Fast ein Testament

- "Es ist wunderbar, wenn ein Kunstwerk gerade vom Komponisten geboren worden ist, wenn man die Noten bekommt und es entdecken darf." Semyon Bychkov freut sich, dass er Maurizio Kagels jüngstes Werk "Andere Gesänge" vor zwei Wochen in Köln uraufführen und sie nun in München gleich ein zweites Mal erarbeiten konnte: mit dem Bayerischen Staatsorchester, das heute und morgen unter seiner Leitung im Nationaltheater spielt (jeweils 20 Uhr).

"Um mit Beethoven zu plaudern, möchte ich mir eigentlich noch etwas Zeit lassen", lacht Bychkov, der die Chance, sich mit Kagel in Köln zu treffen, natürlich ausgiebig nutzte. "Wir unterhielten uns einen ganzen Abend lang. Zunächst mehr allgemein über seine Vision. Ins Detail gingen wir erst später, nachdem ich die Partitur noch einmal studiert und viele Fragen an ihn hatte. Das war am Telefon, und ich bat ihn, mir ganze Passagen vorzusingen. Ich wollte erfahren, welchen Ausdruck er sich vorstellt, den man nicht in den Noten niederschreiben kann. Der Komponist kann uns helfen, dass der reale Klang eine Reflexion des inneren Klangs wird, den nur er hört." <BR><BR>Bei den Proben mit dem Symphonieorchester des WDR in Köln, dessen Chef Bychkov seit 1997 ist, saß Kagel dann still dabei. "Er wollte sein eigenes Kind kennen lernen. Es war sehr berührend." Bychkov fragte ihn oft, ob er den Geist seiner Musik träfe, und wenn dann Kagels Placet folgte, war er beflügelt. "Es gibt einem Mut, man traut sich weiter zu machen - auch bei Mahler oder Beethoven." Maurizio Kagel nennt "Andere Gesänge" im Untertitel "Intermezzi for soprano et pour l'orchestre". Mehrsprachig ist auch der knappe Text der Gesänge, die Juliane Banse singen wird. Er montierte deutsche, englische, französische, italienische und lateinische Sprichwörter ähnlichen Inhalts miteinander und endet schließlich bei "Morte tua, vita mia". Dabei setzt Kagel im vierten der fünf Intermezzi das Metronom als Instrument - und natürlich als Symbol für die vergehende Zeit - ein.<BR><BR>"Es ist ein wichtiges Stück, vielleicht ein Testament", resümiert Bychkov, der das neue Werk mit Kodalys Tänzen aus Galanta und der 6. Symphonie seines russischen Landsmanns Schostakowitsch kombiniert. "Natürlich gibt es da inhaltliche Verbindungen. Bei Schostakowitsch, der dem Terror in der Stalin-Zeit ausgesetzt war, geht es auch um Leben und Tod." Bychkov, der vor Jahren einmal drei "Toscas" in München dirigierte, kennt das Staatsorchester auch von etlichen Konzerten. Weitere Opernpläne (er sollte "Pique Dame" dirigieren) scheiterten, weil er nach der Überschwemmung in Dresden helfen musste. <BR><BR>Wer Semyon Bychkov in der Oper erleben möchte, braucht dennoch nicht sehr weit zu reisen: Im Juni dirigiert er Richard Strauss' "Daphne" an der Wiener Staatsoper, und bei den Salzburger Festspielen steht er am Pult des neuen "Rosenkavalier", den Robert Carsen inszeniert. Geht er auf Distanz zum so genannten Regietheater?<BR><BR>Semyon Bychkov lacht: "Was ist das, Regietheater? Ist das Gegenteil Non-Regie-Theater? Ich habe mit Lew Dodin, dem Chef des Maly-Theaters, ,Pique Dame in St. Petersburg gemacht. Seine Inszenierung war sehr radikal. Ich war nicht in allem einig mit ihm, aber jeder Künstler, der eine Idee hat, muss sie vorstellen dürfen. Dann kann man diskutieren. Ich bin gegen Ideologien, gegen Dogmas und auch gegen kulturelle oder religiöse Ayatollahs. Wenn eine Interpretation überzeugend und konsequent ist, dann ist es egal ob die Protagonisten historische oder zeitgenössische Kostüme tragen. Nur eines ist wichtig: Wir müssen der Kunst dienen, dürfen sie nicht benutzen." <BR><BR><BR>

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