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Kreativer Motor: Bob Dylan Mitte der 60er-Jahre mit Joan Baez

Jahrelang im Favoritenkreis

Orpheus’ Enkel: Bob Dylan und der Literaturnobelpreis

Stockholm - Jahrelang zählte er zum Favoritenkreis – jetzt hat die Schwedische Akademie den Songpoeten Bob Dylan ausgezeichnet. 

Dylanologen galten bislang als ziemlich verrückte Gattung. Verrückt nicht im Sinne von gemeingefährlich, eher im Sinne von: Man möchte ihnen in die Wange zwicken und ein Pausenbrot schmieren. Wie andere Menschen Schmetterlingen mit Keschern hinterherhechten, veranstalten sie ganze Kongresse zum Sinn und Zweck des Daseins von Bob Dylan auf Erden. Sie stellen Fragen wie: Wer ist eigentlich dieser komische Mr. Jones in der „Ballad of a thin Man“? Und wie ist diese Reise in den Norden gemeint, die der Erzähler in dem Song „Isis“ antritt? Was sie dagegen ganz genau wissen: Es war die H-Saite, die dem Meister beim elften Song seines Auftritts am 21. Mai 2000 in Horsens, Dänemark, jäh abriss.

Jetzt ist Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden, und nicht nur bei den zahlreichen Spezialisten der Dylan-Pseudowissenschaft werden die Korken knallen, sondern bei allen, die sich für Popmusik interessieren. Bob Dylan war einer der großen kulturellen Motoren des 20. Jahrhunderts, das ist ohnehin vielen klar. Dass er in einem Universum wirkt, in dem auch DJ Ötzi nicht fehl am Platz ist, machte ihn freilich unmöglich für höhere Weihen. Seit 20 Jahren wurde Dylan immer wieder für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen – ohne Erfolg.

Jetzt hat die Jury sich getraut und Dylan Hochkarätern wie dem Briten Salman Rushdie und dem großen Favoriten, dem Japaner Haruki Murakami, vorgezogen. Der 75-Jährige werde für die Schaffung „neuer poetischer Ausdrucksformen“ in der großen Tradition der amerikanischen Musik geehrt, erklärte die Sprecherin der Schwedischen Akademie, Sara Danius, gestern in Stockholm. Es ist das erste Mal, dass ein Musiker mit dem höchsten Preis der Dichter ausgezeichnet wird. Das Raunen der Journalisten im Raum wollte nicht enden, genau wie der Applaus danach. Danius würdigte die Lieder des Musikers als „Poesie für die Ohren“. Dylan habe den Status einer „Ikone“, hieß es in einer Erklärung der Akademie. „Sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik ist tiefgreifend.“

Dylan erhob in den Sechzigerjahren die Popmusik und das Brechen von Regeln im Alleingang zur Kunst. Seine Songs drehten sich nicht mehr um Teenager-Dramen, sondern waren vertonte surreale Gedichte und mitunter so lang, dass sie ganze LP-Seiten einnahmen – fundiert in der Tradition des „alten, unheimlichen Amerika“, so nannte es der Kritiker Greil Marcus. Also in den hundert Jahre alten Mörderballaden und Folksongs, die Dylan mit scheinbar leichter Hand durch die zeitgenössische Mangel drehte. Ohne ihn als Vorreiter hätten die Beatles sich nie derart rapide als Song-Autoren weiterentwickelt. Die Fab Four wiederum ermutigten ihn, sich der Popmusik zu verschreiben. Ein Kreativitätswettbewerb, in dem Bob Dylan stets die Nase vorn hatte.

Mittlerweile unterteilt man sein Schaffen in Perioden. Nicht die blaue oder rosa Periode wie bei Picasso, aber doch klar definiert: die frühe freche Folk-Phase, die produktive Rockstar-Phase Mitte der Sechziger, dann die Einsiedler-Phase nach seinem Motorrad-Unfall 1966, der ihn aus dem Pop-Zirkus hinauskatapultierte, die Phase als Country-Sänger, die Phase als Tingeltangel-Bob mit Zirkus-Show, die Phase, in der er das Christentum predigte. Heute scheint sich ein Kreis geschlossen zu haben: Bob Dylan singt Songs aus dem großen amerikanischen Liederbuch, bei dem sich einst bereits Frank Sinatra bediente. Seine Stimme klang freilich stets gleich gewöhnungsbedürftig – „als ob sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums geweht wäre“, ätzte ein früher Kritiker. Zu wahr, um schön zu sein, sagen seine Fans.

Tatsächlich kommt dem Vortrag bei Dylan eine große Bedeutung zu. Wer ihn wegen seines Organs gering schätzt, sollte die Verletzlichkeit in dem großen Trennungs-Epos „Simple Twist of Fate“ beachten oder sich die großartige Hochnäsigkeit in Dylans Meisterwerk „Like a Rolling Stone“ anhören. Seine Stimme verleiht den Songs eine Dimension, die die zum Teil weitaus erfolgreicheren Interpreten seiner Lieder selten erreichten. Er steht in der Nachfolge der singenden Dichter: des mythologischen Orpheus, der biblischen Psalmisten und der mittelalterlichen Vaganten.

Im selben Maße, in dem sich Bob Dylan in all den Jahren rar machte und hinter Masken versteckte, wuchs der Kult um ihn. Für die Dylanologen war es natürlich ausgemachte Sache, dass er irgendwann den Nobelpreis bekommen würde. Da konnte seine Nominierung in Fachkreisen noch so sehr als „running gag“ gelten – und er selbst sich in seiner Autobiografie noch so bescheiden geben: „Ich habe mich nie größer gemacht, als ich bin – ich war immer nur ein Folkmusiker, der mit tränenblinden Augen in den grauen Nebel hinausblickt und sich Songs ausdenkt, die im leuchtenden Dunst dahintreiben.“

Die Dylanologen haben es besser gewusst. Wobei noch zu klären wäre, was genau der Meister mit dem Dunst eigentlich meint.

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