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Gemeinsame Sache, nicht nur beim Partiturstudium: Festspiel-Prinzipal Ludwig Baumann und Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock sind seit drei Jahren verheiratet.

Ausblick auf die Festspiele auf Gut Immling

Oper mit Stallgeruch

Chiemgau - Die Festspiele auf Gut Immling im Chiemgau feiern 20. Geburtstag – Start ist am 10. Juni mit der „Zauberflöte“.

High Heels, die auf dem Weg zum Kunstgenuss verschlammen, das kommt nicht mehr vor. Ebenso Sommersakkos oder Abendkleider, die bei mutmaßlichen 30 Grad Innentemperatur durchweichen. Mittlerweile sind auf Gut Immling die Wege gekiest und geteert, gegen Kreislaufgefährdung hilft die Klima-Anlage. Zumal die ehemalige Reithalle für Oper und Konzert ohnehin nicht mehr extra umgebaut und -gerüstet werden muss. Ziemlich viele Annehmlichkeiten gibt es also auf diesem Hügel zwischen Rosenheim und Chiemsee, von dem aus sich in den Aufführungspausen so wunderbar der Sonnenuntergang bestaunen lässt – oder, was auch gern vorkommt, das aufziehende Gewitter.

Der Chef Ludwig Baumann, im Erstberuf Opernbariton, kann in diesem Jahr den 20. Geburtstag seines Festivals feiern. Die Jubiläumssaison startet am 10. Juni mit der Premiere von Mozarts „Zauberflöte“. Eigentlich waren die Immlinger Festspiele einst als Baumanns Wiedereingliederungsmaßnahme ins Musikleben gedacht: 1994 stürzte er bei einer Probe in den Graben der Dresdner Semperoper und musste wegen chronischer Rückenschmerzen seine Karriere beenden. „Ich hatte nie die Absicht, ein Festspiel in diesem Ausmaß anzustreben“, sagt Baumann heute.

Inzwischen ist er bei neun Festivalwochen, einem Jahresetat von zwei Millionen Euro (50 Prozent davon werden selbst eingespielt!) und zwei Gesangswettbewerben gelandet, von denen einer sogar unter dem Immling-Label in China ausgetragen wird. Trotz aller Anstrengungen und Ausweitungen hat Baumann nie den engen Kontakt zum Chiemgau verloren. Am deutlichsten zeigt sich das im Festspielchor, der sich monatelang auf die Produktionen vorbereitet: „Um 17 Uhr steht die Bäuerin noch im Stall und kurze Zeit später in ,Aida‘ auf unserer Bühne.“

Freistaat Bayern erhöhte nach Murren den Zuschuss

Baumann verhehlt nicht, dass die Konkurrenz größer geworden ist und es nicht mehr so leicht ist, die Besucher auf seinen Hügel zu locken. Viele Festivals sind im weiteren Umkreis dazugekommen, man denke nur an Gustav Kuhns Spektakel im Tiroler Erl: „Kuhn hat ja viel Glück mit seinem Mega-Sponsor“, sagt Baumann. „Der schläft ruhiger als wir.“ Und richtig sauer wurde der Prinzipal, als der Freistaat vor einiger Zeit Enoch zu Guttenberg großzügigst unter die Arme griff, da diesem für sein Herrenchiemseer Festival der Hauptsponsor wegbrach: „Ich gönne jedem das Geld, diese Ungleichbehandlung fand ich aber mehr als ungerecht.“ Schließlich sei man ebenfalls als Touristenmagnet aktiv und beschere der Region Zusatzeinnahmen. Baumanns Grollen hatte Erfolg: Der Zuschuss wurde von 70 000 auf 250 000 Euro erhöht.

Die ganz heiße Regie-Zeit, als mit Buhs und erbosten Nachgesprächen auf die Inszenierungen reagiert wurde, ist in Immling vorbei. Dennoch will Baumann nicht mit Wohlfühl-Regie, sondern mit Ambition punkten. Bei der Stückauswahl sind ihm allerdings die Hände gebunden. Als zum Beispiel vor zwei Jahren Leoncavallos „Pagliacci“ und Puccinis „Tabarro“ gekoppelt wurden, ließ die Nachfrage deutlich nach. Hits wie heuer „Zauberflöte“ und „Carmen“ müssen also sein. Und dennoch: Man gönnt sich dort seit vier Jahren auch schräge Ausflüge in Barockes. Anfangs interessierte das nur gut 200 Menschen, jetzt sind es weit über 1000. „Schuld“ an dem ist die Immlinger Chefdirigentin Cornelia von Kerssenbrock, die bei Händel & Co. auf Experimentelles setzt: „Ich hatte schon Techno-Leute dabei oder einen Jazz-Pianisten. Für mich ist der Barock vom Rhythmus bestimmt, da liegt das doch nahe.“ Heuer steht Händels „Rinaldo“ auf dem Programm, Ludwig Baumann inszeniert selbst. Eine reine Familienangelegenheit also – vor drei Jahren hat er schließlich seine Festival-Dirigentin geheiratet.

Die Jugendarbeit trägt Früchte

Zum Jubiläum gibt es neben den Opernproduktionen noch Konzerte, den Orff-Doppelabend „Der Mond“/ „Carmina Burana“ und auch das traditionelle Angebot für den Nachwuchs. „Unsere Jugendarbeit trägt schöne Früchte“, sagt Cornelia von Kerssenbrock. „Wir registrieren viele junge Familien, die sich auch in die große Oper wagen. Wir bieten hier also wirklich Oper für alle, weil es keine Schwellenangst gibt.“

Der diesjährige „Rinaldo“ ist für Ludwig Baumann keine Ausnahme: Immer wieder setzt sich der Chef in den Regiestuhl. Doch sich selbst inszenieren, das liegt dem 65-Jährigen mit der sanften Stimme noch immer nicht. „Ich bin kein Barockfürst.“ Und neidisch auf die jungen Sängerkollegen in seinen Produktionen sei er erst recht nicht. „Ich habe mir schon zu Beginn meiner Karriere als 22-Jähriger gesagt: Du wirst einmal nicht als frustrierter, alter Sänger enden.“

Informationen:

Die Immlinger Festspiele dauern vom 10. Juni bis zum 14. August; Näheres zum Spielplan und zum Kartenverkauf unter www.gut-immling.de.

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