+
Unterwegs im Herzen der USA: Star (Sasha Lane, re.) und Jake (Shia LaBeouf) in „America Honey“. 

Wahlkampf auf der Leinwand

US-Wahl 2016: Filme aus einem zerrissenen Land

Der Präsidentschaftswahlkampf spaltet die USA – das zeigt nicht zuletzt ein Blick auf die aktuellen Kinoproduktionen.

Ein tiefer Riss geht durch die US-amerikanische Gesellschaft. Das zeigt sich nicht nur im aggressiven, schmutzigen Präsidentschaftswahlkampf, der heute endet und bei dem der Kandidat der Gegenseite jeweils als Ausgeburt der Hölle abgestempelt wird. Das spiegeln auch die Filme wider, die sich mit der aktuellen sozialen Realität in den USA beschäftigen wie Andrea Arnolds Roadmovie „American Honey“, das seit einem Monat in unseren Kinos läuft. Es handelt von einer Zeitschriften-Drückerkolonne, die durch den Mittleren Westen fährt, durch das sogenannte „Heartland“ – und es dokumentiert, dass dieses einst pulsierende Herz von Amerika mittlerweile schwer verwundet ist. Wo es früher eine solide Mittelschicht gab, finden sich nur noch Extreme: einerseits reiche, bigotte Frömmler in schicken Häusern, andererseits Drogenjunkies mit verwahrlosten Kindern, die ihr Essen aus Mülltonnen fischen müssen. Das beste Barometer für die Lage in den USA ist Jahr für Jahr das Festival des amerikanischen Films in Deauville. 

Gespalten, verstört und ausgelaugt

Dort laufen stets die neuen Independent-Produktionen, die oft erst Monate später das Licht der deutschen Kinoleinwände erblicken. Insofern war es heuer besonders spannend, das Bild zu sehen, das die amerikanischen Filmemacher im Jahr der Präsidentschaftswahl von ihrer Heimat zeichnen. Es fällt noch düsterer aus als erwartet: Die Arbeiten zeigen eine gespaltene Nation, verstört und ausgelaugt durch wirtschaftliche und soziale Missstände. Ein Land, das die Bankenkrise und die Immobilienblase in eine fundamentale Zwangslage gestürzt hat und in dem die Menschen ums nackte Überleben kämpfen. Ein Klima, das geprägt ist von Angst, Armut und Arbeitslosigkeit. Eine Gesellschaft, in der es (wie auch der Wahlkampf gezeigt hat) wieder salonfähig geworden ist, sich offen rassistisch zu äußern, und in der nackte Gewalt längst zum Alltag gehört. So porträtiert etwa Regisseur Greg Kwedar in seinem Drogenschmuggler-Drama „Transpecos“ die Region zwischen dem Pecos River und der mexikanischen Grenze als rechtsfreie Zone, in der es offenbar nur noch ein einziges Mittel gibt, um seine Interessen durchzusetzen – die Knarre.

Im News-Ticker zur US-Wahl 2016 finden Sie die aktuellsten Informationen. Wann das Ergebnis feststeht sowie Antworten auf alle wichtigen Fragen finden Sie hier.

Abgesang auf den Westen: Neo-Western „Hell or High Water“

Einen niederschmetternden Abgesang auf den amerikanischen Traum und die ländliche Mittelschicht bietet David Mackenzies „Hell or High Water“, ein packender Neo-Western, der am 12. Januar in die deutschen Kinos kommt. Er spielt im wahrhaft wilden Südwesten, in Texas, wo Schusswaffen offen getragen werden dürfen, wo inzwischen jedoch nicht nur mit Bleikugeln gekämpft wird, sondern auch mit Knebelverträgen und Wucherzinsen. Vor 150 Jahren haben weiße Siedler dieses Land den Komantschen geraubt, nun wird es den Nachfahren jener Siedler wieder weggenommen – von skrupellosen Bankern. Zwei Brüder versuchen verzweifelt, sich aus dem Würgegriff ihrer Kreditgeber zu befreien und ihre Farm vor dem Zwangsverkauf zu retten. Sie tun dies auf typisch texanische Art: Indem sie die Filialen jener Bank ausrauben, die ihre Familie drangsaliert. In flirrenden Cinemascope-Bildern fängt die Kamera die Landschaft ein, ihre Weite, ihre Schönheit, ihre Trostlosigkeit: Die Kleinstädte, in denen die beiden Brüder ihre Überfälle verüben, sind infolge der Immobilienkrise gespenstisch leer gefegt. Überall verlassene Häuser und geschlossene Läden – nur die Banken scheinen noch geöffnet zu haben. Und an jeder Ecke werben riesige Plakate für dubiose Kredite.

Feinsinniges Familiendrama „Little Men“ 

Wie sich kleine Unterschiede zwischen den Menschen schließlich zu klaffenden Abgründen weiten können, schildert der Autorenfilmer Ira Sachs in seinem feinsinnigen Familiendrama „Little Men“, das in Deauville den Hauptpreis gewann. Sachs zeigt, dass es in den USA mittlerweile auf mehreren Ebenen eine tiefe Kluft gibt: zwischen Weißen und Farbigen, Reichen und Armen, Alten und Jungen. Der Film handelt von zwei 13-jährigen Freunden aus Brooklyn, die zwischen die Fronten eines von ihren Eltern angezettelten Kleinkriegs geraten – hier die chilenische Besitzerin eines Klamottenladens, dort ihr Vermieter, ein Theaterschauspieler. Mittels eines Redestreiks versuchen die beiden Buben, ihre Eltern zur Vernunft zu bringen.

In seiner Dankesrede erzählte Sachs, er sei zu „Little Men“ von eigenen Erfahrungen in einem Jugendtheater im Memphis der Siebzigerjahre inspiriert worden: „Wir waren Kinder und Jugendliche, homo oder hetero, aus unterschiedlichsten Kulturen und Gesellschaftsschichten, die wunderbar zusammengearbeitet haben. Davon sollten wir Erwachsenen uns unbedingt etwas abschauen! Warum kriegen wir so etwas nicht hin?“ In dieselbe Kerbe hieb Stanley Tucci, der in Deauville einen Preis für sein Lebenswerk bekam: „Ich bin sicher, dass Filme zum Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen beitragen können“, sagte er. „Das Kino ist eine Kunstform, die auf Zusammenarbeit basiert. Insofern können Politiker eine Menge von Künstlern lernen!“ Tatsächlich könnte das ein Lösungsweg für einige der drängendsten Probleme unserer Zeit sein, nicht nur in den USA: Lernen von Künstlern. Lernen von Kindern. Lernen von Künstlern, die sich den Blickwinkel von Kindern bewahrt haben.

Marco Schmidt

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Sully“: Ein wahrer Held

München - Clint Eastwoods „Sully“ dreht sich um die weniger bekannten Nachwehen des Flugdramas auf dem Hudson River.
„Sully“: Ein wahrer Held

„Underworld: Blood Wars“: Achtung Ballerqueen

München - Kate Beckinsale metzelt sich als Selene in der Fortsetzung der Underworld-Reihe wieder einmal den Weg frei.
„Underworld: Blood Wars“: Achtung Ballerqueen

„Das Morgan Projekt“: Papa kann’s besser

München - Luke Scott, der Sohn des berühmten Ridley Scott, durfte ein Androiden-Drama drehen. Spoiler: Es gibt nur Totgehaue und Verfolgungsjagden.
„Das Morgan Projekt“: Papa kann’s besser

„Die Hände meiner Mutter“: Versehrte Welt

München - In „Die Hände meiner Mutter“ nimmt sich Florian Eichinger feinfühlig des Themas Missbrauch durch Frauen an.
„Die Hände meiner Mutter“: Versehrte Welt

Kommentare