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Als Bauer Huber (Golo Euler) vor den Trümmern seiner Existenz steht, packt er seine letzte Sau in den Beiwagen und zieht los.

Regisseur Aron Lehmann: „Nicht nur die Bauern gehen zugrunde“

Aron Lehmann über die Tragikomödie „Die letzte Sau“, die Gefahren des Höfe-Sterbens und seine schweinische Hauptdarstellerin

Schon in seinem vielfach preisgekrönten Kinofilmdebüt, der originellen Tragikomödie „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“, erzählte Autor und Regisseur Aron Lehmann vom tapferen Kampf eines Idealisten. Nach der Komödie „Highway to Hellas“ ist er nun in seine schwäbische Heimat zurückgekehrt, um dort ein weiteres Herzensprojekt zu verwirklichen: „Die letzte Sau“ kommt an diesem Donnerstag in die Kinos. Wir sprachen mit dem sympathischen, unprätentiösen und passionierten Wahlmünchner.

Wie kamen Sie als Sohn eines Buchhändlers in einem 500-Seelen-Dorf im Nördlinger Ries zum Film?

Ich habe schon früh angefangen, mir Geschichten auszudenken. In der zweiten Klasse habe ich auf einer Schreibmaschine im Adler-Suchsystem tagelang an einem Märchen geschrieben, das letztlich eine Seite lang war. Dann begann ich, mit Nachbarskindern Märchen als Hörspiele aufzunehmen. Als ich von meinen Eltern ein Schattentheater bekam, schrieb ich auch dafür ein Stück. Und als ich zwölf war, kam ein Onkel zu Besuch, der eine Filmkamera hatte. Ich spannte meine Cousins ein und drehte meinen ersten Film. Mit dieser Kamera habe ich bis zum 18. Lebensjahr Filme gemacht.

Im Jahr 2005 wurden Sie als Student an der Filmhochschule in Babelsberg angenommen.

Ja, und beworben hatte ich mich dort mit einer fünfzehnminütigen Mundartkomödie namens „Die letzte Sau“. Die Darsteller waren Freunde aus meinem Dorf, und es ging um einen verarmten, verzweifelten Bauern, der beschließt, eine Bank zu überfallen – und daran scheitert, dass der Bankangestellte sein Schwäbisch nicht versteht.

Die Szene kommt auch in Ihrem neuen Film vor.

Ja, denn die Figur hat mich all die Jahre verfolgt – wie ein Hund, der dich beißt und nicht mehr loslässt. Ich hatte das Gefühl, dass da noch mehr drinsteckt und ich diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt habe.

Was hat Sie dazu bewogen, das Bauernsterben zu thematisieren?

Ich habe selbst erlebt, wie die Höfe in unserer Nachbarschaft nach und nach alle verschwunden sind. Doch nicht nur die Bauern gehen zugrunde, auch das gesamte Handwerk, das sich über viele Jahrhunderte entwickelt hat. Inzwischen gibt es nichts mehr in unserem Dorf, nicht einmal mehr einen Metzger oder einen Tante-Emma-Laden. Kleinbauern, Einzelhändler und andere Kleinbetriebe werden systematisch von Ketten und Konzernen kaputt gemacht. Davon wollte ich erzählen – aber nicht in einer intellektuellen Abhandlung, sondern in einem unterhaltsamen Film, der die Herzen der Menschen erreicht.

Darum auch die vogelwilde Mischung aus Komödie, Heimatfilm, Ökothriller, Märchen, Sozialsatire, Roadmovie, Horrorfilm und Musical?

Ja, es ist eben ein echter Lehmann! (Lacht.) Ich liebe es, verschiedene Genres zu kombinieren. Mich reizt die Balance zwischen Komik und Tragik. Und ich verstehe gar nicht, warum in deutschen Filmen nicht viel öfter gesungen und getanzt wird. Fellini, Almodóvar oder die Franzosen haben es doch wunderbar vorgemacht – das sind so schöne, sinnliche, emotionale Momente! Darauf wollte ich nicht verzichten.

Wie haben Sie die Darstellerin der Titelrolle gefunden? Gab es ein Casting?

Unsere Tiertrainerin hat drei Säue vorgeschlagen, und Lise hat sich dann als talentiertestes Motorradschwein herausgestellt. Sie fand Motorradfahren toll.

Aron Lehmann bei den Dreharbeiten

Und wie inszeniert man so eine rebellische Sau?

Gar nicht. Die Sau führt Regie. Viele Szenen sehen jetzt ganz anders aus als im Drehbuch. Wir mussten auch oft Rücksicht auf Lise nehmen, weil es ein extrem heißer Sommer war und die Haut von Zuchtschweinen sehr empfindlich auf Sonne reagiert. Da muss man sie möglichst schnell in den Schatten bringen – oder mit Sonnencreme einschmieren.

In der Hitze hat Lise vermutlich auch geschwitzt wie eine Sau.

Irrtum! Schweine schwitzen überhaupt nicht. Aber in der Hitze hecheln sie wie Hunde, und es besteht die Gefahr, dass sie hyperventilieren. Deshalb haben wir Lise mit nassen Tüchern immer gut gekühlt.

„Die letzte Sau“ ruft zum Widerstand auf. Glauben Sie, dass man als Einzelner überhaupt etwas bewirken kann?

Na klar! Jeder kann mit seinem Handeln die Welt verändern. Wenn du dich entscheidest, weniger Fleisch zu essen oder deine Salami nicht mehr beim Discounter zu kaufen, fängt deine Freundin sicher auch an, darüber nachzudenken. Das A und O ist es, eine Haltung zu haben und dazu auch zu stehen. Mit gutem Beispiel voranzugehen, ohne die anderen belehren zu wollen. Man muss gar keine Fabrikwände mit Botschaften bemalen. Man braucht nur den Mut, etwas zu ändern.

Daran hapert es bei vielen Leuten: Sie haben Angst, ihr Leben könnte sich zum Negativen verändern.

Ein großer Fehler. Ich habe viele Menschen erlebt, die unglücklich sind oder spüren, dass sie etwas ändern müssten, sich aber wegen eben jener Angst nicht trauen. Ich kann nur raten: Packt es an! Es wird natürlich nicht sofort alles automatisch gut, doch es wird jedenfalls nicht schlechter. So wie am Ende des Films: Es wird vielleicht wieder ein Scheißdreck sein – aber ein bisserl besserer Scheißdreck!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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