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Erwartungsvolle Spannung im Ensemble: Igor Zelensky (47) an einem seiner ersten Arbeitstage.

Interview zum Saisonstart am Bayerischen Staatsballett

Igor Zelensky und das „sehr große Erbe“

München - Mit Beginn der Spielzeit 2016/17 ist Igor Zelensky neuer Chef am Bayerischen Staatsballett. Wir sprachen mit ihm über seine Pläne für München und sein Selbstverständnis.

Der große Ballettsaal im Münchner Nationaltheater ist mit über sechzig Tänzern gepackt voll. Es ist einer der ersten Arbeitstage des Bayerischen Staatsballetts unter dem neuen Leiter Igor Zelensky – und man spürt die erwartungsvolle Spannung im Raum. Heute gibt überdies ein Gast das Training: die weltweit gefragte dänische Ballett-Koryphäe Johnny Eliason. Der Meister spricht seine Übungsanweisungen leise, dennoch gut hörbar und schlägt mit seiner ruhigen Konzentration wie ein Magier den ganzen Saal in seinen Bann. Was dann diese hochgewachsenen schlanken jungen Frauen und Männer – etwa die Hälfte ist neu im Ensemble – an der Exercice-Stange und bei den folgenden tänzerischen Schritt-, Dreh- und Sprungkombinationen zeigen, das macht sehr gespannt auf die gerade anbrechende Saison. Anschließend beantwortet Zelensky einige Fragen.

(Neo-)Klassik, moderner und zeitgenössischer Tanz und historisch-pädagogische Aufarbeitung, das war das Kombi-Konzept unter der Direktion Ihres Vorgängers Ivan Liška.

Das Bayerische Staatsballett hat ein sehr großes Erbe in allen drei Bereichen mit Werken von Petipa, Frederick Ashton bis Jerome Robbins, George Balanchine, William Forsythe und vielen anderen. Diese Tradition werde ich weiterführen. München ist eines der größten Häuser Europas, da ist es unsere Aufgabe, große Klassiker zu zeigen. Aber ich will auch neue Choreografen entdecken und natürlich auch Kreationen für das Ensemble.

Ivan Liška, die Klassik- und Modern-Experten Wolfgang Oberender und Bettina Wagner-Bergelt haben die Programm-Politik gemeinsam gestaltet.

Das Dreier-Direktorium war eine Münchner Besonderheit. In der Regel ist der Direktor verantwortlich für das künstlerische Programm. Das ist meiner Meinung nach auch der richtige Weg.

Aktuelle Choreografen-Namen, die bei Ihnen bisher fielen, sind Justin Peck und der mit einer „Madame Butterfly“ für 2017/ 18 eingeplante Foto- und Videokünstler David LaChapelle. Neben diesen US-Amerikanern sind es vor allem Briten: Russell Maliphant, Paul Lightfoot, Christopher Wheeldon, dessen „Alice im Wunderland“ Sie nächstes Frühjahr bringen, und Wayne McGregor. Haben die Briten das, was Sie von zeitgenössischem Tanz erwarten?

Es kommt nicht darauf an, wo man geboren wird, sondern mit wem man arbeitet. Wheeldon startete beim New York City Ballet. John Cranko leitete das Ballett in Stuttgart, der Amerikaner William Forsythe das Ballett in Frankfurt. Für mich muss der zeitgenössische Tanz Energie haben, den Zuschauer berühren, Impulse geben, eben ganz wie die moderne Kunst.

In Russland hatten es die frühen Tanz-Erneuer wie Kasjan Goleisowsky und Leonid Lawrowsky schwer. Heute tanzen sogar russische Ensembles Werke von Jirí Kylián, Forsythe, McGregor und Jorma Elo. Das Problem bei dieser Repertoire-Mischung aus Klassik und Moderne: Die klassische Technik leidet. Die muskulären Anforderungen in beiden Genres sind verschieden, was auch zu mehr Verletzungen führt. Wie ist mit diesem Problem umzugehen?

Danke für diese Frage! In der Tat ist das die schwierigste Hürde – die wir mit richtigem Training zu überwinden versuchen. Denn wir wollen und werden Klassisches und Zeitgenössisches zeigen.

Als Mariinsky-Solist haben Sie in einem Ensemble getanzt, das so gut wie ganz aus der Waganowa-Akademie hervorging. Sie haben sich also technisch-künstlerisch in einem bestimmten stilistischen Umfeld entwickelt. Diese einheitliche Ausbildungsgrundlage gab es hierzulande nicht. Es gab nie eine „deutsche Schule“. Folglich tanzt seit jeher in deutschen Ensembles ein internationales „Migrations-Gemisch“. Was sind hier Ihre Ziele fürs Staatsballett?

Heute kommen die Tänzer generell von überall her. Für die Klassiker lade ich daher nach Möglichkeit die Ballettmeister ein, die in der betreffenden Tradition ausgebildet sind, im besten Fall das Werk selbst getanzt oder es choreografiert haben. Der große 89-jährige Juri Grigorowitsch wird seinen „Spartacus“ neu erarbeiten. Stuttgarts Ballettchef Reid Anderson, ein Cranko-Spezialist, wird dessen „Romeo und Julia“ einstudieren, Christopher Wheeldon sein „Alice im Wunderland“. So versuchen wir, dem jeweiligen Original möglichst nahe zu kommen. Mein Job ist es, festzulegen, wer von den Solisten am besten mit wem tanzt – auch in stilistischer Hinsicht.

Sie haben eine große internationale Erfahrung als Tänzer, zudem Ballettchef-Erfahrung in Athen, Novosibirsk und Moskau. Haben Sie sich hier vorab mit den finanziellen Bedingungen der Oper vertraut gemacht? Trotz eigenem Budget hat der Staatsballettchef ja die Möglichkeit, bei Vertragsabschluss noch Verbesserungen der finanziellen Grundausstattung auszuhandeln.

Wir haben hier eine tolle Infrastruktur, teilen uns die Techniker, das Kostümwesen und natürlich das Orchester mit der Oper. Für das alles bin ich sehr dankbar. Aber natürlich: Es könnte immer mehr sein. Wir haben zwei neue Sponsoren gefunden, und wir arbeiten weiter dran.

Sie sind weiter Ballettchef am Moskauer Stanislawsky-Theater. Aber jedes Ensemble braucht doch die Präsenz und volle Aufmerksamkeit seines Leiters. Sonst könnte man ja per Skype Anordnungen treffen.

Seit Juli gibt es einen neuen Intendanten am Stanislawsky (Anton Getman, die Red.). Ich muss erst einmal mit ihm sprechen. Die Struktur ist dort ja ganz anders als in Deutschland. Auf jeden Fall lebt meine Familie hier, insofern ist auch mein Lebensmittelpunkt in München.

Sie haben in Athen, Novosibirsk und am Stanislawsky Klassiker inszeniert. Was folgt hier?

Im März 2018 feiern wir den den 200. Geburtstag von Petipa, gleich im August den 100. von Leonard Bernstein. Diese Jubiläen würde ich gerne auf der Bühne begehen. Mal sehen, was das Budget zulässt.

Informationen:

Am 10. September, dem „Probentag mit dem Bayerischen Staatsballett“, kann man Igor Zelenskys Ensemble aus der Nähe erleben (am Platzl 7, 9.45 Uhr, Karten unter Telefon 089/ 2185-1920).

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