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So schön kann das erste Mal sein: Piotr Beczala als Lohengrin und Anna Netrebko als Elsa. Für das Doppel-Debüt hat die Semperoper eine 36 Jahre alte Produktion aus dem Fundus geholt.

Wagners "Lohengrin"

Anna Netrebkos Debüt in Dresden: Schwahnsinn!

Dresden - Die Opernwelt steht Kopf – zu Recht: Anna Netrebko und Piotr Beczala debütieren in Wagners „Lohengrin“.

Einpacken können sie alle, die Werbestrategen, für PR haben hier die Sänger selbst gesorgt. Seit Wochen macht dieses Paar nicht nur Extremfans heiß. Mit Selfies auf Facebook und Instagram, mit Mini-Videos Marke Eigenbau, sogar mit – oho! – Mitschnitten aus den Endproben. Fast den ganzen „Lohengrin“ gab es vorab im Netz, und fragt man zum Beispiel den Dirigenten, ob er diesbezüglich um Erlaubnis gebeten wurde, grinst Christian Thielemann zurück: „Nö.“ Dresden im Ausnahmezustand, die Semperoper als Mittelpunkt der Opern-Wagner-Welt, das ist doch mal etwas Erfreuliches, was sich von dort berichten lässt.

Anna Netrebkos erste große Wagner-Partie (bei Mentor Valery Gergiev hatte sie einst ein „Parsifal“-Blumenmädchen geträllert), das Debüt als Elsa, der erste Lohengrin von Piotr Beczala, dazu am Pult der aktuelle Stellvertreter von Richard selig auf Erden, das reicht für den kollektiven Kopfstand der Aficionados. Dabei gibt es nicht mal eine Neuproduktion. Die Dresdner vertrauen lieber auf ihre 36 Jahre alte Inszenierung von Christine Mielitz, die einst im Schauspielhaus herauskam, deren Plaste-Holz-Gotik beim Umzug in die wiedereröffnete Semperoper einst nach oben angestückelt werden musste und die jetzt zur großen Star-Sause ihren 112. Durchgang erlebt.

Vier Stunden schaut man ins sepiafarbenglühende Museum und fühlt sich bestens unterhalten. Weil altgediente Abendspielleiter das Ganze frisch halten, weil es viel zu schmunzeln gibt, wenn Elsa samt Gefolge mehrfach durchs Bild zieht, als habe sie sich vor dem Münster verirrt. Und weil da durchwegs Vollblutbühnentiere aktiv sind, denen man einen langen Abend hindurch an den Lippen hängt.

„Singing Wagner auf Deutsch is not easy, ooooh!!“, hatte die Netrebko nach der ersten Probe auf Facebook gestöhnt. Und ist dabei dennoch sehr, sehr weit gekommen. Sogar einen neuen, einen Elsa-Klang hat sie sich zugelegt. Statt sich wie sonst auf die Wirkung ihres dunklen Samtsoprans zurückfallen zu lassen, hat sie irgendjemand (Thielemann? ein ebenso energischer Sprachlehrer?) weit aus der Reserve gelockt. Das Verhangene, der Schleier vor ihrer Stimme, all das ist plötzlich weg. Der ganze erste Aufzug ist fast überartikuliert. Text und Ausdruckswillen scheinen wichtiger als ebenmäßiger Klang, vielleicht sind ja auch Superstars nervös... Doch dann beruhigt sich das, und man erlebt hingerissen eine Power-Elsa. Die ist zu allem, auch zu jeder Nuance entschlossen, und lässt sich von ihrer Umwelt nichts bieten, am allerwenigsten von dieser Ortrud-Hexe (Evelyn Herlitzius mit essigsauren, effektvollen Eruptionen). Elsa und ihre Widersacherin begegnen sich mindestens auf Augenhöhe, ein Showdown. Und die Netrebko reizt die Finessen ihrer Partie so weit aus, reagiert mit Blicken und Gesten auf die Partner, als habe sie Deutsch in St. Petersburg als zweite Fremdsprache studiert.

Der Partner trifft von der anderen Seite mitten ins Wagner-Zentrum. Piotr Beczala, im Spiel ein bescheidener Schwanenritter, der sich behutsam Raum erobert, singt die Partie wie auf einer einzigen überlangen Linie – und so, als sei sie Lehárs beste Oper. Ein bisschen Träne, eine vollmundige Mittellage, eine grundsolide lyrische Erziehung – und ein Klang, als hätten sich Richard Tauber und Nicolai Gedda in dem Polen reinkarniert. Metallischen „Peng“ bietet Stilist Beczala weniger, dafür vollendetes Legato und viel Intelligenz bei der Einteilung: Am Ende, wo Wagner zwischen den gefürchteten „A“s kaum Ausruhtöne gestattet, hat Beczala noch Lust und Kraft fürs cremigfeine Gestalten.

Drumherum bietet die Semperoper das Bestmögliche. Nicht nur als König Heinrich ist Georg Zeppenfeld derzeit auf der Pole-Position im deutschen Bass-Fach, Tomasz Konieczny gibt als Telramund mächtig Dezibel und das passende Ekel; dass er sich mit Extra-Vokalen als Superdeutscher versucht („Entesetzlich!“), ist grundsympathisch. Mit seiner Staatskapelle muss sich Christian Thielemann erst auf den „Lohengrin“ einswingen. Das Vorspiel wackelt, der erste Akt wird robust abgefertigt, ab dann steigert sich das Ganze – unter Mithilfe des nie forcierten Staatsopernchors – zum Thriller. Gift, Pathos, Herzweh, Utopisches, alles hört man heraus, manchmal fast gleichzeitig.

Am Ende schießen die Smartphones in die Höhe, Standing Ovations, die Netrebko bekommt einen Plüsch-Schwan zugeworfen, eine arme Seele ruft Buh. Zur Vorstellung Nummer drei hat sich laut Maestro „Kathi“ angesagt. Nach diesem Doppel-Debüt dürften bei der Wagner-Urenkelin, beim Dirigenten und bei der Sopranistin alle Bedenken ausgeräumt sein: Anna Netrebko ist 2018 Bayreuths neue Elsa. Einen Dreh müsste man nur noch finden – wie man den eigentlich geplanten Roberto Alagna durch Piotr Beczala ersetzen kann.

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