+
Die Deutschlehrerin und der Flüchtling: Senta Berger als Angelika und Eric Kabongo als Diallo.

Unser Film der Woche

„Willkommen bei den Hartmanns“: Alle bekommen ihr Fett weg

München - Simon Verhoevens Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ kombiniert Slapstick mit Gesellschaftskritik.

Sommer 2015 in München: Am Hauptbahnhof drängen sich knapp hunderttausend Flüchtlinge. Sie kommen mit Zügen aus dem Süden und freuen sich über ihre Ankunft im sicheren Deutschland. Die Münchner empfangen sie mit Wasser, Proviant und Herzlichkeit. Doch die eigentliche Herausforderung steht erst bevor: Wie können diese vielen Menschen in den deutschen Alltag integriert werden?

Mit seiner Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ gelingt es dem Münchner Regisseur Simon Verhoeven, das Thema angemessen feinfühlig, zugleich erfrischend und leicht umzusetzen. Dabei kann Verhoeven auf ein beachtliches Ensemble zurückgreifen, in dem seine eigene Mutter, Senta Berger, als pensionierte Deutschlehrerin Angelika Hartmann das emotionale Zentrum bildet. Die Kinder Philipp (Florian David Fitz) und Sophie (Palina Rojinski) sind aus dem Haus. Gatte Richard (Heiner Lauterbach) kämpft gegen sein Alter und die jungen Talente an, die ihm seine Tage als Chefarzt madig machen. Die Leere in der Harlachinger Villa soll nun der Nigerianer Diallo (Eric Kabongo) füllen.

Verhoeven entlarvt die gängigen Vereinfachungen und politischen Zuspitzungen der verschiedenen politischen Lager auf originelle Weise. Alle bekommen ihr Fett weg: die Kleingeister, die Spießer, die Rechten und auch Gutmenschen wie Angelika Hartmann. Sie und ihr Mann werden zum Beispiel in der Unterkunft gleich barsch zurechtgewiesen – „Das ist hier kein Tierheim!“ –, als sie sich einen Flüchtling aussuchen wollen.

Das Drehbuch, das Verhoeven selbst verfasste, bietet gerade in der ersten Hälfte eine wunderbar leichte Satire mit treffsicheren Pointen, sei es nun zur komplexen Flüchtlingsproblematik oder zu anderen Problemen der Familie; Vatis Botox-Injektionen etwa. Dabei ist offensichtlich, dass sich Verhoeven bei Skript und Inszenierung deutlich an Vorbildern aus Hollywood orientierte, in der Art des Erzählens wie in der Figurenzeichnung. Letztere darf man durchaus mit US-Filmen vergleichen, in denen auch die kleinste Nebenrolle eine in sich geschlossene, funktionierende eigene Geschichte erhält.

Die Gesellschaftskritik ist zumindest anfangs subtil verpackt. Im Verlauf des Films erhöht sich die Slapstick-Schlagzahl erheblich, die Gags werden etwas grober. Doch Verhoeven kriegt wieder die Kurve. Dabei hilft besonders die Figur des naiv-sympathischen Diallo mit seinem tragischen Schicksal, das der Regisseur sensibel antippt, ohne den lockeren Ton des Films zu verraten. Zum großen Finale im Garten der Hartmanns wird dann ohnehin wieder fein mit dem verbalen Florett gefochten.

„Willkommen bei den Hartmanns“

mit Senta Berger, Elyas M’Barek, Florian David Fitz Regie: Simon Verhoeven Laufzeit: 116 Minuten

Sehenswert

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Männerherzen“oder„Welcome to Norway“mochten.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Sully“: Ein wahrer Held

München - Clint Eastwoods „Sully“ dreht sich um die weniger bekannten Nachwehen des Flugdramas auf dem Hudson River.
„Sully“: Ein wahrer Held

„Underworld: Blood Wars“: Achtung Ballerqueen

München - Kate Beckinsale metzelt sich als Selene in der Fortsetzung der Underworld-Reihe wieder einmal den Weg frei.
„Underworld: Blood Wars“: Achtung Ballerqueen

„Das Morgan Projekt“: Papa kann’s besser

München - Luke Scott, der Sohn des berühmten Ridley Scott, durfte ein Androiden-Drama drehen. Spoiler: Es gibt nur Totgehaue und Verfolgungsjagden.
„Das Morgan Projekt“: Papa kann’s besser

„Die Hände meiner Mutter“: Versehrte Welt

München - In „Die Hände meiner Mutter“ nimmt sich Florian Eichinger feinfühlig des Themas Missbrauch durch Frauen an.
„Die Hände meiner Mutter“: Versehrte Welt

Kommentare