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Bruce Springsteen auf seiner „The River Tour“.

Bruce Springsteen

Der Boss bleibt ein Mythos

Der Mann, der immer schon der Boss sein wollte, hat etwas getan, womit man nicht rechnen konnte: Er hat Memoiren veröffentlicht. Bruce Springsteen legt mit „Born to run“ seine Autobiografie vor – schonungslos, selbstironisch und humorvoll.

Bruce Springsteen, mittlerweile 67-jähriger Held der arbeitenden Massen, das ist ein Mann der Tat, Held ekstatischer Konzerte, Schöpfer epischer Hymnen und nimmermüder Chronist der alltäglichen Dramen seiner Heimat. Aber ein alt gewordener Typ, der Anekdoten aus seinem Leben erzählt, Affären ausbreitet und über Befindlichkeiten spricht? Das wollte man sich gar nicht vorstellen. Ist Springsteen also doch wie alle anderen Stars?

Die Antwort lautet: Nein, ist er nicht, weil er ziemlich schonungslos mit sich umgeht, mit seinem Image, seinen Macken. Dabei verliert er sich freilich nie in masochistischer Offenbarungs-Lyrik, sondern wahrt eine humorvolle Distanz zu sich, seinem Werk und zu der Verehrung, die ihm weltweit zuteil wird. Springsteen ist tief in seinem Inneren zeitlebens ein überdrehter Teenager mit einer Menge Störfallpotenzial geblieben, und das macht diese Erinnerungen durchweg lesenswert. Er stromert unbefangen durch sie, und ab und an schockt er einen regelrecht mit präzisen, fast schon kühlen Analysen seiner Fehler, seiner Persönlichkeit und seiner Krankheit.

Alkohol erst mit 22 Jahren

Seit Jahren, so schreibt Springsteen mit dem verzweifelten Witz eines Profi-Patienten, wird er wegen schwerer Depressionen behandelt, und wenn es ganz besonders heftig wird, wirft er Gute-Laune-Pillen ein. Welche Überwindung ihn das kosten muss, ahnt man nach der Lektüre des Buches: Springsteen ist ein Leben lang geradezu panisch allen Drogen aus dem Weg gegangen, die einzige Ausnahme ist der Alkohol, aber auch den trinkt er erst mit 22 zum ersten Mal. Es ist die Angst vor Kontrollverlust, die ihn umtreibt, und damit ist man auch schon im Herzen der Geschichte des Bosses.

Bruce Springsteen 1973 noch am Beginn seiner Karriere als Rockmusiker.

Diese Angst hat viel mit Bruce Springtseens Vater zu tun. Das Verhältnis zu ihm hat Springsteen seit jeher umgetrieben. Einer der Gründe für den Erfolg womöglich. Jeder Sohn stellt schließlich irgendwann irritiert fest, dass er seinem Vater ähnlicher ist, als er sich eingestehen will, und all die Fehler mit sich herumschleppt, die man am Vater kritisiert hat. Springsteen senior, ein hitzköpfiger Ire, der die Welt nicht so recht aushält und wortkarg den brütenden Schmerz in Alkohol ertränkt, regt sich mit viel Hingabe über den Erstgeborenen Bruce auf. Springsteen junior gibt den aufmüpfigen Rebellen, aber die Sprachlosigkeit, die Wut, die Launen des Alten haben ihn fest im Griff. Nicht zuletzt weil beim Vater schwere psychische Störungen festgestellt werden.

Springsteen leidet selber immer wieder unter gravierenden Stimmungsschwankungen. Mitte der Achtziger, als er muskelbepackt die Stadien der Welt ins Delirium spielt und als Inbegriff eines ganzen Kerls gilt, schleicht er das erste Mal in eine Therapie. Im Grunde handelt das Buch von dem Versuch, irgendwie mit sich selber zurande zu kommen, „dieses großmäulige, selbstgeißelnde, von Schuld und Zweifeln durchzogene Geplapper in meinem Kopf“ zum Schweigen zu bringen.

Dazwischen gewährt Springsteen sehr unterhaltsam Einblicke in die Genese seiner legendären Band, die oft zermürbenden Plattenaufnahmen und die Merkwürdigkeiten, die der Ruhm mit sich bringt. Einmal fragt ihn das überlebensgroße Idol Bob Dylan, ob er etwas für ihn tun könne. Dem Boss fehlen die Worte. Angenehm ist, wie unbeschwert Bruce Springsteen mit seinem Selbstbewusstsein umgeht. Er kokettiert nicht groß herum: die harte Schule, über Jahre für winzige Gagen in Bars und Clubs zu spielen, sein Talent für Songs, die besondere Energie seiner Konzerte – das alles ist ihm natürlich bewusst. Genau wie seine Schwächen. Von seiner Stimme ist er nicht begeistert, und Gitarre spielen viele andere viel besser, gesteht er ein. Wie immer bei Erinnerungen stellt sich die Frage nach dem wahren Verfasser der Zeilen, und man ist geneigt zu glauben, dass es wirklich Springsteen ist. Wenn man seine Texte und Interviews kennt, kann man sich nur schwer vorstellen, dass jemand anders als der Boss Sätze hinbekommt wie: „So begann eins der größten Abenteuer meines Lebens: Dreißig Jahre meines Lebens würde ich die Wüste in meinem Kopf nach Spuren von Leben durchforsten.“ Man bekommt ein Bild von dem Mann. Woher aber letztlich die Kraft kommt, die ihn bis heute antreibt wie eine Meute Bluthunde, das kann man bestenfalls ahnen. Der Boss bleibt ein Mythos. Auch mit Psychotherapie.

Von Zoran Gojic

Bruce Springsteen: „Born  to  run“. Aus dem Englischen von Teja Schwaner, Alexander Wagner u. a. Heyne Verlag, München, 671 Seiten; 27,99 Euro.

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