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Strotzend vor Selbstbewusstsein nehmen die Darsteller mit und ohne Migrationshintergrund ihr Publikum mit auf eine Reise, die man nicht so schnell vergessen wird.

Premierenkritik

Mit der Arche ins bessere Leben

München - Wie man in der Flüchtlingsdebatte klar Stellung bezieht, zeigt die Bayerische Staatsoper und ihr bewegendes Projekt „Noah“. Die Premierenkritik.

Fast hat man sich schon zu sehr an die Bilder aus den Flüchtlingslagern gewöhnt. Doch dann hört man die Geschichte eines Einzelnen, und auf einmal wird die Sache real, bekommt ein Gesicht. Dies ist wohl einer der zentralen Sätze des Musiktheater-Projekts „Noah“, mit dem die Bayerische Staatsoper nun in der europaweit geführten Debatte klar Stellung bezieht. Rund 40 Jugendliche zwischen 13 und 23 haben sich hier zusammengefunden, um ausgehend von Benjamin Brittens Kinderoper „Arche Noah“ ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen.

Viele von ihnen sind Flüchtlinge, aber auch junge Münchnerinnen und Münchner mit und ohne Migrationshintergrund machen mit, die strotzend vor Selbstbewusstsein die Probebühne am Marstallplatz stürmen und das Publikum mit auf eine Reise nehmen, die man so schnell nicht vergessen wird. Um eine Flut geht es ja in der zugrundeliegenden Bibelgeschichte, die alles vernichtet und zum Neuanfang zwingt. Eine Geschichte, so lernt man gleich zu Beginn, die sich mit verschiedenen Namen durch fast alle Religionen zieht und die hier mit den Erfahrungen der jungen Flüchtlinge verschmilzt.

Die Arche als Boot also, das jenseits des Mittelmeeres ein besseres, friedlicheres Leben verspricht. Ein Symbol der Hoffnung, dessen klaustrophobische Enge die Besucher der Aufführung hautnah miterleben, wenn sie ihren Pass als „Koala“ oder „Fledermaus“ bekommen und nach einem strengen Auswahlverfahren paarweise mit an Bord gehen dürfen. Schon zuvor lässt Regisseurin Jessica Glause, die die individuellen Stärken ihrer spielfreudigen Truppe klug einsetzt, das Publikum immer wieder in kleine Gruppen aufteilen und den direkten Kontakt suchen. Aus der großen Chorszene werden intime Zweiermomente, aus der biblischen Parabel authentische Einzelschicksale. Mal ironisch humorvoll verpackt, mal schwer an die Nieren gehend.

So verteilt etwa ein Mädchen aus Bosnien, dessen Heimatort bei einer Flut nahezu dem Erdboden gleich gemacht wurde, in Leuchtfarben markierte Fluchtpläne, mit denen auch ortsunkundige Vorstellungsgäste bei eventuell zu starkem Regenfall schnellstmöglich den höchsten Punkt Münchens erreichen können. Einer ihrer Mitstreiter aus Afghanistan berichtet dagegen von einem Freund, den die Taliban gegen seinen Willen als Selbstmordattentäter rekrutieren wollten, und von seinem ebenso beschwerlichen wie teuer erkauften Weg nach Europa: „Details ersparen wir Ihnen.“

Aber auch das, was man hört, lässt einen schon fassungslos schlucken. Wobei es die Produktion schafft, den erhobenen Zeigefinger zu meiden. Und auch den musikalischen Arrangements und Neukompositionen von Benedikt Brachtel gelingt es perfekt, die unterschiedlichen Stimmungslagen und Kulturkreise zu vereinen, die bei diesem Projekt harmonisch aufeinander treffen. Vom Britten-Choral über mitreißende Ethno-Rhythmen bis hin zur souverän vorgetragenen Rap-Einlage. Ein bewegender Theaterabend, den man nicht nur, aber besonders all jenen ans Herz legen möchte, die sich lieber hinter „patriotischen“ Parolen verschanzen und übersehen, dass Probleme am besten immer noch im Dialog gelöst werden.

Tobias Hell

Weitere Aufführungen

heute, morgen sowie 13. und 14. Mai;

Telefon 089/ 2185-1920.

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