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Schauspieler Hilmar Thate gestorben

Im Alter von 85 Jahren gestorben

Der Widerspenstige: Nachruf auf Hilmar Thate

München - Der Schauspieler Hilmar Thate, der in Ost und West das Publikum begeisterte, ist im Alter von 85 Jahren gestorben

„Ich bin ein Dorflümmel“, hat er sich einmal selbst charakterisiert. Und, ehrlich gesagt, irgendwie ist er das bis zu seinem Lebensende auch geblieben. Ein großer Schauspieler, der das Jungenhafte, das Widerspenstige, das Aufmüpfige und Selbstbewusste nie verleugnen konnte: Hilmar Thate. Am vergangenen Mittwoch ist er, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von 85 Jahren in Berlin gestorben.

Körperlich ein wenig untersetzt, aber unglaublich behände, verstrubbelte Haare, dunkle, knopfartige, funkelnde Augen, tolle Stimme, jedoch immer ein wenig lispelnd – so hat sich Hilmar Thate innerhalb eines halben Jahrhunderts eingeprägt ins Gedächtnis der Zuschauer. Der Zuschauer im Theater, im Kino, vor dem Fernseher, der Zuschauer im Osten wie im Westen.

1931 in Dölau bei Halle an der Saale als Sohn eines Lokomotivschlossers geboren, besuchte Thate nach Abschluss der zehnten Klasse die Schauspielschule in Halle. Nach dem ersten dreijährigen Engagement in Cottbus winkte schon Berlin, zunächst das Kindertheater, dann das Maxim-Gorki-Theater und schließlich von 1959 an für elf Jahre Brechts Berliner Ensemble. In dieser Zeit wurde vor allem sein Galy Gay in „Mann ist Mann“ hervorgehoben.

Und wer sich einmal eine Aufzeichnung der alten Aufführung des „Arturo Ui“ vom Berliner Ensemble ansieht, erkennt schnell das ungeheure Star-Potenzial dieses Schauspielers, der sich als Givola neben Ui-Darsteller Ekkehard Schall mit artistischer Körperlichkeit und darstellerischer Präsenz behauptet, dass es einem den Atem verschlägt. Wer das Glück hatte, ihn in den Siebziger- oder Achtzigerjahren am Berliner Deutschen Theater oder am Zürcher Schauspielhaus als Shakespeares Richard III. erlebt zu haben, den ganz vorn am Bühnenrand lümmelnden buckligen Königsmörder, der mit großer Lust das Publikum zum Kumpan seiner Abscheulichkeiten macht, wird so bald keine andere Richard-Version akzeptieren.

Aber Thate war ja nie nur Bühnenmensch. Auch Defa und DDR-Fernsehen mochten auf ihn nicht verzichten. Er war ein viel beschäftigter Mann. Und als er 1976 Angelica Domröse („Paul und Paula“) heiratete, avancierten die beiden zum Glamour-Paar Ost-Berlins. Doch das sollten sie nicht lange bleiben. Sie protestierten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, wurden beruflich kalt gestellt und reisten 1980 aus nach West-Berlin. Auch im Westen blieb Hilmar Thate der unbestechliche und darum vielleicht auch immer schwierige, allerdings von den großen Regisseuren begehrte Schauspieler. Rainer Werner Fassbinder holte ihn für „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ vor die Kamera, Volker Schlöndorff für „Der neunte Tag“, Dieter Wedel besetzte ihn als Rotlicht-Größe in „Der König von St. Pauli“. Auf der Bühne war Thate im Berliner Schiller-Theater der Mephisto, er spielte bei Peter Zadek die Rolle des Autors Fallada in „Jeder stirbt für sich allein“, glänzte mit der Domröse in dem Ehe-Psychothriller von Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“.

Selbst der große Ingmar Bergman holte sich diesen Ausnahmekünstler 1983 auf die Bühne des Münchner Residenztheaters – für die Rolle des Sganarelle in Molières „Dom Juan“ mit Michael Degen. Damit aber hatten sich für Thate auch schon die Bühnenabstecher nach München erledigt. Er wurde immer wählerischer in der Auswahl dessen, was er spielen wollte. Es musste sich künstlerisch schon lohnen. Wie zum Beispiel der zweiteilige TV-Politthriller „Operation Rubikon“. Für seine Rolle des Richard Wolf wurde Thate 2003 mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Von der Bühne hatte er sich schon längst verabschiedet. Was da gespielt wurde, gefiel ihm nicht mehr: „Ich meine, dass man die Stücke zu sehr zum Trampolin runterwirtschaftet, dass man nicht mehr die Fabel ernst nimmt, sich nicht mehr hineinarbeitet, hinein-intellektualisiert. Es klingt etwas geschwollen, aber es hat etwas damit zu tun, wie man die Fantasie in Gang setzt für ein Thema, das ja von einem möglicherweise großen Dichter geschöpft wurde.“

Von Sabine Dultz

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