54, 74, 90, 2006: Die Sportfreunde Stiller haben den Ohrwurm zum Fußball-Sommermärchen geschrieben. Im Bild singt die Band mit der Nationalmannschaft am Brandenburger Tor.

Jubiläum

20 Jahre Sportfreunde Stiller: Applaus, Applaus!

Germering/München – Sie singen so wie Arjen Robben Fußball spielt. Mit ihren Liedern haben sie eine Generation geprägt: Die Sportfreunde Stiller sind ein Wunder: Sie bestehen aus drei amtlich anerkannten Nicht-Sängern aus dem Münchner Outback, die es zu Ruhm gebracht haben. Jetzt feiert die Band ihr 20. Jubiläum. Kompliment!

Als die Sportfreunde Stiller 1996 zum ersten Mal aufgelaufen sind, draußen in Germering – da klang ihre Musik so, wie heute Joshua Kimmich Fußball spielt, der junge Himmelsstürmer vom FC Bayern. Draufgängerisch, unbekümmert, unwiderstehlich nach vorne drängend.

Später haben sie Gassenhauer in die Welt gesetzt, die im Laufe der Jahre Allgemeingut wurden, zum Beispiel das „Kompliment“. 1996, das war für die Sportfreunde Stiller: Sturm und Drang. 2016 ist: Sturm und Stille. So heißt das neue, das siebte Album der Sportis, das heute erscheint, und mit dem sie ihr 20. Jubiläum feiern. Die rauschhaften, die fiebrigen Kimmich-Zeiten sind lang vorbei für die Früh-Vierziger Peter Brugger, Florian Weber und Rüdiger Linhof. Heute sind sie eher der musikalische Arjen Robben, was aber auch keine schlechte Sache ist.

Sozial engagierte Band: Hier setzt sich Peter Brugger in München für Arbeitsplätze für benachteiligte Jugendliche ein.

Genau wie der Wembley-Held des FC Bayern sind die Sportfreunde älter und weiser geworden, haben Schrammen und Blessuren abbekommen. Aber an guten Tagen spielen sie nach wie vor Weltklasse, und sind immer noch in der Lage, ein Stadion, eine Halle vor Euphorie davonfliegen zu lassen. Auch wenn mancher darüber spottet, dass Arjen Robben genau genommen nur einen einzigen Trick drauf hat, und dass Peter Brugger nicht singen kann.

„Die Zeit hupft, kann man sagen“, staunt Schlagzeuger Florian „Flo“ Weber in unserem Gespräch über die erstaunliche Karriere von drei amtlich anerkannten Nicht-Sängern aus dem Münchner Outback. Wer, sagen wir, zwischen 1985 und 1990 geboren und nicht mit Taubheit geschlagen ist – der war „Wellenreiten“ mit den Sportis, der machte der ersten Freundin, dem ersten Freund, also quasi seiner „1. Wahl“, das legendärste „Kompliment“ aller Zeiten, das je aus Germering kam: „Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist.“ Es waren „Wunderbare Jahre“ (noch so eine prächtige Vorlage zum Sich-die-Kehle-heiser-singen).

Die Legende besagt ja, dass sich die Ur-Sportis Peter und Flo beim Fußball kennenlernten. Die Legende hat allerdings den Schönheitsfehler, dass sie nicht stimmt. In Wahrheit sind sich die beiden erstmals beim Sportstudium in München über den Weg gelaufen. Weil Peter an der Mindestweite beim Kugelstoßen scheiterte – und es ihm zu blöd war, mit der Frauenkugel zu schummeln – und weil sich die Sache mit der Musik gut anließ, wechselten die beiden von der Uni auf die Bühne. 1997 stieg Bassist Andi Erhard (quasi der Pete Best der Sportfreunde, nur mit anderem Instrument) aus. Rüde Linhof kam dazu, damit waren die Wunderknaben komplett.

Die weitere Handlung im Schnelldurchlauf: 2002 das erste Hitalbum („Die gute Seite“), 2004 das triumphale Debüt in der Münchner Olympiahalle. Zu dieser Zeit gab Peters Mama immer noch zu bedenken: Das mit der Musik wäre ja in Ordnung, aber muss der Bub denn unbedingt singen? Was durchaus für das gute Gehör von der Frau Brugger sprach.

Doch der Bub sang weiter. 2006 lag sich Deutschland in den Armen, das Sommermärchen bestand aus Klinsi, Schweinipoldi und aus „54, 74, 90, 2006“. Die Sportis trafen Pelé und sangen am Brandenburger Tor, und alle wollten nur noch Fußballlieder von ihnen hören.

Von Germering in die weite Welt – die Sportfreunde Stiller. Im Bild (v.l.) Peter Brugger, Florian „Flo“ Weber und Rüdiger Linhof. 

Sie wollten aber keine Fußballlieder mehr singen, sondern lieferten stattdessen ein Jahr später mit „La Bum“ ihr bestes Album ab. „La Bum“, das klang zwar ein bisserl nach Gerd Müller, doch in den Songs ging es nicht mehr um Fußball, sondern um den „Titel vom nächsten Kapitel“. Statt übers Wellenreiten sang Peter Brugger nun vom „995er Tief über Island“. Und es kam, das Tief: Das Album „nur“ eine Woche Nummer 1, die Hallen leerer als gewohnt. Gerade noch Sensation, plötzlich Stagnation.

2009 folgte trotzdem der Ritterschlag mit dem Akustikprojekt „MTV Unplugged in New York“, was damals noch eine große Sache war. Die Sportis trauten sich richtig was, entdeckten die Magie eines Streichquartetts, und ließen Schauspielerin Meret Becker die singende Säge bedienen.

Nun also, drei Jahre nach der okayen Platte „New York, Rio, Rosenheim“: „Sturm und Stille“, die Klammer für zwei Jahrzehnte Sportfreunde. Flo Weber erklärt den Albumtitel: „Er umreißt unsere 20 Jahre. Wir haben euphorische Stürme erlebt, aber auch Momente, in denen es nichts zu sagen gab, in denen wir uns voneinander entfernen mussten.“ Krisen haben sie mehrere durchgestanden – die erste schon 2004, als es bei den Aufnahmen zum dritten Album „Burli“ nicht voranging, und als ihnen die Plattenfirma allen Ernstes einen Songschreiber zur Seite stellen wollte. Dann 2007, als „La Bum“ auf Unverständnis stieß. Und vor allem 2009, nach „MTV Unplugged“. Weber: „Damals wussten wir wirklich nicht, wie es weitergeht, da lagen wir auf der Schnauze. Aber so was zeigt auch, wie man besser kommunizieren kann, wie man besser aufeinander hört.“

„Ewige Jungs“ zu sein, das wird ihnen heute gerne vorgehalten. Dürfen Sportfreunde älter werden? Dürfen sie in ihren Vierzigern, als etablierte Familienväter, noch ekstatisch dazu aufrufen, sich „Raus, raus in den Rausch“ zu werfen? Natürlich dürfen sie, findet Flo Weber: „Lieber bezeichnet man uns als ewige Jungs, als dass man uns alte Säcke nennt.“ Trotzdem wissen die Sportfreunde gut genug, dass es irgendwann schwierig wird, übers Wellenreiten zu singen, wenn der Sänger dem Bandscheibenvorfall näher ist als dem Eisbach.

Die jungen Sportis im Jahr 2002: Damals – nach ihrem ersten Hitalbum – galten sie als vielversprechende Newcomer.

Die Fans sind mit Peter, Flo und Rüde älter geworden. Wer sich zur Sportis-Musik verliebt hat, heiratet heute, hat Hausbau oder Kinder im Kopf. Mittlerweile wird das „Kompliment“ auf Hochzeiten gesungen. Bei der anschließenden Sause laufen dann oft nicht mehr die Sportfreunde, sondern Wanda, die Wiener Band, die heute so unbekümmert, so unwiderstehlich nach vorne drängt wie einst die Sportis. Was früher das „Kompliment“ war, ist heute „Bologna“: „Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna! Und wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!“

Und trotzdem sind sie auch nach 20 Jahren immer noch da, die Sportfreunde aus Germering. Und trotzdem singen sie noch immer über die Liebe, auch wenn sich die Perspektive ändert, was Peter Brugger im SZ-Magazin so wunderbar erklärt hat: „Mit 24 singt man anders über die Liebe als mit 44. Mit 24 will man entdecken, mit 44 will man bewahren.“

Es ist gut, dass sie noch da sind, denn Spielfreude ist eh unabhängig vom Alter. Arjen Robben träumt vom Champions-League-Finale 2017 in Cardiff, und die Sportis fiebern dem Dezember 2016 in München entgegen. Da spielen sie an drei Abenden hintereinander in drei Hallen, in der Kongresshalle, im Kesselhaus und in der Muffathalle, und alle drei Konzerte sind längst ausverkauft. „Ich sag jetzt nicht, dass der Rüdiger aus einer Kanone geschossen wird. Aber es kann natürlich passieren“, schaut Flo Weber voraus. Aber was er auf jeden Fall sagen kann: „Es wird sehr eng und sehr heiß.“

Fast so wie damals, 1996 draußen in Germering.

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