Das China-Protokoll

München - Wer nur ein Krawall-Buch erwartet hatte, wird überrascht. Ai Weiweis verbotener Internet-Blog verband künstlerische Reflexion, Biografisches, Kritisches und Banales. Jetzt ist eine Auswahl der Texte, auf Deutsch erschienen.

Am Ende verhehlt er seine Wut nicht: „Als Mensch muss ich meine Rechte verteidigen. Niemand sollte mich provozieren“, schrieb Ai Weiwei am 28. Mai 2009 auf blog.sina.com.cn/aiweiwei: „Ich habe hingenommen, dass ihr meinen Blog gelöscht habt, ich habe hingenommen, dass ihr mein Telefon angezapft habt, ich habe hingenommen, dass ihr mein Haus überwacht. Doch ich kann nicht hinnehmen, dass ihr in mein Haus eindringt und mich vor den Augen meiner 76-jährigen Mutter bedroht.“ Kurz nachdem Ai dies schrieb, löschte die chinesische Regierung sein Internet-Tagebuch. Es war eine Demonstration der Macht (bereits zuvor wurden immer wieder Beiträge zensiert) und erster Höhepunkt einer Eskalation, die sich bis in den April dieses Jahres fortsetzte, als Ai auf dem Pekinger Flughafen verhaftet und bis 22. Juni festgehalten wurde.

Dass aus seinem Internet-Tagebuch ein Pamphlet, eine Agitation gegen das Regime werden könnte, war zunächst nicht zu erwarten, als Ai Weiwei im Jahr 2005 auf Bitten des chinesischen Internetportals sina.com den Blog begann: Der Promi-Blogger war - wie andere auch - als Werbeträger gedacht und startete seine Text- und Fotosammlung im Internet als künstlerische Positionsbestimmung. Da geht es um Architektur, um Fotografie, um zeitgenössische Kunst in China und um die „Probleme ausländischer Architekten, die in China bauen“. Ai schreibt aber auch über Drogen, „flache Schuhe“ und mischt sich in Debatten ein, wie jene um den gefeierten chinesischen Jungautor Han Han, Jahrgang 1982.

Er berichtet aus der Innenperspektive über ein Land, das in jenen Jahren mit SARS, Korruption und dem Milchpulverskandal zu kämpfen hatte, ein Land, das die Welt bei den Olympischen Sommerspielen begrüßte. Ai beriet zunächst das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron bei deren Entwurf für das Nationalstadion in Peking, das sogenannte „Vogelnest“. Doch als er sah, wie die Machthaber das Sportfest manipulierten, ging er auf Distanz. Nach der Eröffnung der Spiele giftete er am 8. August 2008: „Diese inkompetenten Idioten haben die Eröffnungszeremonie der Olympiade pervertiert und zu einem Paradebeispiel für unsinniges, falsch verstandenes ,Brauchtum‘, einen blasphemischen ,Geist der Freiheit‘ und einen visuellen Misthaufen aus falscher Herzlichkeit und salbungsvoller Heuchelei gemacht.“ Es war ein erster deutlicher Angriff auf das Regime.

Spannend macht alle Texte, dass Ai als Zeitzeuge beobachtet und beurteilt, als Chinese, der sich seinem Land verbunden fühlt, es versteht und mit ihm leidet: „Im Laufe der letzten 100 Jahre hat China schlimmere politische, wirtschaftliche und kulturelle Katastrophen erduldet als alle anderen Länder der Erde.“ (4. Februar 2006.) Wenig später analysierte er bitter: „In China gibt es noch immer keine wirklich mächtige modernistische Bewegung, denn die Basis einer solchen Bewegung müssten der Sieg der Menschlichkeit und die Verbreitung des humanitären Geistes sein. Demokratie, materieller Wohlstand und allgemeine Schulbildung sind der Nährboden, auf dem der Modernismus gedeihen kann. Das alles liegt für ein Entwicklungsland freilich in weiter Ferne.“ Klarer lässt sich das nicht sagen.

In den Texten zeigt sich, wie (gesellschafts-)politisch Ai die Aufgabe des Künstlers - nicht nur in China - begreift: „Der heutigen Kultur und Kunst mangelt es immer noch an den elementarsten Anliegen: den gesellschaftlichen Funktionen des Künstlers, der gesellschaftlichen Aufklärung und der unabhängigen Kritik.“ Unter dieser Maxime lässt sich daher auch sein virtuelles Notizheft verstehen.

Das jetzt erschienene Buch mit einer Auswahl der Blog-Texte ist eine Übersetzung der US-amerikanischen Ausgabe - die Original-Quelle existiert ja nicht mehr. Mit der Übertragung ins Deutsche wurde unmittelbar nach Ai Weiweis Verhaftung auf dem Pekinger Flughafen am 3. April begonnen. Die Eile, mit der „Macht euch keine Illusionen über mich“ in den Buchhandel gebracht wurde, ist bei der Lektüre zu spüren: Schreibfehler haben sich eingeschlichen, nicht alle sprachlichen Unsauberkeiten wurden im Lektorat ausgebessert. All das passt aber wiederum ganz gut zum Charakter eines Blogs - und erst recht zu den Zeitläuften.

Eine Radikalisierung erlebte Ais Blog am 20. März 2009. Möglich, dass der Künstler, der 1957 als Sohn des Dichters Ai Qing zur Welt kam und ein Jahr später mit dem beim Regime in Ungnade gefallenen Vater in die Verbannung musste, erst zu diesem Zeitpunkt die Macht des Internets bewusst zu nutzen verstand: Ai rief die Menschen zum Projekt „Citizen Investigation“ auf. Damit wollte er jene Politiker zur Rechenschaft ziehen, die den Pfusch am Bau von Schulen zu verantworten hatten, die bei einem Erdbeben in Wenchuan einstürzten. Tausende Kinder kamen dabei ums Leben. Ai versprach damals: „Wir werden den Namen jedes einzelnen Kindes, das gestorben ist, herausfinden und in Erinnerung rufen.“ Rund 100 Freiwillige reisten ins Erdbebengebiet, sprachen mit Angehörigen und fragten bei Behörden nach: Opfernamen und Gesprächsprotokolle wurden im Blog veröffentlicht - und Minuten später gelöscht. Zweimal wurde Ai bei den Recherchen zusammengeschlagen - er reagierte mit immer wütenderen Blog-Texten. Seine Trauer um die Opfer, seine Empörung über die Reaktion des offiziellen China brachte Ai Weiwei damals auch mit nach München. Im Oktober 2009 wurde seine Ausstellung „So Sorry“ im Haus der Kunst eröffnet. Dessen Fassade verhängte Ai mit bunten Rucksäcken, die an die getöteten Kinder erinnerten. Die Schriftzeichen auf diesem Rucksack-Vorhang bedeuteten übersetzt: „Sie lebte sieben Jahre lang glücklich in dieser Welt.“ Der Satz stammt aus dem Brief einer Mutter, die durch das Beben ihre Tochter verloren hatte.

Einer der letzten Einträge, den Ai Weiwei am 28. Mai 2009 in seinem Blog veröffentlichte, lautete schlicht: „Fortsetzung folgt... .“ Hoffentlich.

Von Michael Schleicher

Ai Weiwei: „Macht euch keine Illusionen über mich“. Aus dem amerikanischen Englisch von Wolfram Ströle und anderen. Verlag Galiani, Berlin, 480 Seiten; 19,99 Euro.

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