einer größeren Menge Glühweins, um meiner Argumentation zu folgen, doch ich bleibe dabei: "Stirb langsam" ist der beste Weihnachtsfilm aller Zeiten. Leider kommt er heuer ausnahmsweise mal nicht im weihnachtlichen Free-TV. Doch zum Glück gibt es ja DVDs.

In diesem Sinne: Jippie-Ya-Yay und Fröhliche Feiertage!

Haakon Nogge

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