"Don Giovanni": Tod in der Kochshow

München - War da was? Mozarts "Don Giovanni", inszeniert von Stephan Kimmig und dirigiert von Kent Nagano.

Was für eine Parade. Soldaten, Anzugträger, Priester, alle händchenhaltend, an der Spitze Kardinal Komtur. Doch nicht der Händedruck des Gottesmannes, damit die geballte Energieübertragung der Ordnungshüter fällen Don Giovanni, sondern ein Infarkt. Nicht als höllischer Kellersturz, sondern als Zitter- und Röchel-Attacke kommt das Ende hinter dem Küchenherd über ihn. Es ist die Höchststrafe für einen, der sich doch größer, wichtiger als die anderen glaubte: der banale Tod. Schon dreht sich die Bühne weg, im Finale wird munter geschwoft. Und der Held: im nächsten Takt vergessen – war da was?

Eben nicht viel. Auch wenn im Münchner Nationaltheater darob ein Empörungssturm losbricht, als sei mit dieser Premiere Mozarts Meisterstreich gefleddert worden. Dabei ist doch jener Außenseiter, jener vom Establishment Abgefallene ein alter Bekannter, den Stephan Kimmig in seinem Opernregie-Debüt vorführt. Nur dass sein Giovanni eben in einer Container-Landschaft haust, wo peinliche Retro-Partys mit Südpol-Motto gefeiert werden, wo ein alter Mann als heruntergekommendes Alter Ego des Don herumgeistert, wo eine Kinderwagen-Garage mit Kuschelbärchen von Donna Annas unerfüllten Kinderwünschen und geschlachtete Schafe von den Obsessionen des Anti-Helden künden.

Die Bühne (Katja Haß) ist also der stärkste Einfall des Abends. Weil sie düstere Randgruppen-Stimmung verbreitet. Weil sie durch dreh- und in sich verschiebbaren Container schnelle Szenenwechsel erlaubt. Weil – Klappe auf oder Schiebetür zur Seite – immer wieder intime Momente möglich sind. Und weil sie die Solisten zu brandgefährlichen Aktionen in luftigen Höhen zwingt: Der Rand des Abgrunds, hier wird er ziemlich augenfällig. Und manchmal, so scheint’s, ist die Regie gleich mit hineingeplumpst.

Gewiss: In seinen besten Momenten hat der Abend, durch sein körperbetontes, sehr direktes Spiel, etwas Unverbrauchtes. In unzähligen Inszenierungen durchgekaute Situationen erhalten, auch dank des jugendlichen Ensembles, eine Extra-Injektion Lebensgefühl. Doch stehen solche Frischzellen-Momente neben staubigster Konvention, wo den Solisten nur noch der Gang zur Rampe bleibt.

Bis auf Elvira ist Kimmig zu den Frauen ohnehin nicht viel eingefallen. Die ist mit Sack, Pack und Iso-Matte eine nymphomanisch veranlagte Entwurzelte – folglich Giovannis Wesensverwandte, was von Maija Kovalevska mit herbem, dramatisch zupackendem Sopran beglaubigt wird. Ellie Dehns Donna Anna bleibt ein lauer Gruß aus altbackener Konvention, ist auch stimmlich kaum formatfüllend, während Laura Tatulescu (Zerlina) vokale Blässe immerhin mit sehr aufreizendem Spiel ausgleichen darf.

Die Herren dagegen sind plausibler, punktgenauer inszeniert, weil ihre Geschichten auch zu den Solisten passen. Publikumsliebling Pavol Breslik ist ganz nobler, auch offensiver Ottavio, obgleich seine Arien unter Dampf stehen und etwas unruhig in der Linienzeichnung geraten. Das Kontrastprogramm dazu bilden der hohl dröhnende Komtur von Philipp Ens, der reizbare Masetto-Bulle von Levente Molnár und Alex Esposito, dessen quirliger, stimmlich nuancenlustiger Leporello-Entertainer zum – auch musikalischen – Energiezentrum wird und so den Chef an den Rand drückt.

Dabei bringt Mariusz Kwiecien die perfekten Giovanni-Zutaten mit: zärtelnde Lyrismen und dämonisches Forte, Präsenz und Selbstbewusstsein. Und doch fehlt ihm jenes entscheidende Quäntchen Grandezza samt (erotischer) Ausstrahlung, das ihm zum Dominator dieser Aufführung werden lassen könnte.

Vielleicht auch, weil die gern im Unentschlossenen versandet. Viel zu oft hängen aus Kimmigs Konzept die Fransen heraus. Eine episodenhafte Ästhetik, die ganz gut zum Mann im Graben passt. Worauf Kent Nagano, der erstmals Buhs kassierte, hinauswill, wird bald klar: auf ein fein gezeichnetes Klangtupfen, auf ein nie vorlautes, rhetorisches Musizieren. Was seiner Deutung fehlt und wo er das erfahrene Staatsorchester ausbremst, ist die Attacke, die Sprengkraft, die kraftvolle Kontur, all das, was Mozarts Partitur ja so unerhört nicht nur für Zeitgenossen werden ließ. Zudem gerät manche Nummer ins Schwimmen, nicht nur Zerlinas „Batti“-Arie oder das Sextett des zweiten Akts, wo Graben-Musik und Bühnenereignis wie getrennt voneinander verhandelt werden.

Trotz allem gäbe es an dem Abend ja viel zu entdecken. Das Ständchen, das Giovanni überraschend an Elvira richtet und damit viel von der gemeinsamen Vergangenheit verrät; die Tablettensucht Donna Annas – alles angedeutet und nicht weitergeführt. Oder wie die ablenkenden Videos Stimmungsverstärker und daher so entbehrlich wie Glutamat im China-Restaurant. Immerhin, am Schluss wird mit Frischprodukten gebruzzelt: Giovannis letzte 20 Minuten als Slapstick-Kochshow. Hochkomisch. Aber ein Aufreger? Da gibt’s an der Bayerischen Staatsoper – „Aida“ hin, „Lohengrin“ her – wahrlich gröbere Entgleisungen.

von Markus Thiel

Nächste Vorstellungen am 4., 7., 11., 14., 17., 22.11.; Telefon: 089/ 21 85 19 20.

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