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Charisma, Temperament, Handwerk, Repertoire, Interesse für Musikvermittlung und Neue Medien - viel spricht für den 56-jährigen Antonio Pappano, bis 2019 Chefdirigent in London und Rom.

Bayerische Staatsoper

Er wäre der Richtige

Wer beerbt Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper? Mit Antonio Pappano böte sich der perfekte Nachfolger an

„Wenn’s einen gibt für mich auf dieser Welt, der wird auf einmal dastehen“, singt Arabella, ein Klangschaumbad in der Strauss’schen Opernpartitur nehmend. „Keine Zweifel werden sein.“ Und alle Lästereien verbieten sich. Von wegen Groschenromanseligkeit: Der Bayerischen Staatsoper ist das ja mit ihrem aktuellen Generalmusikdirektor (GMD) passiert. Kirill Petrenko mag – noch – nicht übers Wasser laufen können, musikalisch beschert er dem Haus gerade fast nie gekannte Flitterjahre. Nur: 2021 ist bekanntlich Schluss, der Wundermann wechselt zu den Berliner Philharmonikern. Und was tut München?

Fünf Jahre vor dem Wechsel mögen sich in den Augen vieler Spekulationen verbieten. Da jedoch Premieren an großen Häusern einen Vorlauf von vier bis fünf Jahren benötigen, wird klar: Die Personalie ist brandaktuell, spätestens 2017 muss eine Entscheidung gefallen sein. Und viel spricht dafür, dass der Wechsel an der Bayerischen Staatsoper – neben Petrenko geht auch Intendant Nikolaus Bachler – die letzte Entscheidung sein wird, die Toni Schmid, aus Altersgründen scheidender Ministerialdirigent im Kunstministerium, einfädeln wird.

An sich befinden sich die Münchner in einer komfortablen Lage. Es gibt tatsächlich einige Kandidaten, die frei wären und die sich anbieten. Und unter ihnen einen, der wirklich so etwas wie Arabellas „Richtiger“ für das Edel-Haus am Max-Joseph-Platz ist. Vor ein paar Jahren hat Antonio Pappano im persönlichen Gespräch noch laut überlegt: Welchen Musentempel solle er wohl nach seiner Chefzeit am Royal Opera House in London übernehmen? In Frage komme doch nur ein ähnlich renommiertes Unternehmen, bei dem außerdem ambitionierte Regie möglich ist. Was bedeutet: Wien und New York scheiden aus, Paris wäre eine Adresse – vor allem aber München.

Der 56-Jährige, von seinem näheren Umfeld liebevoll „Tony“ genannt, amtiert seit 2002 in London und zudem seit 2005 als Chefdirigent des römischen Orchesters der Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Was er für einen Opernchefposten mitbringt, lässt ihn aus dem Kollegenkreis herausstechen: ein ungewöhnlich breites Repertoire von der Klassik über italienische und französische Romantik bis zu dem an der Isar so wichtigen Wagner. Pappano war in Bayreuth Assistent Daniel Barenboims und hat nicht nur dort seine große Kompetenz beim deutschen Schwermetall bewiesen. Dazu ist Pappano, gebürtiger Brite, Sohn italienischer Eltern und in den USA aufgewachsen, ein idealer Sängerversteher. Ein temperamentvoller, charismatischer, technisch vollendeter Handwerker, der auch abseits des Grabens für seine Arbeit brennt: Wie Simon Rattle beherrscht es eigentlich nur Pappano, so auf der Klaviatur der Neuen Medien zu spielen. Opern-Einführungen, Werbespots und Interviews, amüsant und lehrreich, live oder im Internet, geben davon Kunde. Dass Pappano noch nie eine Münchner Opernvorstellung dirigiert hat, sollte sich ändern lassen und kein Hinderungsgrund sein. Nach einer einzigen Produktion, Janáčeks „Jenufa“, war das gesamte Haus seinerzeit für Petrenko entbrannt.

Ein Lebensjahr trennt Pappano von Franz Welser-Möst (55). Nicht nur der Österreicher könnte sich mutmaßlich einen GMD-Posten an der Bayerischen Staatsoper vorstellen. Schon einmal, vor Zubin Mehta, war er dafür im Gespräch. Der Chefdirigent des Cleveland Orchestra hat von 1980 und 1984 in München studiert, wurde von der Ära Wolfgang Sawallisch geprägt und hat sich an der Oper Zürich ein vielfältiges Repertoire andirigiert. Das Auge des Bayerischen Kunstministeriums scheint schon seit geraumer Zeit auf dem gebürtigen Linzer zu ruhen, Toni Schmid ward etwa in Welser-Mösts München-Gastspiel mit seinem US-Ensemble gesehen. Dieser, nicht unbedingt ein Ausbund von Charisma, hat ein zweites Problem: Er neigt zum divenhaften Türenzuschlagen. Den Salzburger Festspielen ging das so und zuletzt der Wiener Staatsoper, wo er im Herbst 2014 nach längeren Differenzen mit Intendant Dominique Meyer plötzlich seinen sofortigen Rücktritt als Chefdirigent erklärte.

Und die anderen Namen? Simone Young, bis 2015 Chefin der Hamburgischen Staatsoper, ist zuletzt in München mit ein paar prestigeträchtigen Wagner-Dirigaten betraut worden. Auf Chefposten-Suche ist die 55-Jährige zweifellos, kommt aber aus Formatgründen wohl weniger in Frage. Auch Philippe Jordan stand zuletzt häufiger am Pult des Bayerischen Staatsorchesters (unter anderem und immerhin bei der neuen „Arabella“). Vor einigen Jahren hatten die Münchner Musiker den Schweizer bei einer „Parsifal“-Repertoireserie böse auflaufen lassen, mittlerweile hat sich der 41-Jährige, wie Pappano aus dem Barenboim-Dunstkreis stammend, deutlich weiterentwickelt. Bis Juli 2021 amtiert er noch als Musikdirektor der Pariser Oper, ein Wechsel an die Isar wäre also nahtlos möglich.

Auch Sebastian Weigle, seit 2008 Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt, wurde in München schon zu Filetstücken ans Pult gebeten. Der Vertrag des Berliners am Main läuft allerdings bis 2023. Vorteil für ihn: Wie Petrenko, Young und Jordan wird der 55-Jährige durch die Künstleragentur von Michael Lewin vertreten – ein Unternehmen, auf das die Bayerische Staatsoper zu gern vertraut. Sollte also tatsächlich Nikolaus Bachler, Duzfreund von Toni Schmid, ein Wort bei der Nachfolgelösung auf beiden Münchner Posten mitreden, wie kolportiert wird (und was problematisch wäre), hätten die Lewin-Leute – im Unterschied zu Pappano – gute Karten. Der hat seine beiden Verträge, am Londoner Opernhaus und beim römischen Orchester, gerade bis 2019 verlängert. Und allgemein wird erwartet, dass der heiß Begehrte dann, nach 18 Jahren an der Themse, den dortigen Chefposten aufgibt. Die Münchner müssten also bald handeln.

Für die Bayerische Staatsoper birgt der Umbruch des Jahres 2021 eine große Gefahr: Allzu schnell könnte das Haus, wie im Falle von Peter Schneider als Nachfolger Wolfgang Sawallischs, in einen musikalischen Allerweltszustand zurückfallen. Der Überflieger Petrenko hat einfach Publikum, Musiker und Sänger mehr als verwöhnt – obgleich seine Medienscheu nicht in unsere Zeit passt.

Dass in fünf Jahren auch noch ein neuer Intendant gebraucht wird, macht die Sache doppelt schwer. Ob Bernd Loebe (Frankfurt), Barrie Kosky (Berlin), ein Mister oder eine Misses Noch-Unbekannt, das ist eine andere Geschichte. Ein Grundfehler darf dabei nicht passieren: dass man sich in einen Dirigenten verliebt und den Intendanten als Knochenbeilage dazukauft. Die Personalie Kent Nagano, vom damaligen Kunstminister Hans Zehetmair umworben, hat bewiesen, wie unbefriedigend das für ein A-Haus wie das Münchner ausgehen kann.

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