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„Ganes sind mythische Wasser-Wesen“ und so zeigen sich Maria Moling, Elisabeth Schuen und Marlene Schuen (v.li.) auch im Schilf.  

Neuerscheinung

Ganes singen Südtiroler Sagen

München - Wir sprachen mit den Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen vom Südtiroler Trio Ganes über ihr ladinisches Album „An cunta che“. 

Dieses Album war längst überfällig. Die Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen und deren Cousine Maria Moling sind schließlich in La Val aufgewachsen, einem Dolomiten-Dorf im Südtiroler Gadertal, wo man heute noch Ladinisch spricht, eine vom Aussterben bedrohte rätoromanische Sprache. Vor sieben Jahren gründeten die drei studierten Musikerinnen das Pop-Trio Ganes, benannt nach Fabelwesen aus ihrer Heimat: „An unserem Haus fließt der Ganes-Bach vorbei“, erklärt Marlene, „und Ganes sind mythische Wasser-Wesen mit speziellen Fähigkeiten, die immer wieder in den Dolomiten-Sagen vorkommen, mit denen wir aufgewachsen sind“. Nun haben die drei Südtiroler Sirenen ihr fünftes Album komplett jener ladinischen Sagenwelt gewidmet. Der Albumtitel „An cunta che“ bedeutet auf Deutsch „Man erzählt, dass“.

Viele Jahrhunderte lang wurden die Mythen der Dolomiten nur mündlich überliefert, bis der Volkskundler Karl Felix Wolff sie um 1900 sammelte, niederschrieb und veröffentlichte – auf Deutsch. „Marlenes Volksschullehrerin Lydia Zingerle hat die Sagen schließlich auf Ladinisch nacherzählt und kindgerecht aufbereitet, in einem Buch, das auch ,An cunta che‘ hieß“, berichtet Elisabeth. „Als Kinder waren wir total begeistert von diesem Buch. Wir hatten sofort ganz starke Bilder im Kopf, zumal all die Geschichten praktisch vor unserer Haustür spielten. Auf Wanderungen mit unseren Eltern haben wir uns immer vorgestellt, was an den jeweiligen Orten alles passiert ist.“

Ganes haben alte Sagen neu interpretiert 

Neben einigen höchst originellen kürzeren Sagen, in denen man beispielsweise erfährt, dass eine unglückliche Mondprinzessin für die fahle Färbung vieler Felsmassive verantwortlich ist, bildet der Sagenzyklus vom Reich der Fanes das Herzstück der neuen Ganes-CD. Er spielt auf dem Fanes-Hochplateau in den Dolomiten, gilt als Nationalepos der Ladiner und wird von Experten mit der „Ilias“ verglichen. „Interessant ist, dass es hier auch Totemtiere gibt“, erläutert Marlene, „aber nicht etwa starke, mächtige Tiere  wie bei anderen Völkern: In der Fanes-Sage sind das lustigerweise die Murmeltiere!“ Moltina, die Mutterkönigin  des Fanes-Volks, wächst als Waisenkind unter Murmeltieren auf, schließt später einen Pakt mit ihnen und lernt sogar, deren Gestalt anzunehmen. Marlene lacht: „Wäre es nicht toll, wenn man sich in so ein süßes Murmeltier verwandeln könnte?“

Auf der CD „An cunta che“ haben Ganes die alten Sagen neu interpretiert, sie sozusagen ins Heute transportiert: „Nachdem wir in der Kindheit einen ganz naiven Zugang dazu hatten, war es jetzt spannend, sich intensiv damit zu beschäftigen und herauszufinden, was wirklich hinter diesen Legenden steckt“, betont Elisabeth. „Was für Lebensweisheiten werden da vermittelt? Was haben uns die Geschichten heute noch zu sagen?“ Unter anderem könne man lernen, dass Habgier letztlich bestraft werde – und dass man akzeptieren müsse, dass sich der Lauf der Natur nicht  aufhalten lasse. Hochaktuell sei auch das tragische Schicksal des tapferen Kämpfers Ey de Net („Nachtauge“), der von einem bösen König verjagt wird: „Nach seiner Vertreibung findet er zeit seines Lebens nie wieder eine zweite Heimat.“

Die drei Damen singen auf Ladinisch

In  anderen Liedern sei es darum gegangen, die starken Bilder, die bis heute in ihren Köpfen sehr präsent seien, in entsprechende Soundlandschaften zu übertragen. So erzähle „Dolasila“ etwa von der gleichnamigen Königstochter, die von ihrem machthungrigen Vater dazu gezwungen werde, ihr Wort zu brechen und erneut in den Krieg zu ziehen: „Das Lied schildert den Abend vor der entscheidenden Schlacht, die ausgerechnet auf den Armentara-Wiesen in unserem Heimatdorf stattfand“, fügt Marlene an. „Dolasila wird von düsteren Vorahnungen heimgesucht – und von 13 verwahrlosten Kindern. Sie erbetteln 13 verzauberte, nie fehlgehende Pfeile von ihr. Und just durch diese Pfeile wird Dolasila tags darauf getötet.“

Flirrende Bläser, unruhige Streicher und dissonanter Chorgesang erzeugen in jenem Lied eine bedrohliche Stimmung. „Als wir die Lieder für unser Konzeptalbum arrangiert haben, hatten wir konkrete Vorstellungen, wie es klingen sollte“, sagt Elisabeth. „Wir wollten einen sehr atmosphärischen Sound, eher in Richtung Filmmusik, mit viel Hall, der an das Echo in den Bergen erinnert, und mit vielen verschiedenen Instrumenten, die den Klang groß und kräftig machen.“ So finden sich auf den Aufnahmen unter anderem neben Flügelhorn, Klarinette, Querflöte, Geige, Cello und Kontrabass auch Hackbrett, Klimperklavier, ein Drumcomputer, eine alte elektronische Vermona-Orgel und diverse analoge Synthesizer. „Es hat uns gereizt, diverse Sounds zu mischen“, ergänzt Marlene, „und zum Beispiel einen Juno-Synthi mit echten Hörnern zu kombinieren“.

Dass die drei Damen dazu auf Ladinisch zu hören sind, erhöhe den Reiz, findet sie: „Es ist ein bisschen wie bei isländischen Bands wie Sigur Rós, die in ihrer Heimatsprache singen. Das klingt für uns auch wie eine Fantasiesprache, die zur Magie der Musik beiträgt. Zudem gibt es ja im CD-Booklet Erläuterungen zu jedem Lied – und auf der Website www.ganes-music.com findet man die Übersetzungen sämtlicher Songtexte.“ Nun freuen sich die Ganes-Grazien schon darauf, ihr Album live zu präsentieren: auf einer Tour, die am 2. November beginnt. Wie sie die Lieder konkret auf der Bühne umsetzen wollen, mag Marlene noch nicht verraten. „Aber eines kann ich schon versprechen: Wir werden dafür sorgen, dass die Zuhörer auch im Konzert gut in unsere Sagenwelt eintauchen können!“

Konzerte in der Region:

am 2. und  3.  November in Kolbermoor (Kesselhaus); am 17. November in Bad Tölz (Kurhaus); am 20. November in München (Volkstheater).

Marco Schmidt

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