Das lässt tief blicken

Grusel-Video: Opernsänger lässt sich bei Wagner-Arie "röntgen"

München - Eine Aufnahme der ganz besonderen Art: Bariton Michael Volle singt auf einem Magnetresonanztomographie-Video Wolframs „Lied an den Abendstern“. Wir haben mit ihm darüber gesprochen. 

Mit Max Regers Requiem ist Michael Volle an diesem Donnerstag und Freitag beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Münchner Herkulessaal zu erleben. Für uns lässt der Bariton tief blicken: Bei seinem Freiburger Professor für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde wurde ein Video per Magnetresonanztomographie (MRT) erstellt, während der Star das Abendstern-Lied aus Wagners „Tannhäuser“ singt.

Wie kommt man denn auf solch eine Idee?

Professor Matthias Echternach, Oberarzt an der Freiburger Universitätsklinik, singt auch im Stuttgarter Kammerchor von Frieder Bernius, daher kenne ich ihn. Er kam auf mich zu, weil er den Stimmapparat von Sängern untersuchen will. Meine Zähne wurden also genau vermessen. Ich musste alles Mögliche tun, in irgendwelche Geräte hineinpusten zum Beispiel. Und dann hat er mich eben in die Röhre gesteckt.

Aber dort ausgerechnet Wolframs „Lied an den Abendstern“...?

Michael Volle war es schon etwas mulmig in der Röhre. 

Ich bin nicht klaustrophobisch veranlagt, aber mulmig wird’s einem da schon. Matthias Echternach sagte: „Sing’ irgendwas!“ Da dachte ich mir: Mozarts Don Giovanni wäre jetzt blöd, da würde ich mich unwillkürlich zu stark bewegen. Also lieber den „Abendstern“, die Gefahr des Einschlafens bestand ja eher weniger. Dass es ziemlich unbequem war, hört man auch. So ganz ohne Stütze – nicht alle Töne sind dort, wo ich sie gerne hätte. (Lacht.)

Und wenn man die Aufnahmen dann sieht? Ist man erschrocken über das, was man vielleicht physisch falsch macht?

Zuallererst ist man total verblüfft. Ich hatte ja null komma null Ahnung. Diese ewig lange Zunge zum Beispiel! Ich wusste über physische Rahmenbedingungen Bescheid, das braucht man für eine gesunde Technik. Dass man zum Beispiel die Zungenwurzel nicht nach oben kommen lassen darf, sonst gibt’s einen Knödel. Oder dass die Zunge die Zähne berühren soll. Meine Technik werde ich sicher nicht umstellen nach diesem Video. Aber viele Feinheiten und Details über den gesamten Kopf- und Halsbereich waren mir absolut neu.

Wird so etwas nicht im Studium gelehrt?

Ich habe keine Ahnung, was heute gelehrt wird, dazu ist meine Ausbildung zu lange her. Sicherlich geht es da auch um Feinheiten der Muskulatur, der Resonanzräume und so weiter. Dennoch glaube ich, dass die meisten Sänger und auch die Pädagogen eher über das Hören reagieren und korrigieren.

War dieses Video ein einmaliges Experiment?

Absolut nicht. Ich bin nicht der Einzige, den Matthias Echternach untersucht hat. Zig Sänger waren bei ihm. Ziel ist eine groß angelegte Studie, die bei ihrer Veröffentlichung in Fachkreisen für Aufsehen sorgen wird. So wie ich das verstanden habe, entwickelt die Uni eine Kamera, die mehrere tausend Bilder pro Sekunde aufnehmen kann. Damit soll zum Beispiel beim hohen F der Königin der Nacht bewiesen werden, dass es das sogenannte Pfeifregister bei Sopranistinnen nicht gibt. Vielleicht fühlt sich durch mein Video manche Kollegin oder mancher Kollege animiert – die Freiburger brauchen Solisten, die mir ihrem Instrument umzugehen wissen. Die Videos werden übrigens ohne Nennung des Sängers veröffentlicht. Aber okay, wer genau hinhört, dürfte den Urheber schon erkennen.

Das Gespräch führte 

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