+
Fast die Beatles: Twist & Shout mit Alan LeBoeuf (Paul McCartney) und Carmine Francis Grippo (Ringo Starr) am Schlagzeug.

Premierenkritik

Beatles-Musical feiert in München Geburtstag

München - Das Beatles-Musical „All You Need Is Love“ feiert im Deutschen Theater München sein 15-jähriges Bestehen. Lesen Sie hier unsere Kritik:

John sieht aus wie Ozzy Osbourne. George erinnert an Monty Pythons Michael Palin. Ringo könnte als Double des Boogie-Woogie-Pianisten Axel Zwingenberger durchgehen. Nur Paul, der ist fast wie der echte und müht sich auch um einen britischen Akzent. Seit 15 Jahren sind Howard Arthur, John Brosnan, Carmine Francis Grippo und Alan LeBoeuf alias Twist & Shout die Beatles. So wie eine Gruppe eben die Beatles sein kann, wenn sie nicht die Beatles ist. Das Jubiläum des Musicals „All You Need Is Love“ zu Ehren der größten Band aller Zeiten – sorry, liebe Rolling-Stones-Fans – feiern die drei Amerikaner und der in London lebende Ire Brosnan derzeit im Deutschen Theater. Mit einfachsten Mitteln, aber einer großen Wirkung.

Die Show ist eine echte Tribute-Gala

Gegen die Shows einer Helene Fischer wirkt Chris Berns’ Inszenierung der historisch aufgezogenen Tribute-Gala fast altertümlich. Eine ganz normale Bühne. Eine Leinwand. Ein homöopathisch eingesetztes Stroboskop. Viele nostalgische Bilder aus der Beatles-Geschichte, wie es sie zu Tausenden im Internet gibt, ein paar Videos. Für Kostümwechsel – von der Rock-’n’-Roll-Kluft über die Streberanzüge bis hin zum quietschigen „Sgt.-Pepper“-Outfit – verschwindet die Band ganz klassisch hinter die Bühne. Und eine dreiköpfige Schauspieltruppe erzählt in Sketchen den Werdegang der Fab Four nach. Um es gleich vorwegzunehmen: Als potenzielle fünfte Beatles, von denen die deutsche Wikipedia elf Menschen aufführt, treten nur Stuart Sutcliffe, Pete Best, Tony Sheridan und natürlich Brian Epstein auf. In der Rolle des 1967 verstorbenen Managers liefert der Brite Ian Wood die humoristischen Höhepunkte der Show – als renitenter Zweifler im Liverpooler Plattenladen, am Telefon mit den USA, der BBC und dem Bayerischen Rundfunk („Wir spielen nur anständige Musik“) und als gschroamaulerter Megaphon-Boy bei „Yellow Submarine“. Einige der Sketche erinnern in ihrer Hemdsärmeligkeit an die ARD-Sendung „Harald und Eddi“ aus den Achtzigerjahren. Gerade dadurch erfährt die Show Bodenhaftung.

Die Hybris eines jeden Beatles-Tributs bedarf durchaus einer gewissen Selbstironie. Wer kann John, Paul, George und Ringo, die in den Sechzigern zu geradezu mythischen Figuren wurden und es bis heute bleiben, schon erreichen? Keiner. Viele ihrer Songs haben die Beatles selbst nur im Studio aufgenommen, niemals live gespielt. Das kümmert die Jungs von Twist & Shout wie die meisten Tribute-Combos wenig. Sie gehen handwerklich versiert ans Werk. Zwar auf Kosten des naturalistischen Re-Enactments der echten Beatles-Performances, dafür kommt das Publikum bei „All You Need Is Love“ auch in den Genuss von späteren Stücken wie „Come together“, „A Day in the Life“, „Sgt. Pepper’s lonely Hearts Club Band“ und dem herrlichen Pingpong-Sprechen des daran anschließenden „With a little Help from my Friends“.

Lange verharrt die Hit-Gala bei der Frühphase

Leider hält sich die Hit-Gala zu lange in der Frühphase der Band auf, jener Zeit, als die Beatles dem Rock ’n’ Roll verbunden waren und mit Tony Sheridan in Hamburg Gassenhauer wie den Folksong „My Bonnie“ zum Besten gaben. Irgendwann dröhnen die Ohren vom blechernen Geplärr der frühen Tage, das sich so stark vom genialen Harmoniegesang einer späteren Single wie „Help“ unterschied. Überhaupt der Gesang: Natürlich steht und fällt die Show mit dem Spiel um Ähnlichkeit und Unterschied. Alan LeBoeuf kommt seinem Paulchen nicht nur stimmlich, sondern auch in der Körperlichkeit nahe. Der Kopf wackelt. Die Augen sind aufgerissen, wach und so treu wie die eines Dackels. Wenn sein Gesang auf den des Lennon-Darstellers Howard Arthur trifft, dann entfaltet sich – fast wie bei den echten Beatles – das ganze Spektrum zwischen kehligem Blech und sanftem Soul, mit George als Synthese der beiden Stimmen. Dass Carmine Francis Grippo zwar engagiert trommelt, aber bei seinem Vokalauftritt Ringos gemütlich brummelnden Bariton weit verfehlt, ist fast egal. Klassiker wie „Hey Jude“, „Let it be“ und John Lennons „Imagine“ zünden auch so. Zum Schluss steht das zunächst schüchterne Publikum selbst dann noch klatschend und jubelnd im Saal, als die Band die Zugaben längst beendet hat.

Weitere Vorstellungen

bis 31. Juli; 089/ 55 23 44 44.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Männer“ mit „Currywurst“

Herbert Grönemeyer veröffentlicht auf CD-Box „Alles“ sein Gesamtwerk.
„Männer“ mit „Currywurst“

Garretts Geigen-Feuerwerk in der Olympiahalle

München - Auf seiner neuen Tournee heizt David Garrett seinen Fans in München ordentlich ein. In der Olympiahalle präsentiert der Geigen-Virtuose Rockklassiker im neuen …
Garretts Geigen-Feuerwerk in der Olympiahalle

Elf Bücher, die Sie zu Weihnachten verschenken und lesen sollten

Manche behaupten, ein Buch sei ein einfallsloses Weihnachtsgeschenk. Stimmt nicht. Unsere Autorin hat in diesem Jahr bezaubernde, starke, mutige Bücher gelesen, die auf …
Elf Bücher, die Sie zu Weihnachten verschenken und lesen sollten

Neues Album: Die Rolling Stones kommen nach Hause

München - Elf Jahre mussten Fans der Rolling Stones auf neuen Stoff warten, jetzt haben die Altrocker ihr neues Album „Blue & Lonesome“ rausgebracht - wir verraten euch …
Neues Album: Die Rolling Stones kommen nach Hause

Kommentare