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Georg Ringsgwandl über seine Musikerkollegen: „Die lehnen einen Song auch mal ab. Sehr höflich, aber wenn die nicht wollen, hau ich das Lied sofort weg, weil ich weiß, dass etwas nicht damit stimmt.“ 

Interview mit dem "Münchner Merkur"

Georg Ringsgwandl: "Trostlose Nachkriegs-Spießer gibt es nicht mehr"

München - Georg Ringsgwandl spricht im Interview über sein neues Album „Woanders“, das Spielen im Wohnzimmer und das Dazulernen im Alter.

Georg Ringsgwandl sitzt sehr entspannt in einem Garten in Sendling, dort wo man München noch nicht die Seele raussaniert hat. Hier hat er in einer Altbauwohnung sein neues Album „Woanders“ eingespielt. An sechs Tagen, alles live mit drei Begleitmusikern. Der 67-jährige Ringsgwandl ist diesem feinen akustischen Meisterstück Lichtjahre weg vom schrillen Kabarett-Punk, mit dem er vor einem Vierteljahrhundert bekannt wurde. Der studierte Kardiologe legt heute viel Wert auf Handwerk und Mitstreiter, die ihm auch mal widersprechen. „Des musst lernen“, erklärt er lächelnd.

-Sie behaupten, kein Mieter hätte sich über die Musikaufnahmen im Mehrparteienhaus beschwert.

Wir saßen alle in einem Raum, und alle konnten so leise spielen, dass sie unter meinem Gesang geblieben sind. Wir haben uns alle gesehen und gehört, eine ganz urtümliche Situation. Das klingt ganz einfach, ist es aber nicht.

"Man kann nicht einfach losschrammeln"

-Warum musste es denn unbedingt in Ihrem Wohnzimmer aufgenommen werden?

Na, es ist ja eigentlich die Wohnung meiner Tochter und die hat das eine Zeit toleriert… Wir hatten schon lange die Idee für ein akustisches Projekt. Mit modernem Rhythmus und modernem Empfinden, aber mit ganz ursprünglichen Instrumenten. Man kann sich aber nicht einfach hinsetzen und anfangen loszuschrammeln. Die Band muss sehr, sehr gut aufeinander eingespielt sein. Und man braucht einen lässigen schwarzen Swing. Das sind Sachen, die so selbstverständlich klingen, als ob man sie so nebenbei hinrotzen könnte, so als ob das jeder mit einer Gitarre zuhause hinbekommt. Aber so leicht zu klingen, das ist schwierig.

-Weil man nur eine Aufnahme nehmen kann, die fehlerfrei durchgespielt ist?

Das ist das Problem. Es gab keine Korrekturmöglichkeiten, deswegen haben wir lange viel ausprobiert. Und als wir wussten, was wir wollten und wie es geht, ging es. Wenn es ein entspannter Nachmittag ist und alle gut drauf sind, dann ist ein Lied nach dem ersten oder zweiten Take im Kasten.

-Woher kommt bei Musikern eigentlich dieser Drang, zum „puren“ Klang zurückzukehren? Schon die Beatles haben das bei „Let it be“ versucht.

Es gibt im Leben verschiedene Sachen, die sehr schön sind. Mit Glück, zum Beispiel, erlebt man mit Frauen sehr schöne Sachen. Aber mit ein paar Leuten, zusammen zu musizieren, und diese Leute verschmelzen dann zu einer Art Organismus – das ist eine der beglückendsten Erfahrungen, die man machen kann. Das sind immer nur kurze Momente, und das herzustellen, ist gar nicht so einfach. Außerdem ist ein Vorteil beim leisen Spielen, dass man den enormen Klangreichtum der einzelnen Instrumente heraushören kann. Das geht nur bei menschlichen Lautstärken. Das ist die Lautstärke, für die beispielsweise ein Kontrabass oder eine Mandoline gedacht ist.

"Die Leute klagen, ändern aber nichts"

-Textlich greifen Sie oft die notorische Unzufriedenheit der Menschen auf, denen es eigentlich sehr gut geht.

Das ist eine Befindlichkeit, die man häufig trifft. Die Leute klagen über ihre Situation, ändern sie aber nicht. Veränderungen sind mit Mühen und Schmerzen verbunden, das wollen sie auch nicht. So ist der Mensch.

-Ich habe versucht, außerbajuwarischen Bekannten die Stücke ins Hochdeutsche zu übertragen, und festgestellt: Die Texte funktionierten nur im Dialekt.

Das ist so. Dialekt erzeugt eine gewisse Stimmung, transportiert ein bestimmtes Gefühl, und das ist im Hochdeutschen so nicht möglich. Dialekt wird nicht von einer regierungsamtlichen Akademie verordnet, sondern er entsteht im Alltag der Leute. Da kommen Worte und Wendungen direkt aus dem Leben und daraus resultiert ein Assoziationsreichtum, da geht eine Welt auf.

-Wenn es um die neue Platte geht, reden Sie oft von „wir“, obwohl nur Ihr Name auf der Hülle steht.

Für einen Künstler ist es immer eine heilsame Erfahrung, dass alles ganz anders ausschaut, sobald man mit anderen zusammen arbeitet. Das habe ich am Theater gelernt, wo man meine Texte einfach redigiert hat. Die Dramaturgen haben mir manchmal ganze Seiten gestrichen – aber es ist besser geworden. Das ist einer der wenigen Vorteile des Älterwerdens: Ich habe gelernt, dass es gut ist, wenn du mit gleichberechtigten Musikern zusammenarbeitest. Das sind hochkarätige Musiker, und die kaufen mir nicht alles ab. Die lehnen einen Song auch mal ab. Sehr höflich, aber wenn die nicht wollen, hau ich das Lied sofort weg, weil ich weiß, dass etwas nicht damit stimmt. Wirklich schön wird Musik, wenn andere Persönlichkeiten etwas dazu beitragen, das habe ich verstanden. Und es macht mehr Spaß.

"Meine Auftritte waren chaotisch"

-Es ist ein Vierteljahrhundert her, aber mit dem Image des vogelwilden Musikclowns werden Sie immer noch konfrontiert?

Häufig. Mit diesen grellen Auftritten bin ich ja bekannt geworden, und das ist vielen im Kopf geblieben. Es ist wichtig, in welchem Zusammenhang man das macht. 1988 ist nicht 2016. Die Welt hat sich verändert und wir auch. Als ich anfing, ging es mir um den Protest gegen eine bestimmte Nachkriegsbürgerlichkeit, und das war damals auch richtig. Aber die Menschen haben sich entwickelt und auch die ganze Art, wie in der Gesellschaft diskutiert wird. Die ganz trostlosen Nachkriegs-Spießer gibt es nicht mehr. Manchmal sagen die Leute: „Mach doch mal wieder so was wie damals, das war super.“ Die Wahrheit ist – das würde sich heute keiner mehr anschauen. Die Auftritte waren chaotisch. Wenn ich mich über irgendetwas geärgert habe, bin ich einfach verschwunden. Irgendetwas ist immer kaputt gegangen, Bier wurde auf die Bühne geworfen, dann haben wir einfach fünf Minuten Pause gemacht… das tun die Leute heute nicht mehr mit. Es gibt eine andere Erwartungshaltung. Außerdem sind die jungen Musiker heute viel professioneller als wir damals. Ich musste von meinen Kollegen einiges lernen und mir einiges abgewöhnen. Und ich werde auch viel kritisiert von den Burschen. Aber das ist gut so, denn dafür klingen die Sachen endlich so, wie ich sie immer schon hören wollte.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

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