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Auch das Haus der Kunst und sein Umfeld werden zum Schauplatz des „München“-Romans, denn Kunst spielt eine große Rolle.

Neuerscheinung

Ein bisschen Heimatanschluss

„München – Gesellschaftsroman“: Ein schlimmeres Wagnis kann man als Schriftsteller nicht eingehen. Ernst-Wilhelm Händler (63) hat es getan. Die einen werden aufjaulen, dass er nicht an Lion Feuchtwanger und dessen „Erfolg“ heranreicht und auch nicht an Helmut Dietls Fernsehserien zwischen „Münchner Geschichten“ und „Kir Royal“.

Die anderen werden mosern, dass wieder nur die Schönen und Reichen beackert worden sind, obwohl sie lediglich einen winzigen Teil der urbanen Soziostruktur ausmachen. Viele aber werden sich freuen, denn Geldige scheinen Knackiges herzugeben, um sich darüber das Maul zu zerreißen. Man kann sich dabei moralisch höherstehend vorkommen, auch wenn die eigene Finanzdecke hinten und vorne zu kurz ist.

Händler, gebürtiger Münchner und Unternehmer, bedient das – und wiederum überhaupt nicht. Wer auf ein rein süffiges Klatsch-Romanchen mit hohem Bosheitsfaktor oder auf heitere Satire-Gschichtln hofft, findet sich schon bei den ersten Sätzen des Werks, ja, nicht in München, sondern woander wieder: im magischen Gefilde. Dass ausgerechnet Grünwald so poetisch sein könnte?! Zumindest die Bäume haben das gezaubert. Der Schriftsteller bleibt für „München“ bei seiner Strategie, dem Leser verlockende Klischees vor die Nase zu halten, um jene dann zu konterkarieren, zu unterlaufen oder umzubiegen. Und vielleicht ist genau das München: Klischee und zugleich das Gegenteil davon.

Thaddea ist Händlers Hauptfigur. Schon den Namen traut niemand einer Tochter aus schnödem Steuerkanzlei-Hause zu; „die Mutige“ ist sie sowieso nicht. Oder vielleicht doch? Jedenfalls ist sie, die Erbin, extrem gut versorgt. Wer kann sich ein Haus sowohl in Grünwald wie in München leisten und obendrein selbst bauen lassen. Megamodern natürlich. Thaddea Klock möchte trotzdem arbeiten und hat gerade ein „Studio“ für Psychotherapie und Psychosomatik eröffnet.

Bereits der erste Patient verunsichert die junge Frau, weil er versehrt ist. Ihm fehlt das halbe Gesicht. Unversehens offenbart auch sie ihre Wunde, ein Hinken (Ödipus lässt grüßen) – was wiederum den Mann in die Flucht schlägt. Wir befinden uns in einer Welt, in der man sich nur ja keine Blöße geben darf. Aber Händler treibt seine Hauptfigur immer öfter in Situationen, in denen sie bloßgestellt oder sich ihrer Schwächen bewusst wird. Etwa als ihr Freund Ben-Luca, der in einem Auktionshaus arbeitet, gesteht, sie mit Architektin Kara betrogen zu haben. Mit der besten Freundin. Die uralte Doppelter-Verrat-Geschichte dreht der Autor indes in ein fein gezeichnetes Bildnis eines Menschen, für den nie jemand Zeit hatte und der die Einsamkeit bereits als Kind still mit sich ausmachte.

Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler ist ein gebürtiger Münchner.

Um die neuerliche Negierung der eigenen Person auszuhalten, geht Thaddea in sich – und aus. Ein „Trick“ des Autors, denn so kann er Medien-, Kunst- und P1-Typen bequem in den Roman einführen – und sogar den „Schriftsteller“. Mit ihm, der wie Händler 63 Jahre alt ist, verstrickt sich die Verunsicherte in raffinierte Debatten, kann mit uns, den Lesern, grübeln, was von den Theorien dieses Franz Rumpold zu halten ist: über das Schreiben als Kunst, über die Macht der Worte – eigene und fremde –, über das Beobachten und die Wahrheit. Auf alle Fälle bringen diese scheinbar bitterenGespräche Thaddea zum Schreiben – eine Selbsttherapie. Nebenbei spinnt sich zögerlich eine neue Beziehung mit Pimpi an. Auch so ein Stereotyp: Immobilien-Papa, dickster Porsche, hyper-modisch, aber halt doch nicht dumm und vor allem ein treuer Freund. 
Der sorgt heimlich für Psycho-Kundschaft, sodass wir bei Thaddea mit Vergnügen „die Planerin“ kennenlernen, die alle Manager- und Managerinnen-Muster übererfüllt und die trotzdem von Ernst-Wilhelm Händler daraus erlöst wird. Ihre „Ausdrucksweise“ ist von bestechender Brillanz – und für Überraschungen taugt sie allemal. An ihr nämlich erkennt Thaddea, dass Peinlichkeit befreien kann. Obwohl sie sich selbst nicht so recht traut. Da können die anderen Gestalten aus dem Medien- und Kunstpanoptikum nicht mithalten. Immerhin identifiziert Händler die Bildende Kunst als große Stifterin der Zugehörigkeit zu einer gewissen Schicht, in die man sich trotz/wegen des Konkurrenzkampfs kuscheln möchte.

Elemente dieses Biotops zählt der Autor eher auf, als dass sie ihn wirklich interessieren würden: Der PIN-Ball der mäzenatisch gestimmten Münchner Gesellschaft in der Pinakothek der Moderne gehört genauso dazu wie eine exklusive Vernissage im Haus der Kunst oder die Feier 2013 zum 80. Geburtstag von Herzog Franz von Bayern auf Herrenchiemsee samt Eröffnung der Ausstellung „Königsklasse“ (wobei sich Händler als inniger Herzog-Franz-Fan erweist). Und so gibt es zahlreiche München-Fakten zwischen Zenith und Ed Meier, die jedoch kein München-Flair erschnuppern lassen. Die geschilderte Schicht funktioniert in Hamburg genauso wie in Kapstadt oder Boston. Sie ist ein globalisiertes Wesen mit ein bisschen Heimatanschluss.

Ernst-Wilhelm Händler: „München – Gesellschaftsroman“. S. Fischer, Frankfurt a. M., 350 Seiten; 23 Euro.

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