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Drei, die gern lachen - auch über sich selbst: Barbara "Bärbi" (von links nach rechts), Notburga "Burgi" und Monika "Moni" sind die Wellküren.

„Mia ham aa an Migrationshintergrund“

30-jähriges Bühnenjubiläum: Die Wellküren im Interview

München - Nach 30 Jahren auf der Kabarettbühne ziehen die Wellküren alias Burgi, Bärbi und Moni Well Zwischenbilanz.

Am späteren Start war die klassische Rollenverteilung schuld. Während Hans, Michael und Christoph Well als Biermösl Blosn schon seit 1976 Erfolge feierten, waren bei den Schwestern Notburga („Burgi“), Veronika („Vroni“) (seit 2005 Barbara alias „Bärbi“) und Monika („Moni“) Well noch Kinder zu hüten. Dann aber („Alles eine Frage der Organisation!“) ließen sich Auftritte und Familie gut unter einen Hut bringen. Dreißig Jahre sind die Wellküren mittlerweile bayern- und deutschlandweit „auf da Roas“ mit ihrer „Hardcore“-Stubnmusi und den frechen Texten. Höchste Zeit für eine Zwischenbilanz.

War es ein Vorteil für Sie, dass die Brüder schon bekannt waren?

Moni: Auf da oana Seitn war’s super, weil der Name einen gewissen Klang hatte, auf der anderen Seite war’s a Riesenbürde, weil du einfach einen gewissen...

Burgi: ..Erwartungsdruck gspürt hast von Anfang an.

Moni: Ma hat wenig ausprobier’n kenna.

Bärbi: De Briada ham ja Preise ohne Ende kriagt, und da hat sicher mancher denkt: „Aha, die Schwestern wollen auch was vom Ruhm abhaben!“

Moni: Als Trittbrettfahrer, ja!

Aber jetzt sind Sie ja längst etabliert...

Moni: Ja, schon, andererseits ham mir in 30 Jahr’ koan Kabarettpreis kriagt. Das muss man sich mal vorstellen.

Bärbi: Mir ham an Sprachpreis, mir ham an Filmpreis, mir ham an Literaturpreis, aber koan Kabarettpreis. Da kannt ma schon nachdenklich wer’n, gell?

Kommt sicher noch!

Moni: Naa, jetz megn ma ’n nimma.

Gab’s nie Neid oder Streit untereinander?

Moni: Naa, nia ned. Mia vatragn uns nach wie vor mit einem Großteil unserer Brüder hervorragend.

Mit einem Großteil?

Bärbi: Es san ja achte!

Also nicht mit allen?

Moni: Mit fast allen. Da gehen wir jetzt aber nicht ins Detail. (Alle drei lachen herzlich.)

Burgi: Bei 14 Geschwistern – dass man sich da ned mit allen so guad vasteht, des is doch klar. I kenn’ Familien, wo die Geschwister total zerstritten san – und des san nur zwoa!

Woher kommt die Lust am Widerspruch, die Lust, zu traditioneller Volksmusik freche Texte zu präsentieren? Ein familiäres Erbe?

Moni: Volksmusik ist halt das Transportmittel. Des ist des, was ma glernt ham. Zur Volkmusik klingen die Texte halb so bös.

Bärbi: Wobei in unserer Familie jetzt aa ned so extrem traditionelle Volksmusik gspuit worn is. Unsere Eltern ham Jodeln furchtbar gfunden. Es war immer schon was Eigenes. Unser Vater hat Texte gemacht für uns Kinder.

Moni: Gedichte halt.

Bärbi: Und da haben wir viel darüber gelernt, wie man so einen Abend aufbaut. Ernst und lustig.

Burgi: Volkmusik war ja früher aa aufmüpfig, wenn i an an Kraudn Sepp denk’, die Volkssänger – die ham ja aa Themen g’habt, worüber sie sich aufgregt ham.

Über die heile dörfliche Welt zu singen, wie das andere tun, kam Ihnen nie in den Sinn?

Moni: Naa!

Bärbi: Das Kritische hat schon mit der Zeit zu tun, in der mia ogfangt ham.

Moni: Ma hat sich bewusster umgschaut.

Burgi: Ma hat sich aufglehnt. Grün kaputt! (Titel einer Ausstellung und eines Buches, die die Verödung deutscher Gärten und Landschaften dokumentieren; d. Red.)

Moni: Und da, wo wir aufgewachsen sind, in Günzlhofen (im Landkreis Fürstenfeldbruck, Red.), is ja vui passiert, direkt vor da Nasn. Kramer weg, Wirtschaft weg...

Bärbi: ...Bäcker weg. Ois vaschwundn.

Moni: Die schönen alten Häuser – abg’rissen!

Burgi: Mia san zum Bewahren erzogn wordn. Unsa Muatta hat oide Schränk’ gsammelt, als des noch überhaupt ned Mode war.

Wer ist für die Texte zuständig, wer für die Arrangements?

Moni: Des mach ma mitnand. Burgi: Es gibt auch Impulse von außen, mia lassn uns durchaus unterstützen. Vom Georg Ringsgwandl zum Beispiel. Wir sagen ihm, was wir wollen, und dann schreibt er uns das. Und unser Bruder Hans hat uns viel geholfen am Anfang.

Die Musik ergibt sich dann vermutlich fast von selbst?

Moni: Da hilft uns der Stofferl (Christoph Well, Red.), des ist da Oanzige von uns, der Noten lesn ko. (Alle drei lachen herzlich.)

Ist es so, dass man als Kabarettistin dauernd gefragt wird, wer sich um die Kinder kümmert, während man auf der Bühne steht?

Moni: Ja. Deshalb is des aa a Thema bei uns. Mia ham sowieso immer drauf geachtet, dass die Situation, in der ma sich grad befindet, aa auf der Bühne vorkommt. Das waren eine Zeitlang Erziehungsgeschichten, und jetzt geht’s darum, wie man als Frau in Würde altern kann.

Burgi: Mir wern scho gfragt: „Wia lang wollts Ihr des noch macha?“

Das würde man die Brüder nicht fragen?

Moni: Naa!

Die Biermösl Blosn hat die große Politik beackert, Sie beackern eher die Familie – kann man das so sagen?

Moni:  Mir san ja durchaus aa politisch, aber ned so extrem wia d’ Briada. I mog a gern amoi a Liad singa, wo’s ned um die CSU geht.

Bärbi: Es is a bunte Mischung, ned ganz unpolitisch. Themen, die uns interessier’n – und d’ Leit.

In einem Lied sagen Sie, dass Frauen die besseren Politiker sind – warum?

Moni: Des sigt ma doch jetzt an der Merkel!

Sie unterstützen ihren Kurs?

Bärbi: In dem Fall schon!

Moni:  Die Flüchtlingskrise is scho aa a Thema bei uns.

Ernten Sie da nicht auch beim Publikum Widerspruch? „Merkel muss weg“ hört man inzwischen überall...

Moni: Des san die Medien! Die macha aa Politik! Des is bei der Merkel ganz extrem. „Kann sie sich noch halten?“ – hat es schon bald geheißen. Dabei waren ihre Umfragewerte gar ned so schlecht – damals.

Bärbi: Viele denken sich: „Jetzt derf ma ois sagn.“

Ihr Publikum nicht?

Bärbi: Bis jetzt ned.

Moni: Das würde sich ja im Gästebuch niederschlagen oder nach der Veranstaltung an uns herangetragen, aber im Gegenteil. Deswegen ham mia a Liad drin über Flüchtlinge und über bayerische Leitkultur. (Zitiert.) „Statt Allahu akbar sagt ma bei uns Grüß Gott, und scheene Jungfrau’n gibt’s bei uns schon vor dem Tod.“ Und eine Nummer, wo mia uns echauffiern über die Leit, die da am Montag aufd Straß gengan und moanan, sie san das Volk und müssten uns Frauen beschützen. Dabei san des doch wirklich die, die auf uns gschissn ham bisher. Wenn des as Volk is, dann samma mia Flüchtling’!

Bärbi: Zumal mia aa an Migrationshintergrund ham.

Aha!?

Moni: Ja, freilich. Jeder hat oan!

Bärbi: Well!

Moni: Schottischer Hochadel!

Burgi:  Aber leider total verarmt! (Alle drei lachen herzlich.)

Gibt’s einen typisch weiblichen Humor?

Moni: Naa!

Burgi: Glaab i aa ned.

Moni: Es gibt an typisch männlichen Humor.

(Alle drei lachen.)

Und wie ist der typisch männliche Humor?

Moni: Na ja, der is oft flach. (Alle drei lachen herzlich.) I denk da an des, was der Mario Barth macht. Des san scho vui, dene des gfoit.

Gibt’s Gegenden, in denen Sie lieber spielen als in anderen?

Bärbi: Och, äh... (Alle drei lachen.) Wo’s immer nett ist, ist in Teilen Frankens. Die san einfach lustig.

In Teilen Frankens? In den katholischen?

Burgi: Natürlich! Die Katholischen haben einen besseren Humor. Auffallend!

In Mittelfranken spielen Sie dann nicht so gern?

Moni: Jo!

Burgi: Doch, aa!

Hat sich das Publikum verändert in den 30 Jahren?

Burgi: Die wer’n mit uns älter.

Moni: Die besten Veranstaltungen sind die mit einem gemischten Publikum. Jung und oid!

Burgi: Besser als in der Stadt is’ aufm Dorf, bei Leit, die ned gwohnt san, jede Woche in ein anderes Kabarettprogramm zu gehen.

Moni: Die Veranstalter san andere wor’n. Mittlerweile san des hauptsächlich Agenturen, die interessieren sich gar nicht für dich, wenn du spuist. Die machen dir dein Catering und sagen: „Können wir schon abrechnen, weil ich muss dann weg.“

Bärbi: Oder sie san scho vorher weg.

Moni: I   spui   vui  liaba  bei am   ortsansässigen  Veranstalter.

Und Verständigungsprobleme gibt es keine?

Moni: Naa, mir redn ja ned Oberpfälzisch. I find, unser Dialekt is guad zum Vasteh. Mir warn aa schon in Ostfriesland. Das war einer der lustigsten Abende.

Burgi: Da ham mia die ned verstanden.

Wie altert man denn nun in Würde?

Moni: Indem dass ma si nix scheißt. Das Lebn soll nur schaun, was es aus uns gemacht hat.

Burgi: Und dass ma oafach so lang weidamacht, wia’s oam selba gfoit. Und si ned an Kopf macht, ob ma z’ oid is für d’ Bühne oder ned.

Moni: Wir halten uns an unsere Mutter. Die war mit 95, zwei Wochen, bevor’s gstorbm is, noch auf der Bühne. Die waar drei Jahr’ früher gstorbm, wenn’s des ned gmacht hätt’. So macha’s mia aa. Mia san zach! (Alle drei lachen herzlich.)

Das Gespräch führten Katja Kraft und Rudolf Ogiermann.

Katja Kraft

Katja Kraft

E-Mail:katja.kraft@merkur.de

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