+
Herr der Töne: Klaus Doldinger in seinem Tonstudio in Icking. Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen lebt er seit 1968.

Jazz- und Filmmusik-Legende

Klaus Doldinger zum 80.: Er bleibt sich treu

München - Seine Musik kommt seit Jahrzehnten am Sonntag in die Wohnzimmer der Deutschen. Die Titelmelodie zum „Tatort“ ist die bekannteste der vielen Film- und TV-Kompositionen, die Klaus Doldinger geschrieben hat. Heute feiert der Jazz-Musiker seinen 80. Geburtstag.

Natürlich hätte er nach Hollywood gehen können; wie Kollege Hans Zimmer, der in den Vereinigten Staaten als Filmkomponist ein Leben zwischen internationalen Stars führt. Klaus Doldinger blieb. Seit 1968 lebt er in seinem Haus in Icking (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Seit 56 Jahren ist er mit seiner Frau Inge verheiratet. Beide Zahlen sagen viel aus über diesen Großen der Jazz- und Filmmusikszene. Er ist ein treuer Mensch in jeglicher Hinsicht. „Ich bin Stier“, kommentierte er das einmal lachend in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Auf den Einwand, dass aber doch der Aszendent entscheidend sei, vor allem im Alter (heute wird er 80, da darf man das anfügen), greift er zum Hörer und ruft seine Inge über das Haustelefon im anderen Zimmer an. „Was für einen Aszendenten habe ich eigentlich?“ – „Jungfrau.“ „Und was bist du?“ – „Schütze.“ Zufriedenes Lächeln. „Wir ergänzen uns ganz gut, wie Sie merken!“

Seit 56 Jahren ist Doldinger mit seiner Frau Inge verheiratet. Hier mit Sohn Nicolas beim Jazzsommer im Bayerischen Hof 2012.

Die Musik hat die beiden einst zusammengebracht. Es war einer seiner ersten Soloauftritte, 1955. Der damals 19-Jährige hatte gerade seine Band Oskar’s Trio gegründet. Inge Beck saß im Konzert. Er sprach sie an. Fünf Jahre später heirateten die zwei. Inge und die gemeinsamen Kinder Viola, Melanie und Nicolas sind die vier großen Lieben in Doldingers Leben – doch neben ihnen hatte er immer offen eine leidenschaftliche Affäre. Mit der Musik, dem Jazz, den unsterblichen Melodien, mit denen er sich selbst unsterblich gemacht hat.

Der „Tatort“-Evergreen, der zu jedem Sonntagabend wie das Augenpaar im Fadenkreuz des Trailers gehört, ist ja nur einer von vielen Hits. Doldinger schrieb die Musik zu Filmen wie „Das Boot“, „Die unendliche Geschichte“ und „Salz auf meiner Haut“ oder zu Serien wie „Liebling Kreuzberg“, „Wolffs Revier“ und „Alles außer Mord“. Als Instrumentalist berühmt wurde er vor allem mit seiner 1972 gegründeten Formation Passport.

Ehrenbürger von New Orleans - der Mutter des Jazz

International bekannt war er schon vorher. 1960 tourte Doldinger durch die USA und wurde zum Ehrenbürger der Stadt New Orleans, der Mutter des Jazz, ernannt. Für ihn persönlich „mein größtes Erlebnis“. Gerade 24 Jahre, fasziniert von all den Eindrücken, bespielte er die Bühnen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Sein Weg dorthin klingt kinderleicht wie alles bei Doldinger, der auch im Alter von 80 mit seinem Lachen, seinen glasblau glänzenden Augen und seiner Energie eine ungeheure Jugendlichkeit ausstrahlt: Geboren 1936 in Berlin, nach einer Kindheit in Wien bereits mit elf Jahren Sonder-Stipendiat am damaligen Robert-Schumann-Konservatorium Düsseldorf. Die Fächer: Klavier, Klarinette, Harmonielehre und Musiktheorie. Dann ein paar Jahre Tonmeister- und Musikwissenschaftsstudium. Und schließlich: 1952 das Bekenntnis zum Jazz, genauer zum Dixieland bei der damaligen Band The Feetwarmers, bei der er als Klarinettist begann. Auch diesem Genre blieb der Stier treu. Inzwischen kann er auf über 5000 Auftritte, Tourneen durch 50 Länder und über 2000 veröffentlichte Kompositionen zurückblicken.

Eine Bilderbuchkarriere. „Wenn ich heute noch einmal anfangen würde, wenn ich noch mal 20 wäre...“ Doldinger überlegt, ob es dann auch klappen würde mit dem großen Erfolg. Seine Vermutung: „Das wäre schwierig. Diese ganze Massenunterhaltung ist so viel breiter geworden. Vielseitiger auch natürlich. Sodass es noch schwerer geworden ist, eine richtige Position zu beziehen.“ In seiner Anfangszeit sei die Unterteilung der verschiedenen Stilrichtungen übersichtlicher gewesen. „Es war schwer, an Platten zu kommen. Wenn ich heute hingegen ins Musikkaufhaus gehe – dann wird man ja schier erschlagen“, sagt er, der sich als Mitglied des künstlerischen Beirates der Union Deutscher Jazzmusiker und Aufsichtsratsmitglied der Gema auch für die faire Vergütung der Kunst seiner Kollegen einsetzt.

Geburtstagsständchen von einem alten Freund

Rechtzeitig zum heutigen Geburtstag fügt er den Kaufhausregalen eine weitere CD hinzu: das nunmehr 35. Passport-Album „Doldinger“. Ein Geschenk an die Fans: 14 Lieblingsstücke unter seinen annähernd 350 Kompositionen allein für diese Band hat er dazu noch einmal neu eingespielt. Mit Gastmusikern wie Dominic Miller (dem Gitarristen von Sting), Nils Landgren, Max Mutzke, Sasha und Helge Schneider. Und dann ist da noch jemand zu hören, der selbst nächste Woche 70 Jahre alt wird. Udo Lindenberg singt ihm ein Geburtstagsständchen. Die beiden verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft. Denn auch Lindenberg, für den Doldinger der „Jazz-Gott“ ist, war beteiligt an der bekannten „Tatort“-Melodie: Er saß zu der Zeit am Schlagzeug von Passport. Fast 50 Jahre später ruft der Panik-Präsident dem Jazz-Jubilar zu: „Der Greis ist heiß! Happy Birthday. Keine Panik! Dein Trommler.“ Den Takt gibt Doldinger selbst am Saxofon vor. Die Atemkraft ist ihm noch lange nicht ausgegangen. Die Spielfreude gleich gar nicht. Der Mann bleibt sich treu.

CD und Konzert: Das Jubiläumsalbum „Doldinger“ ist bei Warner erschienen. Klaus Doldingers Passport spielen am 7. Dezember im Prinzregententheater das Abschlusskonzert zur Jubiläumstour. Karten unter 089/ 54 81 81 81.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Henry Purcells „King Arthur“: Ein Winternachtstraum

München - Regisseur Torsten Fischer und Choreograf Karl Alfred Schreiner bringen die Semi-Oper „King Arthur“ in der Reithalle heraus. Es ist die beste …
Henry Purcells „King Arthur“: Ein Winternachtstraum

Night of the Proms: Was für ein fideles Fest!

München - Nun singet und seid froh! Die Night of the Proms, der klingende Christkindlmarkt, ist wieder in der Stadt.
Night of the Proms: Was für ein fideles Fest!

Kirk Douglas wird 100: Der Titan des Jahrhunderts

Los Angeles – Wie ein Rammbock bahnte sich Kirk Douglas seinen Weg zum Erfolg. Filme wie „Wege zum Ruhm“ und „Spartacus“ machten ihn unsterblich. Im hohen Alter …
Kirk Douglas wird 100: Der Titan des Jahrhunderts

Rockavaria 2017: Jetzt wird es noch verwirrender

München - Noch immer ist das Rockavaria-Festival 2017 weder angekündigt noch abgesagt. Jetzt äußert sich ein Olympiapark-Sprecher - und macht die Verwirrung nicht …
Rockavaria 2017: Jetzt wird es noch verwirrender

Kommentare