Im Fadenkreuz der Erinnerungen

- "Wo gehöre ich hin? Ich will dahin, wo ich meine Jüdischkeit verloren hatte, ich will nach Auschwitz; will meinen Körper für eine kurze Weile an den Ort bringen, an dem die Geschehnisse mein Leben einbanden . . . Ich will in Freiheit die Luft atmen, die einstmals Unfreiheit war. Ich will in einem bequemen Reiseauto die Strecke abfahren, die ich als verlauster und verdreckter und verhungerter Häftling, mit meinen wunden und zerfrorenen Füßen, marschiert bin": Imo Moszkowicz sucht das Gegengift, um die aufkommenden Erinnerungen an seine Jugendjahre erträglicher zu machen.

<P>Hatte Gott das gesehen?</P><P>Der Schauspieler, Theater-, Film- und TV-Regisseur ist einer der wenigen Überlebenden von Auschwitz, der von Menschen geschaffenen und betriebenen Hölle auf Erden. "Der grauende Morgen" heißt das schmale Buch, in dem Moszkowicz, der im Mai 80 Jahre alt wird, auf berührende Weise versucht, dem Rückblick auf sein Leben eine Form zu geben - und der ihm doch immer wieder aus der Form gerät. Denn die schönen Erinnerungen - etwa an die glücklichen Theaterbegegnungen des Neuanfangs, an die Aufmerksamkeit Gustafs Gründgens', die kunstlerischen Erfolge - dieses Erinnern wird immer wieder durchzuckt von nie versiegendem Schmerz der Vergangenheit. Von der Fratze der deutschen Mörder, dem Tod der Häftlinge, den Erschießungskommandos, den Gasöfen und Leichenbergen, den Galgen und Stacheldrahtzäunen. Wenn sich heute die Befreiung Auschwitz' durch die Rote Armee zum 60. Mal jährt, wird der in Ottobrunn bei München lebende Imo Moszkowicz einmal mehr die Frage nach dem Warum stellen. "Hatte Gott gesehen, was ich gesehen habe?" Und: "Warum hat der Tod mich ausgelassen?"<BR><BR>"Ich überlebe das hier bis zum letzten Tag; mich kriegen die nicht kaputt", habe er sich immer und immer wieder gesagt. Dabei sei Hoffnung damals absurd gewesen, denn, so Moszkowicz, die meisten hatten sich aufgegeben. "Sie sprachen von törichtem Selbstbetrug, der spätestens bei der nächsten Selektion seine tödliche Wahrheit zeigt: ab ins Gas und durch den Schornstein!" Wahrscheinlich sei er einer der letzten Zeugen, denn im Lager war er einer der Jüngsten. Ein Umstand, der dem damals gerade Zwanzigjährigen wohl mit dazu verhalf, das Ende von Auschwitz zu überstehen.<BR><BR>Das Lager war die eine Hölle. Mit dem Abtransport jener, die noch laufen konnten, begann die zweite. Moszkowicz in seinem Buch: "Mitte Januar '45 war die Beskidenfront so nah gekommen, dass das Geschützfeuer ununterbrochen zu hören war; die Häftlinge wurden westwärts evakuiert." Habe er vorher geglaubt, dass es schlimmer nicht kommen könne, musste er nun erfahren: Es sollte noch viel schlimmer kommen, "als eine Menschenseele auf Erden es je hätte ahnen können". Der lange Zug der Häftlinge, flankiert von Posten mit durchgeladenen Gewehren: Wer zurückblieb, wurde erschossen. Die Straßengräben voller Leichen. Später die nahen Rotarmisten, Tiefflieger, die feldgrauen Bewacher. Wie grotesk: Die Häftlingskleidung, schreibt Moszkowicz, wurde zur Schutzkleidung für die SS.<BR><BR>Die Lage der Deutschen, das wussten die Häftlinge nun, war aussichtslos. Doch der Weg der Gefangenen in die Freiheit wurde zu einem Inferno, das das von Dante beschriebene weit übertraf.<BR><BR>In Liberec war Schluss. Aber: "Bereitete mir der Anblick der geschlagenen Armee Freude? Spürte ich einen Jubel in mir? Rachegefühle? . . . Jetzt hatten die da unten vor sich, was ich soeben hinter mich gebracht hatte, und ich bedauerte sie, diese armen Schweine. Ich wusste, dass die Russen nichts verzeihen werden, gar nichts."<BR><BR>Fadenkreuz der Erinnerung</P><P>Das Buch des Imo Moszkowicz' zeugt von aufregender Größe; von einem Charakter, der ihn wohl prädestinierte für die Kunst, in der Hass und Liebe, Verurteilen und Mitfühlen, Leben und Tod zusammengehören. Wenn sich Moszkowicz ins "Fadenkreuz seiner Erinnerungen" begibt und wenn er über die große Liebe zu seiner Frau, der Tochter eines hohen österreichischen SS-Mannes, schreibt, fängt er darin auch den Leser, der bei der Lektüre viel erfährt, viel begreift und unendlich mitfühlt. Der aber auch von dem Charme des Autors, seiner Großzügigkeit und seinem künstlerischen Geist mitgerissen wird in die Welt des Theaters und der Musik. Vielleicht ist es ja deren Utopie, die die einzige, lebensmögliche und spielerische Alternative darstellt zu jener von Moszkowicz so bitter erfahrenen Realität.</P><P>Imo Moszkowicz: "Der grauende Morgen". LIT Verlag, Münster, 177 Seiten; 14, 90 Euro.<BR></P>

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