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Ein Spektakel, das derzeit Tausende verzaubert: Christos "Brücken" über den Iseo-See.

Spektakuläre Aktion

"The Floating Piers": Das große Ohhh auf den Wellen

Aktionskünstler Christo lässt auf dem italienischen Iseo-See die Menschen übers Wasser gehen - und die nutzen das zu Tausenden. Ein Kunstwerk, das in die Ewigkeit eingeht.

Che spettacolo – welch Spektakel! Tausende von Menschen schreiten über glitzernde Fluten. Bei jeder Welle, mit jedem Schwanken ein großes Ohhh. Und dazwischen, erstaunlich bei dieser Menschenmenge, immer wieder die große Stille auf dem Wasser. Christo hat das Unglaubliche geschafft. Er hat mit seinen „Floating Piers“, mit seinen drei Kilometer langen, schwimmenden Brücken im oberitalienischen Iseo-See dem Volk das gegeben, was es braucht: Weite und Nähe, Optik und Haptik, Erlebnis und Kontemplation. Es ist ein Sommerintermezzo in Blau und Orange, das in die Ewigkeit eingehen wird.

„Credo in Christo“: Ob die Gruppe mit den Sprüchen auf den T-Shirts nun an Christus oder Christo glaubt, das macht im Italienischen keinen Unterschied. Und generell wohl auch nicht. Denn hier wandelt man nicht nur übers Wasser, sondern man gewinnt den Glauben an die Schöpfung zurück – an die Schönheit der Natur und an die kreative Kraft. Mit der zeitlichen Limitierung des Projektes auf 16 Tage wird nicht nur der Begehrlichkeitsfaktor erhöht, sondern ein Stück Philosophie wortwörtlich im See verankert: Kunst besitzt niemand. Sie ist nur im Hier und Jetzt vorhanden. Ein Symbol fürs Leben also.

Deshalb stürmt ganz Italien, ganz Europa, ach was, die halbe Welt an den Lago d’Iseo und hat sich über babylonisches Sprachgewirr hinweg mit italienischem Humor auf ein Chaos sondersgleichen eingestellt. Sonderbahnsteige, Sonderbusse, Sonderwege, Pferche, Leitplanken und Notversorgung für die Massen, die selbst die beste Organisation nicht bewältigen kann und die die Züge zwischen Bergamo und Brescia reihenweise zum Erliegen bringen. Mit Christo wird hier eine neue Zeitrechnung beginnen. Nichts wird mehr sein wie vorher zwischen Iseo und Sulzano, zwischen Hügelketten, kleinen Felsabbrüchen und Olivenhainen, wo man bisher neben den eiszeitlichen Landschafts-Verwandten, neben dem Teutonen-Revier Gardasee und der George-Clooney-Gesehen-Werden-Gang am Comer See, ein beschauliches Dasein führte. Das war sicher auch ein Grund dafür, warum die Lombardei in einer Rekordzeit von knapp zwei Jahren das Werk durchgewinkt hat.

Zum Vergleich: Der Verhüllung des Berliner Reichstags 1995 gingen zwei Jahrzehnte Arbeit voraus. Fairerweise muss man aber nun sagen, dass auch die „Floating Piers“ eine vierzigjährige Vorgeschichte haben, am Rio de la Plata in Argentinien und in der Bucht von Tokio aber nicht über die Vorrunde hinauskamen und zu den 37 unverwirklichten Plänen gehörten, die Christo mit seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude hatte. Ihr zu Ehren realisierte er nun das erste Großprojekt nach ihrem Tod und verhielt sich dieses Mal bedachter. Erst 2015 tauchte der Name Christo, der oftmals Reaktionen von Stolz bis Schrecken auslöst, in der Öffentlichkeit auf. Dass in Artikel neun der italienischen Verfassung der Schutz von Kulturgütern und der Landschaft verbrieft ist und laut Christos Meinung hier die Kunst in der DNA liegt, mag dazu beigetragen haben, dass er nun an seine drei Erfolge der Sechziger- und Siebzigerjahre unter südlicher Sonne (Verhüllung von Brunnen und Turm von Spoleto, der Mailänder Statuen Vittorio Emanuele und Leonardo und der Aurelianischen Mauer in Rom) anschließen konnte. Und sie noch toppte.

Der Rest ist Größenwahn: 600 Arbeiter im Dienste des Herren Christo, 15 Millionen Euro Kosten, fünf Tage Aufbauzeit. 220 000 Polyethylen-Würfel mit ebenso vielen Klammern verbunden, 200 Anker mit je 5,5 Tonnen Gewicht, 37 000 Meter Seil, 70 000 Quadratmeter Filz, 100 000 Quadratmeter Stoff für drei Kilometer Lustwandeln auf dem See und 1,5 Kilometer am Ufer. 16 Meter breit sind die Wege auf dem Wasser, die von Spezialtauchern montiert und im Schwarzen Meer auf ihre Tragfähigkeit getestet wurden. Jetzt schwanken die Menschenmassen wiegensicher darauf mit jeder Welle, Hunderte von Helfern halten die Besucher sozusagen im Zaun und im Saum.

Das ist auf der Monte Isola, der ersten Station der Piers, anders: Die Berginsel (600 Meter überm Meer) mit ihren rund 1800 Einwohnern, der Ort Peschiera Maraglio mit seinen paar Hundert Seelen, sind im touristischen Ausnahmezustand. Gerade die Blicke von oben, von Plattformen und Gipfeln, hat Christo wohlkalkuliert. Die zweite „Anlegestelle“, die Isola San Paolo gar, bisher Privatidyll des Waffenfabrikanten Ugo Gusalli, lockt über zwei Stege und mit einer Umrundung ins unbekannte Terrain. Damit hat Christo die Seele nicht nur des italienischen Volkes getroffen: Ein neuer Mega-Strand ist hier entstanden. Während man auf den Brücken keine langen Rasten einlegen darf, sonnen sich hier rund um das Eiland die Menschen glücksbeseelt im großen Orange. Je nach Lichteinfall schimmert das Nylon von Safran bis Gold. Ja, Christo hat recht: Kunst muss nicht nur sinnlich, sondern kann auch sexy sein. Von einer Brise gestreichelt, regeneriert man nun quasi auf einem Mega-Wasserbett nach einer langen Wanderung auf wunderbar federndem Boden, der vorzugsweise barfuß das Gefühl einer dreifachen Turnschuh-Dämpfung aufkommen lässt.

Die schwerelose Freiheit, den Perspektivenwechsel, beides sonst nur Wassersportlern vorbehalten, können hier nun alle haben – bei freiem Eintritt. Wie immer verzichtete Christo außerdem auf alle Sponsoren- und Fördergelder, bezahlt dennoch alle Mitarbeiter und erwirtschaftet die Unsummen alleine mit seinen Plänen, Skizzen, Drucken und Fotorechten. Das muss für den 81-Jährigen eine erhabene Unabhängigkeit sein, die er so eins zu eins an sein Publikum weitergibt. Hier wird nichts verkauft, theoretisiert, erklärt. Hier werden Träume verwirklicht. Das Publikum liebt Christo dafür. Fast wie einen Messias.

Bis 3. Juli, www.thefloatingpiers.com

Freia Oliv

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