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Von der Posaune zum Taktstock: Hermann Bäumer (47), früher Musiker bei den Berliner Philharmonikern, debütiert am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. 

Interview zum Staatsopern-Debüt

Vom Musiker zum Dirigenten: Eine Art Familienvater

München - Als Dirigent gehört er zu den Jungen, aber als Musiker zu den alten Hasen: Hermann Bäumer sprang vor einigen Jahren ins kalte Wasser und tauschte seine Posaune gegen den Taktstock.

Heute und morgen steht er im Rahmen der Akademiekonzerte am Pult des Bayerischen Staatsorchesters, mit dem er Bruckners eher selten gespielte zweite Symphonie und das Cellokonzert von Alfred Schnittke (Solist: Jan Vogler) aufführt.

„Dass das Wasser so kalt ist, habe ich nicht gewusst“, gesteht Bäumer, der mittlerweile Generalmusikdirektor in Mainz ist und zuvor sieben Jahre in selber Position in Osnabrück wirkte. „Das Dirigieren hat mich schon immer fasziniert, ich leitete auch schon als 17-Jähriger einen Posaunenchor.“ Doch zum Dirigenten reifte der heute 47-Jährige langsam. Nach anfänglichem Klavier- und Cellospiel landete der gebürtige Bielefelder schließlich bei der Posaune. Die erste Stelle boten ihm gleich die renommierten Bamberger Symphoniker an, denen er von 1986 bis 1992 die Treue hielt. Dann lockte der Olymp: die Berliner Philharmoniker. Im Eliteorchester blies er zweite und dritte Posaune.

Aber die Faszination des Dirigierens blieb. Seine erste Chefposition übernahm Hermann Bäumer beim Symphonieorchester Schöneberg, einem Laienensemble. „Dort merkte ich, dass manche Dinge gar nicht so einfach sind. Man kann das Dirigieren ja nicht allein zu Hause üben, man braucht die Musiker, die Menschen, mit denen man musiziert.“ Hier und da leitete Bäumer Jugendorchester, und irgendwann klappte der Sprung. In Osnabrück fand Bäumer alles, was ihm vorschwebte: „Ich wollte gerne gestalten und verantwortlich sein für die Programmatik, für die Entwicklung eines Orchesters, für seinen Klang, aber auch für Nischen-Projekte und die Jugendarbeit. Als Orchestermusiker engagierte ich mich im Personalrat und im Orchestervorstand. An einem Theater ist der GMD so eine Art Familienoberhaupt, das gefällt mir. Ich kümmere mich gern.“

Hermann Bäumer ist die Freude anzusehen. Begeistert erzählt er davon, wie er mit seinen Orchestern vom klassisch-romantischen Repertoire aus langsam „nach hinten und vorne“ wanderte: in die Alte Musik samt historischer Aufführungspraxis und in die Neue Musik, die ihm besonders am Herzen liegt. „In Mainz haben wir gerade eine Reihe ,Auf Wiederhören‘ ins Leben gerufen. Da werden dem Publikum Ausschnitte aus zeitgenössischen Werken präsentiert. Wir suchen den Dialog mit den Hörern. Übrigens dürfen die Besucher dann auch abstimmen, welches Werk sie in einem der nächsten Konzerte komplett hören möchten.“ Der Dirigent erinnert daran, dass die Wiener Philharmoniker zu Bruckners Zeiten etwas Ähnliches taten. Sie musizierten unter dem Titel „Novitäten“ Teile aus neuen Werken und entschieden hernach, welches Stück sie aufführen wollten. „Bruckners Zweite fiel damals, 1872, durch. Zu viele Pausen, zu sperrig“, sagt Bäumser. „Aber schon ein Jahr später wurde sie doch von ihnen uraufgeführt und rief große Begeisterung hervor.“

Die erhoffen sich Gastdirigent und Staatsorchester nun auch im Akademiekonzert. Begeistert vom Orchester ist der Dirigent jedenfalls schon: „Wenn ich früher mit den Berliner Philharmonikern in Salzburg spielte, unternahm ich immer schnell mal einen Abstecher nach München, um das Staatsorchester zu erleben. Es ist wirklich ein Diamant in Deutschland. Seine Art des Musizierens ist geprägt durchs Musiktheater, das eine hohe Flexibilität verlangt. Außerdem ist der Klang toll, und man hat das Gefühl, dass der Geist von Mozart, Wagner und Strauss hier noch in den Mauern steckt…“

Karriere ist für Hermann Bäumer nicht das Entscheidende. „Es ist sicher ein Unterschied, ob man als 18-jähriger begabter Dirigierstudent anfängt und mit den richtigen Mentoren und Agenten eine Karriere aufbaut oder ob man, aus dem Orchester kommend, sich zum Dirigenten entwickelt. Aber das Eigentliche bleibt doch die Musik, ist der Komponist, der dahintersteckt und der mit seiner Sprache die Menschen emotional erreichen will.“ Deshalb muss für den Musiker, der seine Posaune nur noch für seine beiden kleinen Kinder („und den Martinszug“) auspackt, die Chemie zwischen ihm und dem Orchester stimmen. Egal ob in Mainz, München, Hof, St. Gallen, Stuttgart oder sogar auf Island, wo er gerne zu Gast ist.

Gabriele Luster

Konzerte heute und morgen, 20 Uhr, Nationaltheater;

Telefon 089/ 2185-1920.

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