+
Soll die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufgenommen werden? Deutschlands Intelektuelle haben dafür nur Ablehnung, Unverständnis und Spott übrig.

Deutsch ins Grundgesetz - "Unsinn" oder "Kulturidentität"?

Berlin - Die Intelektuellen in Deutschland sind geteilter Meinung über den Vorstoß derCDU, die deutsche Sprache in der Verfassung zu verankern. Gut finden sie den Vorstoß aber allesamt nicht. Eine Meinung lautet: "Kostet nichts, nützt nichts und ist überflüssig."

Der CDU-Vorstoß, die deutsche Sprache in der Verfassung zu verankern, stößt bei Intellektuellen auf eine Mischung aus Ablehnung, Unverständnis oder sogar Spott. Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, meint kurz und bündig: "Kostet nichts, nützt nichts und ist überflüssig." Für ihn gibt es auch keinen Anlass, die deutsche Sprache als Muttersprache "im Gefahrenbereich zu sehen".

Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, stellt fest: "Ein Land, das es nötig hat, seine eigene Sprache in der Verfassung zu verankern, sollte darüber nachdenken, was mit ihm los ist." Der Polit- und Plakatkünstler spielt damit auf sein früheres Plakat mit dem Titel an "Ein Land, das solche Fußballer, Tennisspieler, Rennfahrer und Boxer hat, braucht keine Universitäten."

Der CDU-Kulturpolitiker und Bundestagspräsident Norbert Lammert, der seinerzeit eine Debatte um die "deutsche Leitkultur" angestoßen hatte, verteidigt den Beschluss des Stuttgarter CDU- Bundesparteitages: "Es ist ganz gewiss nicht übertrieben, den wesentlichen Kern der kulturellen Identität unseres Landes, nämlich die Landessprache, auch in der Verfassung zu verankern."

Dagegen spricht die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) von einem Schnellschuss der CDU, während der in Berlin lebende und aus Russland stammende Schriftsteller Wladimir Kaminer ("Russendisko") den Deutschen eine "Neurose, alles regeln zu wollen", attestiert. Kaminer, der seine Bücher auf Deutsch schreibt, wundert sich, dass die deutsche Politik nicht schon viel früher auf die Idee gekommen ist, wie er der dpa sagte.

"Auch viele andere Dinge stehen noch nicht im Grundgesetz. Zum Beispiel, dass man sich erst die Hose runterziehen muss, bevor man sich auf die Toilette setzt", sagte Kaminer. Für ihn spricht aus dem CDU-Vorstoß und der Diskussion darum die "ewig deutsche Verunsicherung durch das Fremde". Dass in Deutschland Deutsch gesprochen wird, sei eine Selbstverständlichkeit, sagte Kaminer. Das müsse man nicht extra in die Verfassung schreiben.

Politiker neigen zum Übertreiben, meint der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Rudolf Hoberg. "Einige von denen befürchten wohl, in zwanzig Jahren würde es kein deutsches Rathaus mehr geben, in dem die Formulare auf Deutsch ausliegen." Dabei hat Hoberg nichts dagegen, dass sich "die Herren der Politik" für die Pflege der deutschen Sprache einsetzen. "Aber das ist eindeutig der falsche Weg."

Ernsthafte Sorgen mache er sich um den Bestand des Deutschen nicht. Eine aktuelle Studie seiner Gesellschaft und des Allensbach- Instituts habe ergeben, dass die Deutschen sich ein vielsprachiges Europa wünschten, nicht eines, in dem eine Einheitssprache gesprochen werde wie in den Vereinigten Staaten. Hoberg sagte: "Deutsch ist auch nicht ernsthaft bedroht. Es liegt in Europa weit vorn und wird als Muttersprache von weit mehr Menschen gesprochen als Englisch oder Französisch." Außerdem sei Deutschland ein sprachlich homogenes Land.

Die Türkische Gemeinde in Deutschland fühlt sich von der CDU vor den Kopf gestoßen und erinnert sich an die "Leitkultur"-Debatte vor einigen Jahren. "Diese Kulturkampf-Parolen als Wahlkampfmittel sehe ich ganz problematisch", sagt Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde. Alle Hoffnungen, die der Integrationsgipfel der Kanzlerin bei ihm ausgelöst habe, seien zunichtegemacht. Jetzt werde er sich wieder rumschlagen müssen mit Sprüchen, die fordern: "Weg mit den ganzen Satellitenschüsseln" und "Kein Türkisch auf deutschen Schulhöfen". Jedoch glaube er nicht daran, dass solch ein Antrag mit Zweidrittelmehrheit durch den Bundestag gehe. Kolat sagte: "Ich möchte Frau Merkel in ihrer Ablehnung unterstützen und sie auffordern, das nicht umzusetzen."

Bei ihrer Forderung nach sprachlicher Gemeinsamkeit gehe es der CDU-Basis wohl nicht darum, einen faktischen Zustand zu beschreiben. "Sie will eine Norm festlegen", meinte Johano Strasser, deutscher Präsident der Schriftstellervereinigung PEN-Club. "Das kann von Migranten in Deutschland nur als Druck aufgefasst werden." Den Satz "Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch", in die Verfassung zu schreiben, sei ein "abstrakter Akt" und "völliger Unsinn". Der Politologe und Autor, ein Protagonist der Studentenunruhen von 1968, fordert von der Politik, sich besser darum zu kümmern, "dass in den Schulen ordentlich Deutsch gelernt wird und dass die Kinder gute Literatur lesen".

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Guns N' Roses kündigen München-Show an - War's das für Rockavaria?

München - Fans von Guns N' Roses sollten schnellstmöglich den Terminkalender rausholen: Die Rock-Legenden haben eine München-Show angekündigt. Aber was bedeutet das für …
Guns N' Roses kündigen München-Show an - War's das für Rockavaria?

Top-Hits 2016: Drake hängt Rihanna und Bieber ab

München - Für Drake war das Jahr 2016 ein höchst erfolgreiches. Das unterstreichen auch die Zahlen von Spotify. So war der Rapper weltweit der meistgestreamte Musiker.
Top-Hits 2016: Drake hängt Rihanna und Bieber ab

„Männer“ mit „Currywurst“

Herbert Grönemeyer veröffentlicht auf CD-Box „Alles“ sein Gesamtwerk.
„Männer“ mit „Currywurst“

Garretts Geigen-Feuerwerk in der Olympiahalle

München - Auf seiner neuen Tournee heizt David Garrett seinen Fans in München ordentlich ein. In der Olympiahalle präsentiert der Geigen-Virtuose Rockklassiker im neuen …
Garretts Geigen-Feuerwerk in der Olympiahalle

Kommentare