Aliens mit Sirene

- Paul Hindemith zum Saisonauftakt der Philharmoniker: Das ist schon sehr bemerkenswert. James Levine hielt sich an eines der "amerikanischen" Werke des Komponisten, die 1943 uraufgeführten "Sinfonischen Metamorphosen über Themen von Carl Maria von Weber". Es ist unterhaltsam und kunstvoll, wie Hindemith die Atmosphäre der Vorlagen verändert - aus Webers Musik zu Gozzis (und Schillers) "Turandot" sowie aus vierhändigen Klavierstücken, witzig im kontrapunktischen Geflecht und in der schlagzeugreichen Instrumentation, die von den Philharmonikern voll ausgeschöpft wurde.

<P>Mozarts Klarinettenkonzert KV 622 hatte sich in dieses Programm verirrt; gerechtfertigt allein dadurch, dass die Solistin Alexandra Gruber aus dem Orchester kommt. Sie spielte ihren Part mit schönem, vollem Ton, im kontrastreichen Rondo brillant. Und Levine, der Hindemith sehr verhalten, fast gleichmütig leitete, ging hier aus sich heraus bei der fein gestalteten Begleitung, die er im Adagio so abstufte, dass die Klarinette ihre Arie ganz allein zu singen schien.</P><P>Nach der Pause sollten 120 Musiker auf dem Podium sitzen, wie Edgard Varèse für die verkleinerte Fassung seiner "Amériques" vorschwebte. Allein 16 Spieler zählte die Schlagzeug- und Geräusch-Sektion, darunter die Sirene, die das Stück berühmt gemacht hat. In den 70 Jahren seitdem fielen die Gründe für eine Skandalisierung Varèses und seiner Musik allmählich weg, gewöhnten wir uns an Dissonanz und große Lautstärke. Immer noch fällt aber die Brutalität der Instrumentation auf, und manchmal könnte man vermuten, dass ein paar akustische Aliens im Orchester sitzen.</P><P>Maurice Ravels viel geliebte zweite Suite aus "Daphnis und Chlo|4e" brachte uns wieder in vertraute, gleichwohl immer noch berauschende Umgebung zurück. Levine schwelgte darin nicht so sehr, er stand eher mit beiden Beinen auf dem Boden der musikalischen Tatsachen. Zum reichen Schlussbeifall zeigten sich Chef und Orchester in schönstem Einvernehmen.</P><P>Karl Robert Brachtel</P>

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