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„Ich muss das nicht verstehen“: Juliane Votteler (54) vor dem sanierungsbedürftigen Theater.

„Wir lassen es jetzt zwei Jahre lang krachen“

2017 Intendanten-Wechsel in Augsburg

Augsburg - Stadt verlängert den Vertrag nicht: Juliane Votteler darf nur bis 2017 Intendantin des Augsburger Theaters bleiben.

Als sich in den vergangenen Tagen kaum mehr jemand aus Stadtverwaltung oder Politik meldete, als das Telefon bei der Intendantin des Augsburger Theaters immer seltener klingelte und keine Mails eingingen, war die Sache für Juliane Votteler klar. Gewissheit brachte eine Einigung der Rathaus-Fraktionen von CSU, SPD und Grünen: Vottelers Vertrag wird nicht über 2017 hinaus verlängert – ausgerechnet dann beginnt die heikle Phase, während der das Haus umfassend saniert wird.

Dieser Umbau scheint auch der Hauptgrund zu sein für den Bruch mit der Theaterchefin. „Wir wollten nicht mitten im Interimsprozess das Team austauschen müssen“, sagte gestern Kulturreferent Thomas Weitzel unserer Zeitung. „Auch wenn diese Begründung leider etwas mechanisch klingt.“ Juliane Votteler sei dann zehn Jahre in Augsburg gewesen, eine im deutschen Vergleich durchaus übliche Amtszeit. Es gehöre schließlich zum Wesen der Kultur, dass Handschriften immer wieder wechseln, meinte Weitzel

Der Posten wird nun ausgeschrieben und eine Findungskommission einberufen, spätestens bis Frühjahr 2016 soll die Nachfolge geregelt sein. Die genaue Begründung für die Nicht-Verlängerung will indessen keiner abgeben. Zu heikel, zu pikant scheint dies alles. Tränen flossen im Theater, Ensemble und Verwaltungsmitarbeiter bangen nun um ihre Jobs. Die Intendantin hat ihre Fassung inzwischen wiedergefunden, mehr noch: „Ich akzeptiere die Entscheidung, das ist Demokratie in einer Stadtgesellschaft“, sagte Juliane Votteler. „Ich muss das allerdings nicht verstehen oder begreifen.“

Zwei oder drei Jahre wäre sie gern über 2017 hinaus geblieben. Dann hatte die 54-Jährige ohnehin ein Sabbatical geplant, „um endlich wieder kreativ zu arbeiten“. Ein Kinderbuch sei in Arbeit und allerlei anderes. Eine Phase, die sie nun eben vorziehe. Für einen neuen Posten wolle sie sich zunächst „auf gar keinen Fall“ bewerben. „Ich bin erleichtert, dass alles endlich raus ist. Sonst hat man ja das Gefühl, dass man sich dauernd artig verhalten muss.“

Dabei hatte sich Juliane Votteler viel vorgenommen für Augsburg. Mit Regie-Star Peter Konwitschny zum Beispiel hatte sie für jede Spielzeit eine Produktion ins Auge gefasst. Richard Wagners „Walküre“ sollte in der Kongresshalle herauskommen, für 2019 war mit ihm „Prometeo“ von Luigi Nono geplant. Dass Votteler vieles erst aus der Zeitung erfahren musste, dass sie immer wieder mit Gegenwind aus Politik und freier Kunstszene kämpfen muss, von all dem will sie sich nicht provozieren lassen: „Ich habe keinen Anlass, mit Dreck zu werfen, weil ich selbst nicht beworfen werden möchte.“

Dass der künstlerische Kurs der Intendantin manchem nicht passte, ist kein Geheimnis. Zudem verließen in den vergangenen Jahren wichtige Mitarbeiter das Haus. Juliane Vottelers Führungsstil wurde kritisiert, nach einigen Gesprächen und Sitzungen konnte vieles ausgeräumt werden. Mutmaßlicher Katalysator für die jüngste Entwicklung war ein offener Brief, den über 50 Kulturschaffende, Politiker und andere Besorgte unterschrieben haben. Der Tenor: Man fühle sich nicht ausreichend in die Sanierungsdebatte des Hauses eingebunden, zudem solle über die Ausrichtung des Theaters neu diskutiert werden. Eine Aktion, die viel von dem „Wir-haben-doch-nichts-gewusst“ à la „Stuttgart 21“ hat – obwohl seit Jahren die Fakten auf dem Tisch liegen. Die ursprünglich geplanten Sanierungskosten in Höhe von 235 Millionen wurden auf 189 Millionen Euro heruntergefahren, der Freistaat beteiligt sich mit 107 Millionen Euro.

Kulturreferent Thomas Weitzel, der übrigens vorher unter Juliane Votteler am Augsburger Theater gearbeitet hat, betont, mit künstlerischen Gründen habe all das nichts zu tun. Eine „stolze Bilanz“ habe die Intendantin vorzuweisen. Die Geschlagene selbst gibt sich weiterhin unbeirrt. Für das Finale ihrer Ära kündigte sie unserer Zeitung gegenüber eine große Meyerbeer-Produktion an, „ein richtiges Spektakel“, das sich auch auf andere Spielorte ausdehnen soll. „Wir werden es nun zwei Jahre lang richtig schön krachen lassen.“

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