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Astrid Lindgren (1907–2002) am Arbeitsplatz.

Johan Palmberg erzählt rührende Details

Urenkel führt Leser in Astrid Lindgrens Wohnung - viele weinen

Stockholm - Johan Palmberg erzählt von seiner Urgroßmutter, der Schriftstellerin Astrid Lindgren. Er führt Leser durch Lindgrens Stockholmer Wohnung - viele weinen.

Hier las Lindgren ihrer Tochter aus „Pippi Langstrumpf“ vor.

Johan war elf Jahre alt, als seine Urgroßmutter starb. Man hatte ihn aus der Schule geholt und in ihre Wohnung im Stockholmer Stadtteil Vasastan gefahren, in der sie über sechzig Jahre lang gelebt hatte, und nun stand er neben ihrem Bett, in dem sie lag, und sah die abgewetzten Stellen im Teppich, dort, wo sie jeden Morgen beim Aufstehen ihre Füße auf den Boden gestellt hatte. Schließlich versammelten sich Johan und seine Verwandten im Wohnzimmer nebenan, wo sie schon immer ihre Familientreffen abgehalten hatten und wo das geblümte Sofa stand und das blaue, das aus Småland stammte, der Heimat seiner Urgroßmutter. Dort blieben sie eine Weile.

Im Arbeitszimmer lief der Fernseher und nach einiger Zeit verschwanden die alltäglichen Sendungen eine nach der anderen aus den Programmen, und Johans Urgroßmutter tauchte auf dem Bildschirm auf, ihr Gesicht, ihre Hände, und auch die Figuren, die ihrer Fantasie entsprungen waren. Johan blieb lange dort, und als er die Wohnung schließlich verließ, um nach Hause zu gehen, sah er das Meer aus Blumen, das den Bürgersteig bedeckte. Denn Astrid Lindgren war nicht nur Johans Urgroßmutter, sie war gewissermaßen die Großmutter einer ganzen Nation.

Der König persönlich ging mit ihr spazieren

Man wusste, wo sie wohnte, doch wenn sie im Vasapark gegenüber spazieren ging, hielten die Leute respektvoll Abstand. Die Schweden verehrten sie wie eine Heilige, selbst als sie schon uralt war, fast blind und taub, und Johan sie an der Hand nehmen und sich zu ihr hinunterbeugen und ihr ins Ohr rufen musste: „Astrid, ich bin’s, Johan!“, damit sie wusste, wer bei ihr war. Genauso machte es im Übrigen der schwedische König, als er sie traf, er nahm sie an der Hand, beugte sich hinunter und rief: „Astrid, ich bin’s, der König!“

So erzählt es Johan Palmberg (26) selbst, der nun, vierzehn Jahre nach Lindgrens Tod, in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa sitzt. Lange wussten die Erben nicht, was sie mit dieser großen, schönen Wohnung anstellen sollten, und so ließen sie erst einmal alles wie es war – die Bücher in den Regalen, die Bilder an der Wand. Seit einigen Monaten nun ist sie der Öffentlichkeit zugänglich, und so läuft Johan drei oder vier Mal pro Monat auf Socken durch die Wohnung seiner Urgroßmutter und zeigt den Besuchern, wie Astrid Lindgren lebte. „Viele weinen“, sagt Johan, „besonders, wenn sie das Schlafzimmer betreten, wo Astrid starb.“ Und fast alle Besucher wissen eine persönliche Geschichte zu erzählen: Wie sie Lindgren einmal trafen, wie ihre Bücher sie berührten.

Sie war die Großmutter aller Schweden

Johan Palmberg in Astrid Lindgrens Wohnzimmer.

Für Johan verändert das auch das Bild, das er von seiner Urgroßmutter hatte. „Es kommen immer neue Aspekte hinzu“, sagt er. Sein Vater, Lindgrens Enkel, hatte sich genau deshalb dagegen entschieden, selbst Führungen zu machen. Er will sich die Erinnerung an sie so bewahren, wie er sie kannte – als seine Großmutter eben, nicht als die Schwedin des Jahrhunderts. Doch Johan ist nicht der Einzige, der diese Führungen veranstaltet und den Besuchern etwa das Bett zeigt, in dem Astrid ihrer Tochter Karin zum ersten Mal von Pippi Langstrumpf erzählte, den Esstisch, an dem sie Freunde empfing, das Arbeitszimmer mit Blick auf den kleinen Platz, der heute „Astrid Lindgrens Terrass“ heißt, oder Kleinode wie eine Schale, die ihr Boris Jelzin in den Neunzigerjahren schenkte.

Aber die Wohnung ist kein Museum, und so sind auch die etwa 20 Ehrenamtlichen, die den Menschen Zutritt gewähren, keine Fremdenführer. Sie alle hatten eine persönliche Beziehung zu Astrid Lindgren, waren Mitarbeiter oder Freunde. Einer von ihnen ist der Bewohner der Nachbarwohnung, dessen Klavierspiel Lindgren regelmäßig durch die Wände lauschte. Die Führungen sind regelmäßig ausgebucht, einige Besucher erzählen, dass sie stundenlang die Website aktualisierten, um eine Karte zu ergattern. „Aber wenn sie dann da sind“, sagt Johan und muss lachen, „dann ist es glaube ich gar nicht so wichtig, was ich erzähle. Für sie geht es darum, überhaupt hier zu sein.“

Johanna Popp

Astrid Lindgrens Wohnung befindet sich in der Dalagatan 46, 113 24 Stockholm; Informationen und Tickets: www.astridlindgrenshem.se

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