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„Welche Oper ist so perfekt gebaut wie diese?“ Christian Gerhaher als Wozzeck in Zürich - für seine brennend genaue Interpretation wurde er ausgezeichnet.

Kritkerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“

Christian Gerhaher ist Sänger des Jahres

München - Zum zweiten Mal „Gold“ für den Münchner Bariton, Bayerisches Staatsorchester ist Orchester des Jahres, das Opernhaus des Jahres steht in Stuttgart

Ein „Riesenerlebnis“ sei dieses Debüt gewesen, sagt Christian Gerhaher im Rückblick. Und das habe viel mit dem Stück an sich zu tun: „Welche Oper ist so perfekt gebaut wie der ,Wozzeck‘? Allein jeden Satz könnte man sich übers Bett hängen, weil er so wunderbar, klar und begreifbar ist.“ Ein halbes Jahr Rollenstudium, dazu die für Gerhaher typischen, so heftigen Zweifel, all das hat sich jedenfalls gelohnt. Zum zweiten Mal (nach 2010) wurde der Münchner Bariton in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zum Sänger des Jahres gekürt. Heuer vor allem für seine so brennend genaue, verstörend intensive Darstellung von Alban Bergs tragischem Held am Opernhaus Zürich in der Regie von Andreas Homoki. 

Viele Intendanten wollten von Gerhaher den Wozzeck haben. Doch erst die Schweizer bekamen vor einem Jahr den Zuschlag. „Weil ich mich vorher nicht getraut habe“, sagt der 47-Jährige im Gespräch. Auch in der Vorbereitung auf diese Premiere habe er gefürchtet, es sei nicht zu schaffen – einfach, weil die Partie im Grunde von keinem Sänger ganz zu erfüllen sei. „Merkwürdigerweise hätte ich aber in der Retrospektive gesehen andere Rollen eher ablehnen sollen.“

Stuttgart siegt zum sechsten Mal

Für Gerhaher ist es also die zweite Goldmedaille in der „Opernwelt“-Umfrage, für die Stuttgarter Staatsoper schon die sechste: Sie wurde – völlig zu Recht – zum Opernhaus des Jahres gewählt. Eine konkurrenzlose Premierenserie hat man dort in der Saison 2015/ 16 hingelegt, angefangen von Beethovens „Fidelio“ in der Regie von Jossi Wieler und Sergio Morabito über Bellinis „I puritani“ (ebenfalls vom Erfolgsduo realisiert) und Purcells erstaunlich schwebeleichte, urkomische „Fairy Queen“ (obwohl Calixto Bieito inszenierte) bis hin zu Strauss’ „Salome“. Die Deutung von Kirill Serebrennikov dürfte einen Ehrenplatz in der Rezeptionsgeschichte bekommen, ging aber merkwürdigerweise in der Umfrage leer aus. Die Stuttgarter Spielzeit demonstriert eindrucksvoll: Vor allem mit Inhaltlichkeit und intelligent reflektierten Projekten, weniger mit modischer Verkleidung, lässt sich das Publikum locken. In Stuttgart war übrigens auch die Bühnen- und Kostümbildnerin des Jahres, Anna Viebrock, aktiv, sie schuf die so hintergründig-vieldeutige Ausstattung für „I puritani“. Den Ausschlag für den Sieg gaben allerdings ihre Entwürfe für Rossinis „Il viaggio a Reims“ in Zürich. 

Wenn man Gerhahers ersten Platz als „Münchner Sieg“ zählt, dann kommt für die Isarstadt noch ein weiterer hinzu. Zum dritten Mal in Folge ist das Bayerische Staatsorchester mit dem Titel „Orchester des Jahres“ ausgezeichnet worden. Viel mit der Arbeit von Kirill Petrenko hat das zu tun, der dem Ensemble dank besessener Probenarbeit und überwältigenden Aufführungen zu einem enormen technischen Sprung verhalf. Wie ausgewechselt, wie vom Nebelschleier befreit klingt das Staatsorchester seit einiger Zeit – und kann auch, wie gerade bei der Europatournee vorgeführt, auf rein symphonischem Gebiet glänzen.

Teodor Currentzis schlägt Kirill Petrenko

In der Dirigenten-Kategorie musste sich Petrenko heuer allerdings geschlagen geben. Ebenso der hoch favorisierte und weit nach vorn gewählte Mariss Jansons für Tschaikowskys „Pique Dame“ in Amsterdam. Maestro des Jahres ist der Grieche Teodor Currentzis, Musikdirektor im russischen Perm. Er überzeugte die Kritiker für seine schrundige, schonungslose Interpretation von Verdis „Macbeth“ in Zürich. Currentzis ist ein in jeder Hinsicht verstörender Musiker. Sich selbst inszeniert der Probenfanatiker gern als eine Art Oscar-Wilde-Figur – und dabei bleibt manchmal offen, ob das zweifellos Genialische und Hypertemperamentvolle dieses Künstlers nicht anderes kaschiert. 

Der Zürcher „Macbeth“ spielte beim Regisseur des Jahres ebenfalls die ausschlaggebende Rolle. Barrie Kosky zeichnete verantwortlich für diese nachtschwarze Produktion, wobei ihm in der zurückliegenden Spielzeit auch so herausragende Inszenierungen wie Tschaikowskys „Eugen Onegin“ an seinem Heimathaus, der Komischen Oper Berlin, oder Prokofjews „Feuriger Engel“ an der Bayerischen Staatsoper gelangen. Über den Titel „Aufführung des Jahres“ kann sich ein ganz anderes Haus freuen: Das Theater Basel wurde für Karlheinz Stockhausens „Donnerstag aus Licht“ prämiert – eine eher kritikertypische, nicht sonderlich breitenwirksame Wahl. 

Uraufführung des Jahres ist „Koma“ von Georg Friedrich Haas in Schwetzingen, der Chor des Jahres singt in Amsterdam, Nachwuchskünstlerin des Jahres ist die franko-dänische Sopranistin Elsa Dreisig. In der Sparte „Aufnahme des Jahres“ siegte ein hoher Favorit, Antonio Pappanos CD-Einspielung von Verdis „Aida“ mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann. Und worüber haben die Kritiker beim „Ärgernis des Jahres“ am meisten gezürnt? Über Chaos, Missmanagement und explodierende Kosten auf diversen Theaterbaustellen wie in Köln und Berlin. Die dortige Staatsoper darf sich dem neuen Flughafen bald durchaus als gleichwertig empfinden.

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