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Wenn das der Alte wüsste: Richard Wagners Büste im Park am Grünen Hügel.

Festspiele beginnen

Bayreuth: Eine Dynastie endet

Bayreuth - Skandale? Viel entscheidender: Am heutigen Montag beginnen die Bayreuther Festspiele. Sie treiben in eine ungewisse Normalität.

Ach ja, der Mann mit dem Hakenkreuz. Vier Jahre ist das schon her, dass Bariton Evgeny Nikitin wegen eines längst überstochenen Tattoos aus dem „Fliegenden Holländer“ entfernt und vom Grünen Hügel vertrieben wurde. Noch im Angebot: eine Sopranistin, Anja Kampe, die nicht mehr Isolde sein durfte; Aktionskünstler Jonathan Meese, dem man die „Parsifal“-Inszenierung entzog; Kino-Mann Wim Wenders, der den „Ring“ zurückgab und durch Schluffi-Regisseur Frank Castorf ersetzt wurde; zuletzt Dirigent Andris Nelsons, der offenbar das ständige Gemäkel Christian Thielemanns satt hatte. Und nun hat auch noch Angela Merkel abgesagt. Bayreuth also im Skandal-Sumpf versunken? Ach was.

Die alljährliche Personalie, die medial bis zur Geschmacklosigkeit durchgekaut wird, gehört dazu wie die Pausen-Bratwurst und der Schweißfleck. Zumal es keine bessere Werbung gibt: Wer redet in diesem Sommer schon von der Salzburger Konkurrenz? Es ist bezeichnend, dass sich Uwe Eric Laufenberg, Regie-Ersatz für Jonathan Meese beim „Parsifal“, derzeit ständig äußert: Nein, er plane keine islamkritische Inszenierung. Jeder Brosamen, den Laufenberg in Interviews verliert, wird medial verwertet – was für ein PR-Effekt. Abgesehen davon: Warum sollte in einer „Parsifal“-Aufführung nichts Islamkritisches vorkommen? Schlingensief hat das – wie durchlässig die Hirne doch sind – seinerzeit in Bayreuth längst vorgeführt.

Bei alledem, was in den vergangenen Jahren am Hügel passierte, ist ein typisches Muster festzustellen. Einen merkwürdig ruckeligen Gang haben sich die Festspiele nämlich angewöhnt. Zwei Schritte vor, einen bis eins komma fünf zurück, das ist die Geschwindigkeit, mit es dort unrund läuft. Wohin? Das vermag ohnehin keiner genau zu sagen.

Mit verstärkten Sicherheitsvorkehrungen reagieren die Festspiele seit einigen Wochen auf die angespannte Lage.

Alle Fälle, die gerade am Hügel für Diskussionen sorgen, haben eines gemeinsam: Es handelt sich um Korrekturen. Entscheidungen, so mutig sie einmal gedacht waren, müssen aus welchen Gründen auch immer zurückgenommen werden. Viel zu tun hat das mit der Sonderstellung der Festspiele. Noch immer erwartet alle Welt von Bayreuth, es habe in Sachen Wagner gefälligst Schrittmacher zu sein. Ein paar Mal ist das auch passiert in jüngster Zeit. Mit der „Parsifal“-Regie von Stefan Herheim etwa, mit seinem Vorgänger Christof Schlingensief, mit dem „Lohengrin“ von Hans Neuenfels, auch mit einigen Sänger- und Dirigenten-Besetzungen. Da pro Jahr nur eine Oper neu ausgestoßen wird, haben die Bayreuther auch nur einen Versuch frei – was dazu einlädt, übers Ziel hinauszuschießen. Andere Häuser haben es leichter, ein Flop lässt sich in einer langen Saison locker ausbügeln.

Katharina Wagner, nach Abservierung ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier (auch so eine „Korrektur“) alleinige Chefin, hat ihr Neu-Neu-Bayreuth noch nicht in die Balance gebracht – zwischen Tradition, so falsch sie von orthodoxen Hügel-Pilgern auch verstanden wird, und dem Erspüren neuer Strömungen. So viel guten Willen und Mut die Komponisten-Urenkelin auch zeigt: Die ständigen Korrekturen führen vor Aug’ und Ohr, dass ihre ursprünglichen Pläne eben nur bedingt realitätstauglich sind.

Der 38-Jährigen ist freilich eines zugute zu halten – sie hat an mehr Fronten zu kämpfen als ihr Vater Wolfgang. Die Enkelgeneration profitierte seinerzeit noch viel mehr vom weltweit einzigartigen Nimbus. Doch in Bayreuth hat längst ein Entzauberungsprozess eingesetzt. Die Weihe des Ortes ist noch zu spüren, der Status als Heiligtum ist freilich dahin. Das stärkste Argument, mit dem Wolfgang Wagner wuchern konnte, war die Nachfrage. Festspiele, die sich zehnfach verkaufen ließen und mit Ticket-Wartezeiten von zehn Jahren operierten, konnten sich alles erlauben. Nun gibt es, dem Internet sei Dank, ab und zu noch freie Karten zu erspähen. Ein Beleg für den Niedergang? Eher für etwas viel Komplizierteres: für den Weg in die Normalität.

Gefährlich ist das für ein Festival, bei dem das Unnormale, Bizarre, Aus-der-Zeit-Gefallene zum Selbstverständnis gehört. Bis 2020 soll vorerst noch Katharina Wagners Vertrag gelten. Am dynastischen Prinzip halten die Entscheidungsträger also bislang fest. Wobei ein ketzerischer Gedanke sich mehr und mehr aufdrängt: Braucht Bayreuth wirklich den Namen Wagner bei der Besetzung des Chefsessels? Dass in diesem weltweit einzigartigen Theater nicht „Tosca“ oder „Aida“ gespielt werden sollten, ist nachvollziehbar. Aber für „Parsifal“ und „Tannhäuser“ dürften die Fans auch weiterhin schweißtreibende Stunden auf Holzklappsesseln verbringen – egal, wer das alles organisiert hat. Traditionalisten lassen sich auch anders zufriedenstellen. Zum Beispiel mit einem Musikdirektor Christian Thielemann, der sich als eine Art Adoptivsohn Wolfgang Wagners begreift.

Katharina Wagner scheint sich ohnehin eher als Künstlerin denn als Managerin zu verstehen. Ihre Inszenierungen sind diskussionswürdig, haben aber ein Problem: Man sieht ihnen an, dass ihre Urheberin mehr Praxis bräuchte. Inhalt und Realisierung, man denke nur an den neuen „Tristan“ aus dem vergangenen Jahr, stehen in keinem optimalen Verhältnis. Die Bayreuther Werkstatt, das könnte die Wiederaufnahme heuer zeigen, hat da aber schon manches ausgebügelt.

Was in dieses Bild passt: Mit ihren Auftritten hält es die Chefin anders als ihre Ahnen. Dass sie bei offiziellen Anlässen mit Abwesenheit glänzte, ist ihr angekreidet worden. Unbewusst oder bewusst beginnt sie die Öffentlichkeit damit aber von der Dynastie zu entwöhnen. Es spricht vieles dafür, dass Katharina Wagner eine Übergangsfigur ist, die Bayreuth in eine Zukunft driften lässt, die sich manches Mitglied des Stiftungsrats oder des Bayerischen Kunstministeriums noch gar nicht ausmalen kann. Eine Zukunft ohne Wagners: Wer sagt, dass die so dunkel ist?

In eigener Sache

Der Hörfunksender BR Klassik überträgt die „Parsifal“-Premiere heute live, auch im Video-Stream. Die Aufführung beginnt um 16 Uhr, bereits ab 15.05 Uhr gibt es ein Festspielmagazin, zu Gast ist unter anderem unser Kulturredakteur Markus Thiel. Sie hören ihn unter https://www.br-klassik.de/index.html

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