Zarte Annäherung

- Die Augen sind eindeutig Jakobs wichtigstes Sinnesorgan. Der junge, sehr erfolgreiche Theaterregisseur arbeitet an seiner neuen Inszenierung, streitet mit seinen Schauspielern um bestimmte Positionen auf der Bühne und mit der Kostümbildnerin um das Kleid der Hauptdarstellerin. Was man sieht, existiert. Alles andere ist, in Umkehrung zu Saint-Exupé´ry, für Jakob nicht wesentlich.

<P>Nach einem Autounfall verliert Jakob (Hilmir Snaer Gudnason) ausgerechnet sein Augenlicht. Er ist von einer Stunde zur anderen blind. Und wütend. Auf sich. Auf alle, die noch sehen können. Aber vor allem auf Lilly (Fritzi Haberlandt), die von Geburt an blind ist und ihm vom Krankenhaus als Lehrerin zur Seite gestellt wird.<BR><BR>Lars Büchel erreicht in seiner kleinen Geschichte über die zarte Annäherung zweier Menschen ein hohes emotionales und intellektuelles Niveau, das mitunter an die frühen, noch rundherum guten Spielfilme von Wim Wenders erinnert. Wenn die zwei Blinden sich aufmachen zu einer Reise nach Russland, um dort Jakobs Mutter zu besuchen, können sie die Landschaften, die an ihnen vorbeiziehen, nur erfühlen, schmecken, riechen oder hören. Zum Beispiel, wenn die Regentropfen auf Holz, Stein oder Plastik immer wieder anders klingen.<BR><BR>Lars Büchels Filme zeichnen sich durch die kluge Kombination von Massenwirksamkeit und Anspruch aus. Dieses heute viel zu seltene Konzept hält Büchel auch in "Erbsen auf halb 6" wieder durch. Neben die treffenden, oft sehr ironisch-witzigen Dialoge setzt Büchel seine durchdachten Bild-Ton-Kompositionen. Die opulenten, fantasievollen Bilder erinnern häufig an den poetischen Charme von Kusturica oder Kaurismäki.<BR><BR>Doch parallel zu der ausgefeilten Kameraführung betont Büchel den hörbaren Teil seines Films. Genau so, wie sich Blinde ausschließlich nach Gehör orientieren, stellt Büchel die Tonspur seines Films gleichberechtigt neben die Bilder - und gibt dadurch auch den Sehenden die Möglichkeit, einmal ebenso viel hören zu können wie die Blinden. </P><P>(In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx)<BR><BR>"Erbsen auf halb 6"<BR>mit Fritzi Haberlandt,<BR>Hilmir Snaer Gudnason<BR>Regie: Lars Büchel<BR>Sehenswert </P>

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