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Wie eine Familie: Nemo, Dorie und Marlin (v.li.).

Zum Kinostart

„Findet Dorie“ liefert frischen Fisch

München - „Findet Nemo“ begeisterte Publikum und Kritiker. Jetzt, 13 Jahre später, wird der Animationsfilm fortgesetzt. Wir haben uns auf Spurensuche des Kino-Erfolgs begeben. 

Mehr Kindchenschema geht nicht. Sommersprossen, Kulleraugen und ein Hang zur Tollpatschigkeit – war doch klar, dass Dorie, dieser drollige Paletten-Doktorfisch, zum heimlichen Star von „Findet Nemo“ avancieren würde. Und so war es nur eine Frage der – mit 13 Jahren zugegebenermaßen recht langen – Zeit, bis Disney/Pixar der Kinogänger-Herzen-Eroberin ihren eigenen Film schrieben. An diesem Donnerstag kommt „Findet Dorie“ in die Lichtspielhäuser.

Nun ist das mit Fortsetzungen immer so eine Sache. Teil eins spielte im Jahr 2003 allein an seinem Startwochenende in den USA umgerechnet 59,4 Millionen Euro ein. Das war zuvor noch keinem anderen Animationsfilm gelungen. Insgesamt brachte „Findet Nemo“ rund 867,9 Millionen US-Dollar und wurde zum bis dahin finanziell erfolgreichsten Walt-Disney-Werk.

Mit auch für die Meereswelt nachhaltigen Folgen: Gibt man bei Google „Clownfisch“ ein, wird einem als vierter Suchbegriff „Clownfisch kaufen“ vorgeschlagen. Der orange-weiße Meeresbewohner wurde mit einem Wellenschlag zum begehrten Haustier. Gerade erst berichtete die „Huffington Post“, dass die echten Anemonenbewohner am Rande des Aussterbens sind – schuld sei der Handel, der die große Nachfrage an Clownfischen nach dem Erfolg von „Findet Nem“ zu decken versuchte. Die Chemikalien, die zum Fangen der Tiere genutzt wurden, beschädigten die Korallenriffe, ihren natürlichen Lebensraum.

Das Genre „Kinderfilme“ ist ein Haifischbecken

Aus Tierschutzsicht wäre ein Flop von Teil zwei also geradezu begrüßenswert. Aus der der Filmemacher freilich nicht. Die Angst davor aber ist da – klar, Hollywood ist auch im niedlichen Kinderfilmbereich ein Haifischbecken. Christian Tramitz, der wieder Nemos Papa Marlin seine deutsche Stimme gibt, verhehlt das nicht. „Natürlich hat man Sorge, dass die Fortsetzung floppt. Weil die Messlatte ja wahnsinnig hoch lag“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung wenige Stunden vor der Deutschlandpremiere in Berlin. Aber: Das Resultat habe ihn begeistert. Das sei kein Sequel, das eine auserzählte Geschichte künstlich fortsetze. „Es kommen so viele neue Figuren, so viele neue Geschichten vor, ich find’s grandios. Ich weiß gar nicht, welcher Teil mir besser gefällt“, betont er.

Der 61-jährige Schauspieler mit der angenehm warmen Stimme, die zum überbesorgten Fischpapa Marlin passt wie der Stöpsel in die Badewanne, ist sich sicher: Die Pixar-Animationskünstler hätten keine Fortsetzung gemacht, hätte die Handlung für sie nicht wirklich gestimmt. Denn hier wird nichts dem Zufall überlassen. Tramitz: „Das Zusammenspiel von Bild, Animation, Musik, Geschichte – das haben sie drauf, das bewundere ich.“

Anke Engelke spricht Dorie

Dabei ist die Struktur des Familienfilms wieder relativ simpel. Was „Findet Nemo“ war, wird nun nicht nur dem Namen nach zu „Findet Dorie“. Das treuherzige Fisch-Weibchen mit Gedächtnisstörung erinnert sich in einem lichten Moment daran, dass es doch irgendwann einmal auch so einen Papa wie Marlin hatte. Und eine Mama noch dazu. Sie macht sich auf die Suche nach den beiden, geht dabei aber selbst verloren. Klar, dass Nemo und sein Vater sich ebenfalls in den offenen Ozean wagen, um sie wiederzufinden. „Also im Grunde genommen eine Heldenstory wider Willen“, beschreibt es Tramitz. Und Anke Engelke, die mit ihrer Stimme wieder rührend die naive, kindliche Liebenswürdigkeit Dories zum Leben erweckt, ergänzt: „Der Film hat eine neue Tiefe gewonnen, weil der Fokus zwar erneut auf den Themen Suchen und Freundschaft ernst nehmen liegt, aber geweitet wird. Es geht um Familie und um die Definition von Familie.“

Wer ist mit wem wie verbunden? Marlin ist ein alleinerziehender Vater, Nemo ist ein Einzelkind, Dorie ist alleine. Die drei bilden jedoch etwas. Aber was ist das? Eine Familie? Eine Clique? Wie immer man ihr Verhältnis untereinander benennen mag, die kleinen und größeren Herausforderungen des Zusammenlebens machen auch die vermenschlichten Meeresbewohner durch. Zur Freude des Publikums. „Als Vierfachvater habe ich immer gedacht: Boah, genauso ist es“, sagt Tramitz lachend. Der Münchner ruft sie ja selbst zur Genüge seinen Kindern zu, die mahnenden Worte. „,Pass auf, wenn du mit dem Rad fährst!‘, ,Setz den Helm auf!‘, ,Fahr nicht zu schnell!‘,‘“, leiert er das kleine Einmaleins der Eltern-Sprüche herunter. Denn: „Es ist ja nichts anderes als Verkehrsregeln unter Wasser, die einem da beigebracht werden.“

Der Tierpark Hellabrunn wirbt mit Nemo

Und das alles in einer Kulisse, die vom trockenen Kinosessel aus betrachtet herrlich wuselig, farbenprächtig und phänomenal lebensecht erscheint. Ideal für Landratten wie die zwei Synchronsprecher, die im echten Leben gar nicht gern ins weite Meer hinausschwimmen. „Ich bin leidenschaftlicher Segler, doch ich kentere nicht gern. Denn sobald ich auf offenem Meer im Wasser bin, denke ich: Was ist jetzt unter mir? Das weiß man ja, wenn man sich ,Findet Dorie‘ anschaut, was da so rumschwimmt“, gesteht Tramitz grinsend.

Wer trotzdem das Bedürfnis hat, einen Clownfisch einmal Schuppen-nah zu sehen, sollte dazu übrigens nicht einen Tierhändler bemühen. Stattdessen lohnt ein Besuch im Tierpark Hellabrunn. Der wirbt mit dem raffinierten Spruch: „Nemo? Ist inzwischen eine Frau!“ Im Zoo erfährt man dann zum Beispiel, dass Clownfische tatsächlich ihr Geschlecht wechseln. Wenn ein Animationsfilm selbst animiert – zum freiwilligen Biounterricht nämlich – wünscht man ihm jeden Erfolg der Überwasserwelt. Und so eine Messlatte lässt sich doch mit einem Flossenschlag herunterschubsen...

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