„Rache nützt nichts“: Hannelore Elsner über die besondere Ausstrahlung von Schoah-Überlebenden. Foto: Stratmann/ dpa/ lhe

Merkur-Interview

Hannelore Elsner über ihren neuen Film, Kleinstadtmief und Scheinheiligkeit

München - Die Schauspielerin Hannelore Elsner spricht im Interview über ihre Rolle im Kinofilm „Hannas schlafende Hunde“, Kleinstadtmief und Scheinheiligkeit

Seit Jahrzehnten zieht Hannelore Elsner (73) das Publikum in Theater, Kino und im Fernsehen in ihren Bann. Elsner begann ihre Karriere in München. Sie gehörte unter anderem zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Ab Donnerstag ist sie in Andreas Grubers Kinofilm „Hannas schlafende Hunde“ zu sehen und gibt darin die herrlich frische Ruth, die ihrer Enkelin hilft, Familiengeheimnisse aufzubrechen. Ein Gespräch über Scheinheiligkeit und Lebensmut.

Sollte man schlafende Hunde öfter wecken?

Ja, wenn man das aushält, natürlich. Das Mädchen im Film braucht allerdings schon die Großmutter, um damit fertig zu werden, was da in der Vergangenheit der Familie lag.

Was ist die Großmutter für eine Frau?

Sie ist eine jüdische Frau, die versucht, ihrer Enkelin beizubringen, dass sie sich nicht schämen muss, weil sie Jüdin ist. Dass sie Rückgrat zeigen soll; dass sie keine Angst haben soll; dass sie zu sich selber stehen soll.

Es ist ein historischer Film, der auf wahren Ereignissen beruht – was können heutige Zuschauer daraus lernen? Wir meinen ja, dass diese Zeit vorbei ist.

Das ist ein großer Irrtum! Es gibt immer noch Missbrauch, es gibt Bigotterie bis zum Geht-nicht-mehr. Es gibt Fremdenhass. Es gibt Dummheit. Es gibt Frauenverachtung, und es gibt immer noch Männer, die ihre Frauen schlagen. Das alles kommt in diesem Film vor, und der spielt nicht vor 200 Jahren, sondern es ist 50 Jahre her. Man wundert sich heute, wenn man den Film sieht: Was? Das war Mitte der Sechzigerjahre? Wo ich als junge Frau hier in München war mit Jazz und Rock’n’Roll und ganz frei. Und da gab es das noch – diesen Mief? Und diese Nazis, diese alten? Und diese Frauenvergewaltiger? Und diese Verleugnung, und dieses Heimlichtun, das gab es da noch? Man wundert sich! Aber wenn man heute genau hinschaut, gibt es das ja immer noch, und hat es immer gegeben. Das ist eigentlich das Erschreckende.

Menschen ändern sich nicht?

Offensichtlich nicht.

Was kann denn dann ein Film tun?

Immer wieder darauf hinweisen, deshalb ist er wichtig.

Sie haben das Drehbuch gelesen und fanden gleich, dass diese Geschichte erzählt werden muss?

Nein, nein, es war mir viel zu düster – ich hatte überhaupt keine Lust. Ich wollte da nicht reinsteigen in diesen Kleinstadtmief, das ist ja so was von bedrückend, schon wenn man’s liest. Und ich dachte: Mein Gott, wer will sich das anschauen?

Warum haben Sie’s doch gemacht?

Weil die mich überredet haben. Weil auch das Drehbuch immer besser wurde. Und weil ich plötzlich dachte: Es ist wichtig, so etwas zu zeigen.

Wie war es dann für Sie, sich in die Rolle hineinzubegeben?

Es war schwierig. Die Drehtage waren wahnsinnig lang, die Perücke hat mir weh getan auf dem Kopf. (Lacht.) Aber das sind nur die äußerlichen Sachen. Das andere ist, dass da eine unheimliche Konzentration auch in mir war. Also da muss man ja ununterbrochen ganz auf dem Punkt sein und genau wissen, wo man steht als diese Figur. Das ist mir das Liebste an jeder Arbeit, die ich mache. Diese reine Konzentration. Damit meine ich auch alle Fühler ausgestreckt haben – reagieren auf alles, was da ist. Nicht nur auf das Eigene konzentriert, sondern offen sein für die ganze Situation.

Wie gefällt Ihnen das Resultat?

Das ist eine schwierige Frage. Ich fand’ es sehr bedrückend, sehr beeindruckend auch, beides. Ich bin ja so katholisch aufgewachsen bei den Englischen Fräulein im Internat – diese Scheinheiligkeit im wahrsten Sinne des Wortes hat der Film in Erinnerung gerufen. Diese Bigotterie! Und dann ist die Großmutter so erfrischend, wenn sie sich einfach traut, etwas zu sagen. Ich find’ die eh ganz toll. Sie ist so präsent, das Rückgrat der Familie.

Vermutlich der Grund, warum man Sie für die Rolle gewinnen wollte...

Vielleicht. Aber das ist ja immer ein Prozess. Das weiß man nicht vorher. Im Drehbuch stand, dass die mürrisch ist. Und ich hab’ gesagt: Wieso ist die mürrisch? Wieso? So will ich sie nicht spielen. Diese Frau ist gütig geworden, die hat was ganz Tolles mit ihrem Leben gemacht. Das ist eine Verzeihende und eine Liebende. Die ist durch ihren Schmerz gegangen und die ist nicht bitter und nicht bös’ geworden, sondern frei und gütig und tolerant. Das gefällt mir so an ihr.

Viele Traumatisierte verlässt der Lebensmut. Warum hat sie es geschafft, ihn zu bewahren?

Sie hat Glück gehabt. Es ist ein Glück, wenn man so viel Schrecken überwindet und weiterleben kann. Das ist eine große Tat, nicht selber bösartig zu werden. Wenn man sich selber verzeihen kann, wenn man dem anderen verzeihen kann. Wenn man es gut sein lässt. Das ist ja auch ein schönes Wort: Lass’ gut sein! Natürlich hat sie alles gesehen. Doch sie weiß, dass Rache nichts nützt. Sondern: bei sich bleiben, gütig werden, weich werden.

Ist es am Ende eine Charakterfrage, wie man mit dem Leid umgeht?

Vermutlich. Ich habe so viele Holocaust-Überlebende gesehen. Diese schönen Frauen, diese schönen Herren, die sehen alle nicht verbittert aus. Ich sehe schon noch den Schrecken, den sie erlebt haben, der ist auch in ihren Gesichtern. Aber sie sind solch strahlende Menschen. Das finde ich ganz unglaublich.

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