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Der neue Vorschlag von Stephan Braunfels für den Finanzgarten hat zwar keine Chance auf Realisierung, ist aber dennoch visionär.

Am Dienstag fällt die Entscheidung

Neuer Konzertsaal: Braunfels würde Ministeriums-Bau abreißen

München - Am kommenden Dienstag soll sich klären, wohin der neue Konzertsaal kommt - eine Entscheidung unter zu hohem Zeitdruck und gegen Visionäres?

Die Nase vorn hat - noch - das Werksviertel am Ostbahnhof, gelb ist der Saal-Standort markiert.

Dreimal werden wir noch wach, von diesem Samstag aus gesehen. Dann beugen sich Bayerns Landesminister über ihre Kabinettsvorlage, um die Entscheidung zum Standort zu fällen. 15 Jahre Konzertsaal-Debatte hätten damit die entscheidende Hürde genommen – eine schöne Bescherung?

Seit Sommer deutet vieles darauf hin, dass das Werksviertel am Ostbahnhof das Rennen machen könnte. Weil sich Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) schon früh festgelegt hat. Weil das neue Kulturzentrum dort angeblich am schnellsten, vielleicht sogar am günstigsten hochgezogen werden kann. Und weil sich zuletzt sogar Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, dafür ausgesprochen hat.

Doch die Gegenseite macht mobil. Spät, aber umso nachdrücklicher. Es ist eine Aufholjagd, zu der in diesen Tagen geblasen wird. Nicht nur weil die direkte Ostbahnhof-Konkurrenz, die Freunde der Paketposthalle an der Arnulfstraße, für ihre Variante verstärkt werben. Sondern auch, weil sich immer mehr die Frage stellen: Ob hier nicht eine städtebauliche und kulturpolitische Weichenstellung unter künstlichem Zeitdruck gefällt wird? Denn: Wenn die Debatte schon 15 Jahre dauert – warum sich dann nicht noch ein wenig eingehender mit Visionen und Zielen befassen?

Viele Faktoren für das Werksviertel - aber auch offene Fragen

Zeit und Kosten, auch der bunte Kultur-Mix, das sind die Faktoren, die für das Werksviertel ins Feld geführt werden. Doch nicht alle Probleme seien gebührend gewürdigt worden, das hört man nicht nur von der Paketpost-Fraktion. Zum Beispiel sei nicht klar, wie das frühere Pfanni-Gelände von der Orleansstraße her erschlossen wird. Der Fußgänger- und Fahrrad-Tunnel sei dafür zu eng. Zusätzlicher und erheblicher Kostenfaktor daher: eine Erweiterung des Tunnels oder gleich eine Brücke über den Gleiskörper. Bloß: Müssen dafür die Züge einige Zeit stillstehen?

81 von 100 Punkten fürs Werksviertel, 67 für die Paketposthalle, 63 für den Finanzgarten, 57 für den Olympiapark, 55 für den Apothekenhof der Residenz, diese Reihenfolge hat bekanntlich das Gutachten des Büros Albert Speer & Partner ergeben. Eine eindeutige Sache, so denkt man. Die „FAZ“ hat jedoch am Freitag darauf hingewiesen, dass es merkwürdige Gewichtungen gab. Über Gebühr sei der Zeit-Faktor berücksichtigt worden. Außerdem habe man einen „Trick“ angewendet: Für Entwicklungsmöglichkeiten und das erhoffte Potenzial der Standorte Ostbahnhof und Paketposthalle habe es viele Extrapunkte gegeben. Da dort quasi kulturpolitisch und baulich noch alles offen ist, wurden also Bonuszähler verteilt. Finanzgarten oder Apothekenhof lässt das automatisch ins Hintertreffen geraten – beide Standorte liegen schließlich in einer festgefügten städtischen Struktur.

Überhitzung der Debatte: Daran ist auch Seehofer schuld

An der Überhitzung der Diskussion ist nicht nur Horst Seehofer schuld, der alles vom Tisch und vom Hals haben will, sondern auch das Problem Gasteig. Der Umbau soll 2020 beginnen, und je schneller ein neuer Saal gebaut wird, desto eher kann er auch als Ausweichspielstätte für die Münchner Philharmoniker und Privatveranstalter dienen. Ein mehr als künstliches Argument, wie etwa Architekt Stephan Braunfels findet. „Der Gasteig ist doch wie aus dem Ei gepellt.“ Mühelos könne die Renovierung ein wenig aufgeschoben werden, das Zeitargument steche folglich nicht. „Da ich in Berlin wohne, gehe ich dort regelmäßig in die Philharmonie. Und wenn ich mir die so anschaue, dann müsste sie 100 Mal eher als der Gasteig saniert werden.“

Odeon statt "Nazi-Bau": Gewagter Plan von Braunfels

Braunfels, der in der Saal-Debatte immer in entscheidenden Momenten als – für viele lästiger – Libero zur Stelle ist, hat wieder ungefragt eine Planung vorgelegt. Noch immer ist er der Meinung: Der Saal muss an den Rand des Finanzgartens. Das „Neue Odeon“ (womit Braunfels an den legendären Vorkriegs-Saal erinnert) habe dort leicht Platz, da man das Landwirtschaftsministerium gleich ganz abreißen könne. Das stehe zwar unter Denkmalschutz, sei aber ein „Nazi-Bau“. Und dem weine keiner eine Träne nach.

Auch wenn sein Vorschlag wenig Realisierungschancen hat, was Braunfels weiß, reiht er sich doch ein in diejenigen, die mehr Bedenkzeit fordern. Die Freunde der Paketposthalle, die ihr Projekt in dem historischen, kühn geschwungenenen Gebäude „Die Resonanz“ nennen, plädieren dringend für eine Verschiebung der Standort-Entscheidung bis April: genug Zeit, um sich noch einmal mit Konzeptionellem auseinanderzusetzen.

Auch sie nehmen für sich in Anspruch, dass ihr Kulturzentrum relativ schnell in Betrieb gehen könne – dies übrigens auch mit einem Extra-Raum als Ausweichspielstätte für die Gasteig-Exilanten, während es doch am Ostbahnhof lediglich zu einer „Ein-Raum-Lösung“ komme. Dass die Paketposthalle – noch – etwas teurer kommt als die Variante Werksgelände, wissen ihre Verfechter. Alles machbar, lautet ihre Devise – und noch mehr: Die größere Vision, die besseren Entwicklungsmöglichkeiten biete ihr Standort.

Unter dem Titel "Die Resonanz" wirbt ein Initiatorenteam für die Paketposthalle.

Vor allem aus diesem Grund spitzt sich gerade alles auf den kommenden Dienstag zu: Den meisten Beteiligten ist der Spatz in der Hand lieber als vertieft in Konzeptionelles oder bereitwillig in Risikobehaftetes einzusteigen. Deshalb also Werksviertel? Was die Partnerschaft mit einem privaten Investor in Sachen Kulturzentrum bedeutet, damit haben weder Freistaat noch Stadt München Erfahrungen. Dass sich die öffentliche Hand so früh – und lautstark – auf Ostbahnhof oder Arnulfstraße festlegte, hat folglich auch eine Schattenseite: Die umgarnten Privaten können den Preis hochtreiben. Und auf Mariss Jansons sollten die Werksviertler ohnehin nicht verstärkt bauen. Wer ihn kennt, weiß: Dem Dirigenten ist der Finanzgarten im Grunde am liebsten. Doch wer über ein Jahrzehnt Saal-Debatte hinter sich hat, wird eben zum – leicht frustrierten – Pragmatiker.

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